BenQ-Pleite ruft Siemens-Manager auf den Plan

Management

Großkunden springen ab, eine Kündigungswelle droht, Politiker suchen emsig nach einem Ausweg – die BenQ-Pleite setzt nun wieder Siemens ins Licht. Die Manager, die die Sparte verkauft hatten, geizen nicht mit Rettungsvorschlägen.

So soll Klaus Kleinfeld, der Vorstandsvorsitzende von Siemens, dem bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber in die Hand versprochen haben, dass Siemens die etwa 3000 Beschäftigten nicht im Stich lassen werde. Unter ihnen sollen die ehemaligen “Siemensianer” bevorzugt bei Siemens unterkommen und bei Bewerbungen wie interne Mitarbeiter behandelt werden, hieß es.

Der Konzernchef sagte zwar damit nicht zu, alle BenQ-Mitarbeiter aufzufangen, doch es gebe Hilfestellung bei der Sicherung von Arbeitsplätzen. Derzeit seien beispielsweise 2000 sehr verschiedene Stellen bei Siemens in Deutschland offen, hieß es. Kleinfeld will außerdem den Insolvenzverwalter bei der Suche nach einem Investor unterstützen. Weiter habe er im Gespräch mit Stoiber gesagt, dass Siemens alle rechtlichen Möglichkeiten und Schritte gegen BenQ in Taiwan prüfe.

Andererseits jedoch verwehrt der Konzern strikt jede Einsicht in die Kaufverträge, wie sie die IG Metall mit Rückendeckung der bayerischen Regierung fordert. Inzwischen kritisierten auch Grünen-Politiker, dass die Einsicht, sich um die Mobilfunksparte zu kümmern, bei dem deutschen Vorzeigekonzern spät komme und bereits vor dem Verkauf im Jahr 2005 etwas mehr Engagement angebracht gewesen wäre. Die Stimmen, die auf Nokias Strategie, mit Handys Geld zu machen als Vorbild verwiesen, mehrten sich ebenfalls am Montag.

Als Folge der Insolvenz haben nun bereits die ersten Großkunden die Reißleine gezogen: Der Mobilfunkkonzern T-Mobile hat seine Bestellungen beim Handy-Hersteller BenQ auf Eis gelegt. Fragen wie Kundenservice und die Versorgung mit Ersatzteilen müssten neu geklärt werden, sagte ein Sprecher der Telekom-Tochter und bestätigte damit zum Teil einen Bericht der Financial Times Deutschland. Allerdings wolle man in einem Gespräch mit dem Insolvenzverwalter neue Möglichkeiten ausloten. Ziel der Verhandlungen sei es, weiterhin BenQ-Handys zu verkaufen, hieß es aus Kreisen des Großkunden. Auch Vodafone D2 soll einstweilen seine Bestellung bei BenQ gestoppt haben.

BenQ selbst verteidigte die Insolvenz als rechtmäßig. Die Einstellung von  Lieferungen und Zahlungen an die insolvente Tochter sei folgerichtig. “Nachdem der Insolvenzantrag gestellt war, mussten wir die Lieferung aus unseren chinesischen Fabriken an unsere deutsche Mobiltelefontochter beenden”, sagte Finanzchef Eric Yu von BenQ. Die Verluste der früheren Siemens-Sparte lägen demnach wegen nicht eingehaltenen Zeitplänen und daraus resultierenden Verlusten bei 840 Millionen Euro. Dieser Betrag habe sich während der vergangenen zwölf Monate angesammelt und Konsequenzen erfordert.

Als Grund für die Probleme verweisen Yu und BenQ-Strategiechef Rick Lei auf mitgeschleppte Fehler: Ein schlechtes Projektmanagement im Konzern und bei der deutschen Tochter sei verantwortlich. Das habe zu einer dreimonatigen Verzögerung bei der Einführung neuer Produkte und damit zu hohen Verlusten geführt. Das bereits unter der Siemens-Flagge defizitäre Geschäft sei nicht zu halten gewesen. Da beide Seiten – das Management in Taiwan und Deutschland – keine Lösung für die Schwierigkeiten gefunden hätten, sei der Insolvenzantrag gestellt worden, erklärte Yu. Siemens hatte das Geschäft mit Mobiltelefonen zunächst komplett nach Ungarn verlagern wollen und schließlich im vergangenen Jahr an BenQ verkauft. Den Mitarbeitern gegenüber war damals von Siemens-Seite aus von einer gewissen Beschäftigungsgarantie die Rede gewesen.

Doch den Beschäftigten in Deutschland droht nun eine Kündigungswelle. Der Münchner Betriebsratschefin Susanne Hahlweg zufolge hat der Insolvenzverwalter tiefe Einschnitte angekündigt. “Wenn wir es in 90 Tagen nicht schaffen, schlank und interessant für Investoren zu werden, ist es sicher das Aus für uns”, so Hahlweg gegenüber der Financial Times Deutschland. Sicherlich werde es zu einem Arbeitsplatzabbau kommen. Auch die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) forderte Siemens auf, den Mitarbeitern von BenQ Mobile zu helfen. In ihrer Rede zum Tag der deutschen Einheit in Kiel sagte sie, der Konzern müsse seiner Verantwortung nachkommen, auch um das Vertrauen in die soziale Marktwirtschaft zu stärken.

In die Diskussionen mischte sich auch der bayrische Wirtschaftsminister Erwin Huber (CSU) ein. Er machte in einem Gespräch mit der Passauer Neuen Presse Stimmung gegen den asiatischen Konzern. “Wir wollen natürlich den taiwanesischen Tiger nicht füttern, sondern Arbeitsplätze in Deutschland halten”, sagte der Wirtschaftsminister. Die bayerische Landesregierung will sich daher ebenfalls um einen strategischen Investor für die deutschen BenQ-Werke kümmern, der die Produktion in Deutschland fortsetzt. “Wir werden die vertraglichen Verpflichtungen, die BenQ eingegangen ist, genau mit Siemens untersuchen und peinlich darauf achten, dass BenQ alle rechtlichen Verpflichtungen einhält”, sagte er. Dazu gehöre auch, von Siemens bereits an BenQ gezahlte Mittel in Deutschland zu halten. Damit ist auch der Streit um die Frage, wem welche Patente gehören, angeschnitten.

Für die nächste Zukunft kommt aus dem Top-Management ein Betrag, der angesichts des Ausmaßes der Pleite wie ein Tropfen auf den heißen Stein wirkt: die Gelder, die als “Siemens-Hilfs-Fonds” bezeichnet werden. Das sind 35 Millionen Euro, die sich die Siemens-Spitze eigentlich selbst gönnen wollte. Die Erhöhung der Top-Manager-Bezüge um satte 30 Prozent, die geplant war, hatte allerdings zu Zeiten der BenQ-Pleite so viel Unmut in Politik und Öffentlichkeit erregt, dass Kleinfeld den Fonds “für die BenQ-Mitarbeiter” einrichten ließ. Wie dieses Geld allerdings zu ihnen kommt, ist noch unklar. Eine denkbare Variante ist, dass es beim Konzern bleibt, um Kleinfelds Versprechen abzusichern, einige BenQ-Mitarbeiter auf Siemens-Stellen zu setzen. Pikanterweise versuchte BenQ vor kurzem noch ausgerechnet mit einer Sparmaßnahme im Top-Management die deutsche Tochter zu retten: Im August sickerte durch, dass die Manager auf ein Drittel ihrer Bezüge verzichten oder gehen sollten.