“Web Services ist nicht das Ziel aller Wünsche”

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Sean Baker, Chief Corporate Scientist bei Iona, hält wenig von einer Dauereinrichtung für  Web Services und viel von einem erweiterbaren, technisch neutralen Enterprise Services Bus (ESB) für den Aufbau von Service-Architekturen.

silicon.de: Viele Firmen sind an Service-orientierten Architekturen (SOA) interessiert, wissen aber nur unzureichend, wie sie dieses Konzept anpacken sollen – auch weil die Hersteller ganz verschiedene Ansätze fahren. Wie löst Iona dieses Problem?

Sean Baker: Wir haben unser Flaggschiffprodukt ‘Artix’, das jetzt in der Version 4.0 herauskommt, so gebaut, dass es in unterschiedlichsten Umgebungen als ESB fungiert. Es erreicht dabei auch Legacy-Inseln, die ansonsten aufwändig in Funktionen und Services heruntergebrochen werden müssten, um dann erst in eine moderne und zukunftssichere SOA-Umgebung eingepasst zu werden. Ob Java, Corba oder Websphere.

silicon.de: Als Zauberwort bei SOA etabliert sich mehr und mehr die Integration.

Sean Baker: Richtig – und das ist es auch, worunter sich alles, was wir tun subsumieren lässt. Wir betrachten Web Services dabei nicht als Ziel aller Wünsche, sondern als notwendigen Zwischenschritt hin zu einer automatisierteren Orchestrierung der Funktionen. Und zwar unabhängig von der manchmal fanatisch betrachteten Softwaresprachenwelt, aus der die Anwender und Firmen kommen mögen. Wir legen auch innerhalb des SOA-Aufbaus wert darauf, dass alte Technik mit integriert wird. Deshalb fahren wir einen ESB-Ansatz, der als einheitliche und einzige Technik die alten und neuen Insellösungen ansprechen kann.

silicon.de: Gibt es Ihrer Ansicht nach Alternativen zu SOA?

Sean Baker: Nein. Gern wird aber Enterprise Application Integration (EAI) als so etwas angeführt. Doch EAI mit Corba kann wegen des inhärenten Services- und Registry-Gedanken nur als Vorläufer von SOA betrachtet werden. Denn hier fehlte der Impuls für durchgängige Prozesse und die echte Integration alter Welten. Außerdem handelte es sich um eine abgeschlossene Technik, die sich nur selbst integrieren konnte – hatten Sie Mainframes im Haus, so konnten Sie bis vor kurzem EAI vergessen. Mit Artix werden die alten Hobel sogar SOA-fähig und zukunftssicher. Das kommt von unserer Technikneutralität. Damit begegnen wir der Schlacht der Produktwelten, dem ‘Battle of the Stacks’.

silicon.de: Ist die Technikneutralität nicht eine Illusion?

Sean Baker: Wir berücksichtigen, dass es strategische und taktische Entscheidungen für SOA gibt. Ersteres trifft auf Firmen zu, die wie Schweizer Banken vorgehen – diszipliniert, radikal im Umbau und gründlich in der Umsetzung. Doch taktische Erwägungen sind viel häufiger. Sie erfordern ein “Ausprobieren” von SOA, einen schrittweisen Aufbau und eine Reißleine für den Notfall. Das muss möglich sein und deshalb brauchen wir mehr Standards und weniger isolierte Technikwelten. Doch solange dies nicht erfüllt ist – mehr Integration.

silicon.de: Wie sieht das bei Iona konkret aus?

Sean Baker: Artix setzt im Layer der Business Process Execution Language (BPEL) an, die heute als Quasi-Standard für den Aufbau einer SOA gilt. Hier erleichtert unser Produkt dem BPEL-Layer, die einzelnen Techniken anzusprechen und die Services abzurufen. Für den Anwender ändert sich nur insoweit etwas, als er jetzt weniger Code kennen muss: Er muss die einzelnen Technikinseln nicht mehr selbst isolieren und dem BPEL-Layer anschließend eigenhändig “beibringen”, um welche technische Insel es sich an welcher Stelle im System handelt. Das erledigt Artix für ihn. BPEL wird dabei unabhängig von der verwendeten Middleware direkt auf Artix aufgesetzt. Die sinnigerweise zentralisiert gehaltene Orchestrierung der Services kann sofort beginnen. Technik ist dabei fast immer eine Integrationsaufgabe. Das wird auch so bleiben. Dabei ist es egal, wo die zentrale Orchestrierung genau im System liegt. Auch alte und unbekannte Systeme können verpackt und als Services zur Verfügung gestellt werden, so dass eine Mainframe-Lösung theoretisch nahtlos mit mobilen Anwendungen kommunizieren könnte.

silicon.de: Das klingt, als ob die Geschmacksrichtung von SOA, die Iona bietet, viel Know-how voraussetzt. Können Sie sich vorstellen, dass dieses umfangreiche Technikwissen auch in den IT-Abteilungen im Mittelstand vorhanden ist? Immerhin sind dort Seminare für das Personal aus mehreren Gründen oft unerschwinglich.

Sean Baker: Es ist nicht schwerer zu lernen als beispielsweise jede Middleware. Für ganz einfache SOA-Schritte haben wir andere Produkte wie ‘Celtix’ im Programm, aber gerade der Mittelstand braucht oft für 20 Prozent des Preises einer Großkundenlösung 80 Prozent von deren Leistung. Gerade dort kann ich mir SOA sehr gut vorstellen. Wir haben es einfacher gemacht für die Kunden, damit zu beginnen. Das Packaging und die Lizenzkosten sind so angepasst, dass es zwar kein ‘SOA out of the Box’ geben wird – das ist sowieso eine Illusion – aber wir bieten eine flexibel wachsende Palette, mit der Kunden echtes Quality of Service über alle Geschäftsprozesse hinweg gewährleisten können, wenn sie wollen. Wachstum und Eindampfen sind jederzeit möglich. Dem haben wir auch das Pricing angepasst. Gratis ist es deshalb noch nicht, aber die Features sind flexibel und erweiterbar, die Funktionen des ESB sind es und der Preis ist es auch. Der Kunde kann mit einem Return on Investment von etwa 18 Monaten rechnen. Die hauptsächlichen Kosten bei jeder neuen Technik sollten beim Anlernen der Mitarbeiter liegen. Das ist aber eine Investition in die Zukunft des Unternehmens.