Russland holt als Softwareschmiede auf

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Etablierte Geschäftsbeziehungen zu internationalen Unternehmen, ausgewiesene Technologiekompetenz und die räumliche Nähe zu Europa – Russlands ITK-Branche hat eine Aufholjagd gestartet, um sich als Softwareschmiede der Zukunft zu profilieren.

“Gib dringende Projekte den Amerikanern, große den Indern und unmögliche den Russen”, so fasst Steve Chase, Chef des Russlandgeschäfts beim Chiphersteller Intel, seine Erfahrungen zusammen. Wirtschaftsdaten belegen, dass immer mehr Unternehmen diese Erkenntnis teilen: So stiegen die Umsätze russischer Softwareunternehmen in den vergangenen Jahren deutlich. Nach Angaben der Bundesagentur für Außenwirtschaft legten die Exporte von 2004 bis 2005 um 30 Prozent zu und erreichten 972 Millionen US-Dollar; 2007 sollen es bereits 2 Milliarden sein. Laut Bitkom (Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und Neue Medien) entfallen davon etwa 80 Prozent auf Software-Services.

Lange galt Indien als der Hauptwachstumsmarkt für IT-Outsourcing. Jetzt zeichnet sich ab, dass Unternehmen wie Wipro oder Tata ernsthafte Konkurrenz von russischen Wettbewerbern bekommen könnten. Die Gründe sind schnell erklärt: Russland bietet, wie auch Indien und andere Länder, qualifizierte Fachkräfte. Aus den traditionell starken Branchen der Atom- und Raumfahrttechnik rekrutiert die Branche Ingenieure mit einer fundierten technisch-wissenschaftlichen Ausbildung und einem Blick für komplexe Aufgaben aus der Praxis.

Von russischer Expertise profitieren

Internationale Unternehmen haben dieses Potenzial erkannt – und zwei Strategien entwickelt, es zu nutzen: Entweder gründen sie eigene Niederlassungen in Russland oder sie vergeben in großem Stil Aufträge zur Softwareentwicklung gezielt an russische Unternehmen. So unterhält Intel, neben Niederlassungen in den USA und Indien, auch Forschungs- und Entwicklungszentren in Russland. Das Unternehmen beschäftigt mittlerweile rund 1100 Entwickler und Ingenieure in Russland.

Siemens setzt bei Forschung und Entwicklung auf das 1997 in St. Petersburg etablierte Switching Software Center (SSC). In derselben Stadt eröffnete Hardware-Spezialist Hewlett-Packard (HP) im Februar dieses Jahres ein Forschungszentrum mit Schwerpunkt Informationsmanagement. Es ist das dritte Forschungszentrum, das HP in wachsenden Märkten etabliert. Auf Bangalore 2002 folgte Bejing 2005.

HP ist seit vier Jahrzehnten im russischen Markt aktiv. “Wir haben enge Beziehungen zu Behörden und Universitäten”, so Owen Kemp, Vice President und Managing Director, HP Russland. Bereits vor Eröffnung des neuen Lab startete HP Forschungs- und Investment-Initiativen in der boomenden russischen Wirtschaft und gründete das erste externe HP-Rechenzentrum der nächsten Generation mit dem renommierten Kurchatov Institut in Moskau, um künftige Utility-Computing-Systeme zu erforschen.

IT-Services auf Erfolgskurs

Auch IBM hat im Juni des vergangenen Jahres ihr erstes Entwicklungslabor in Russland gegründet. Rund 40 Millionen Dollar will Big Blue in das ‘Russian Systems and Technology’-Labor investieren, das bis zum Ende des Jahres 2008 voraussichtlich bis zu 200 Mitarbeiter beschäftigen soll. Dabei nutzt IBM die ausgeprägten Kenntnisse russischer Fachkräfte in Sachen Mainframes. Sie sind in Russland über Jahrzehnte hinweg aufgebaut worden, beispielsweise durch die Entwicklung von ES-EVM, eines Nachbaus des IBM-Großrechners System/360.

Gleichzeitig haben sich russische IT-Unternehmen in der Zusammenarbeit bewährt und in den vergangenen Jahren erfolgreiche Geschäftsbeziehungen zu internationalen Unternehmen aufgebaut. So hat sich Luxoft seit 2003 als ‘Preferred Supplier’ für die Deutsche Bank profiliert. Der weltweit agierende Software-Anbieter mit Hauptsitz in Moskau und Büros in den USA, Großbritannien und der Ukraine betreibt sechs Entwicklungszentren in Osteuropa.