Verpassen deutsche IT-Dienstleister den Anschluss?

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Übernahmen unter den Top-Anbietern in den drei Ländern sowie länderübergreifende Expansion prägen den Konsolidierungsprozess in Europa.

Gemessen am weltweiten Umsatz mit IT- und TK-Technologie und -Services bleibt Europa trotz größerer Wachstumsraten in anderen Regionen der Welt ein wichtiger Markt: Etwa 30 Prozent des weltweiten Umsatzes erwirtschaften die Anbieter in der EU. Im Jahr 2005 waren das laut Prognosen des European Information Technology Observatory (Eito) 614 Milliarden Euro. Die drei größten Ländermärkte innerhalb der EU sind dabei Deutschland (21,5 Prozent Marktanteil), England (19,1 Prozent) und Frankreich (15,2 Prozent). Sie repräsentieren ein Marktvolumen von mehr als 342,6 Milliarden Euro.
 
Im Vergleich der drei wichtigsten europäischen Kernmärkte zeigt England die höchste Konzentration an der Spitze. So beliefen sich die Umsätze der Top-25-Anbieter für IT-Beratung und IT-Dienstleistungen in England 2004 auf 28 Milliarden Euro. In Deutschland waren es 20,3 Milliarden Euro. In Frankreich, wo die vergleichsweise geringste Konzentration an der Spitze des Marktes herrscht, betrug der Umsatz der 25 größten Anbieter für IT-Beratung und IT-Services 11,4 Milliarden Euro.

Dieses Bild verändert sich jedoch zusehends. Gerade französische Anbieter agieren seit einiger Zeit sehr erfolgreich auf der nationalen wie auf der länderübergreifenden europäischen Konsolidierungsbühne und versuchen damit, den Abstand zu den großen internationalen Anbietern zu verringern. So übernahm beispielsweise Atos Origin (Frankreich) die Karstadt-Tochter Itellium im Jahr 2004, im gleichen Zeitraum kaufte Unilog (Frankreich) das deutsche Beratungshaus Avinci, um dann 2005 seinerseits von Logica CMG (England/Niederlande) übernommen zu werden. Ebenfalls in 2005 wurde Mummert Consulting (Deutschland) von Steria (Frankreich) gekauft.

Übernahmeziele in Deutschland

Während IT-Beratungs- und Systemintegrationsunternehmen mit deutscher Herkunft begehrte Übernahmeziele darstellen, bleiben große länderübergreifende Übernahmen deutscher Anbieter in Richtung England oder Frankreich Mangelware. Eine Ausnahme bildet hier die Übernahme von Gedas durch T-Systems. Aufgrund des hohen Projektanteils von Gedas im Ausland hat diese durchaus auch einen wichtigen Effekt für das Auslandsgeschäft der T-Systems.
 
Bislang haben die großen indischen IT-Dienstleister wie Infosys, Tata Consultancy Services oder Wipro nur kleinere gezielte Übernahmen in Deutschland durchgeführt. Und zumindest öffentlich signalisieren sie kein Interesse an großen Übernahmen. Dennoch stellt sich die Frage, wie sie ohne Übernahmen in absehbarer Zeit zu nennenswerten Marktanteilen kommen wollen. Der Weg über organisches Wachstum mit erfolgreichen Projekten bei Großunternehmen und sukzessivem Ausbau der Tätigkeiten wird dauerhaft nicht die geforderten Umsatzziele ermöglichen.

Eine der kritischen Fragen in diesem Zusammenhang ist, mit welcher Geschwindigkeit deutsche Großunternehmen den Offshore-Anteil bei ihrer Anwendungsentwicklung hochfahren und inwieweit sie dafür auf einen der indischen Anbieter zugreifen. Denn günstige Entwicklerressourcen in Indien, oder auch in Tschechien oder Ungarn, bieten inzwischen auch die etablierten Rahmenvertragspartner der deutschen Konzerne an.

Warum große Übernahmen von Deutschland aus in Richtung England mit seiner höheren Bereitschaft für zukunftsträchtige Dienstleistungsthemen wie Business Process Outsourcing oder Public Private Partnership bisher nicht erfolgten, ist indes nicht recht nachvollziehbar. Können dort in erfolgreichen Projekten doch beispielsweise wichtige Erfahrungen gesammelt werden, die diese Konzepte für den deutschen Markt adaptierbar machen und so einen zeitlichen Wettbewerbsvorteil darstellen.

Im Interesse für den IT-Standort Deutschland wäre das auf jeden Fall. Erfolgreiche, international unter den Top-Anbietern aufgestellte Unternehmen mit Sitz und Kapitalmehrheit in Deutschland sichern vorhandene und zukünftige Arbeitsplätze und helfen, Investitionen in Innovation und Technologie-Entwicklungen nach Deutschland zu lenken.

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