Leap ahead und Flashback

Enterprise

Das ist jetzt echt blöd gelaufen. Da wartet ein ganzes Heer schlecht bezahlter und vom allgegenwärtigen Branchenkauderwelsch sprachlich ausgemergelter IT-Schreiber auf die Headline ihres Lebens. Und dann das!

Lediglich CNet mit Sitz in San Francisco kriegt noch – wenn auch holprig – die Kurve und überschreibt den Artikel über die alljährliche Apple-Großveranstaltung vor Ort mit “New Macs – Intel inside, but not outside”. Die meisten anderen aber denken gar nicht daran, sich von der Realität eine gut klingende Schlagzeile kaputtmachen zu lassen, und dichten zur Macworld Überschriften mit dem bekanntesten Slogan der IT-Industrie, gerade so als sei der noch aktuell.

Ist er aber nicht. “Intel inside” ist out. Und das wiederum ist schade! Schließlich klebte das Inside-Bapperl nicht nur an unzähligen grauen Kisten, sondern auch an mehr als einem ganzen Jahrzehnt.

Es meinte den Prozessor. Den sollte man zwar möglichst nicht anfassen. Zumindest nicht, wenn man nicht gut geerdet ist. Aber er ist doch etwas Greifbares.

Darauf kann man – bei geöffnetem Gehäuse – mit dem Finger deuten. Und genau so hat es vor vielen Jahren der mitleidige Techniker gehalten und hat dem völlig ahnungslosen Anfänger die Komponenten eines PCs gezeigt: CPU, Memory, Harddisk, ISA-Slots, Karten.

Später hat man gelernt, solche Karten zu jumpern, Festplatten an Controller anzuschließen und SIMMs (Serial Inline Memory Modules) auszutauschen. Meist glückte einem derartiges erst in den frühen Morgenstunden in einem dann von Rauchschwaden völlig verhangenen Zimmer neben einem überquellenden Aschenbecher, in dem nachlässig ausgedrückte Kippen vor sich hin kokelten.

Aber man hat es immer geschafft – bei jedem Rechner, vorausgesetzt, das “Intel-inside-Logo” klebte dran. Von den anderen, den Macs und Amigas, hingegen hat man lieber die Finger gelassen. Die waren nie zum Schrauben da. Und man hat schon damals gewusst, dass sie eben deswegen auch nie wirklich wichtig werden würden.

Nun macht einen das alles noch lange nicht zum IT-Experten. Aber man hat doch nach einem bisschen Rumschrauben schnell gemerkt, dass die meisten anderen sich noch viel weniger mit der Materie auskennen als man selbst. Also konnte man anfangen, über Computer zu schreiben und sich damit seinen Lebensunterhalt verdienen.

Wer aber seinen Lebensunterhalt selbst verdient, ist erwachsen. Und deshalb ist man mit “Intel inside” erwachsen geworden.

Und nachdem man erst einmal verstanden hatte, wie das bei Intel-Rechnern stets mitgelieferte DOS funktioniert, war es auch gar nicht so schwer, Artikelchen über Solaris, MVS, DYNIX/ptx MPE/iX, LynxOS und was es sonst noch alles gibt zu formulieren. Ach ja, eine aufregende Zeit war’s. Jeden Tag eine neue Herausforderung!

Intel ist auch nicht schlecht damit gefahren. Das Kürzel, das den Namen des Konzerns bildet, steht für Integrated Electronics. Und Intel ist wie kein anderes Unternehmen seinem Namen gerecht geworden.

Es hat nach und nach das Memory-Management, die Caches und diverse andere Funktionseinheiten auf dem Prozessor-Chip integriert. Für die Computer-Bauer blieb da nicht mehr viel übrig. Nur noch das wenig anspruchsvolle Geschäft, jenen Chip mit ein paar anderen Komponenten zu einem PC zusammenzustecken.

Deshalb ist auch der Aldi-Lieferant Medion hierzulande zum fünftgrößten Anbieter geworden. Es ist schließlich egal, was außer “Intel inside” sonst noch draufsteht, wenn eh immer das gleiche drin ist.

Darüber hinaus hat Intel mit hohen Werbezuschüssen die Assemblierer an sich gebunden. Und dafür gesorgt, dass deren Fernsehspots und Zeitschriftenanzeigen die entscheidende Botschaft transportierten, nämlich “Intel inside”.

Sonderlich marktwirtschaftlich war das nicht. Aber wirklich erfolgreich in der Marktwirtschaft ist nur, wer sich nicht marktwirtschaftlich verhält.

Jetzt also will der Konzern in der Werbung besser rüberbringen, dass er nicht nur Prozessoren, sondern vielmehr ganze Plattformen anbietet. So hat’s ein Unternehmenssprecher formuliert.

Plattform! Ein ganz, ein ominöses Wort ist das. Und was immer es bedeuten mag, man kann nicht mit dem Finger draufzeigen. Wegen der Sache mit den Plattformen aber hat Intel die Werbe-Parole “Leap ahead” ausgegeben. Sowas passt immer, weil’s nix sagt.

Mit so einem Slogan hat’s ja schon mal einer probiert: “Der Große Sprung nach vorn” des Vorsitzenden Mao Tse Tung endete 1962 damit, dass eine ganze Volkswirtschaft auf die Nase gefallen war.

Wobei es ja eigentlich gleichgültig ist, mit welchen dummen Sprüchen die Industrie wirbt. Bloß: Sie lässt es sich so viel Geld kosten, dass die sich ganz tief ins Gehirn eingraben. Und deshalb assoziiert man mit einzelnen Lebensabschnitten immer irgendwelche Werbe-Slogans.

Nach “Viel Milch, wenig Kakao” kam “Dafür geh ich meilenweit”. Und dann eben folgte “Intel inside”. Was ein schöner Abschnitt war und vor allem – sloganmäßig gesehen – gegenüber dem vorhergehenden einer, der einen doch sehr vorangebracht hat. Eine schöne Zeit halt!

Da ärgert man sich natürlich schon, dass einen irgendwelche Marketing-Abteilungen der Illusion berauben, diese Zeit dauere noch an. Auch wenn in Wahrheit schon die nachfolgende, die “Auf-diese-Steine-können-Sie-bauen”-Phase fast abgeschlossen ist.

Ach ja. Aber so ist das halt. Nix hält ewig, selbst wenn das schönste Bapperl dranklebt.

Und was kommt jetzt? Das ist auch blöd. Wenn man Jahre am Schreibtisch verbringt, hat man’s ja im Kreuz. Und deswegen unterlässt man tunlichst irgendwelche “leaps”, wohin auch immer. Bleibt nicht mehr viel. Eigentlich nur noch: “Wer es kennt – nimmt Kukident.”

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