IPv6 auf hartem Weg zur Business-Reife

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Die neue Generation des Internet Protocol, IPv6, ist standardisiert. Was man damit machen kann, steht auf einem anderen Blatt. Verschiedene Hersteller haben jetzt einen großen Test unter neutraler Aufsicht beendet. Und die Mängelliste ist lang.

Die neue Version des Protokolls wird noch vor Ende des Jahrzehnts Realität sein. Spätestens dann müssen sich die Firmen Gedanken um eine Migration machen. Zuvor sollten sich aber die Hersteller beeilen, die Inkompatibilitäten abzustellen. Immerhin sind dem Test zufolge so selbstverständliche Dinge wie E-Mail und Drucken selbst unter Laborbedingungen extrem schwierig.

Das Netzwerk-Testbed des University of New Hampshire InterOperability Lab (UNH-IOL), einem unabhängigen Testanbieter für Netzwerke, hat den Herstellern die Labore des ‘Moonv6’ geöffnet, damit sie ihre Produkte im Umfeld von IPv6 testen. Dabei haben Firmen wie Microsoft und Adobe einige Mängel festgestellt. Besonders bei ganz normalen Geschäftsanwendungen sollen neben erfreulichen Ergebnissen auch Bedenken entstanden sein, sagten die Forscher auf einer Pressekonferenz in den USA. Teilgenommen hatten unter anderem: Microsoft, Xerox, Adobe, Alcatel-Lucent, Hewlett-Packard, Juniper Networks, Konica Minolta, Hexago, Ixia, Command Information, Counterpath und Sun Microsystems.

Beim Testen von Software, Systemen oder Architekturen gegen IPv6 beziehen die Experten im Testbed Moonv6 alle Ebenen und alle heute denkbaren Szenarien mit ein. Sie berücksichtigen die verfügbaren Standards für IPv6 und die Rückwärtskompatibilität mit IPv4 sowie Funktionen, die Fixed Mobile Convergence und ähnliches ermöglichen.

Demnach seien in einem extra aufgebauten Test, der die Kompatibilität und die Funktionsweise von handelsüblichen und weit verbreiteten Produkten der Hersteller feststellen sollte, Fragen aufgetreten. Dinge wie File Sharing, Drucken und das Design von Websites waren zwar möglich, aber nicht einwandfrei. E-Mail war noch gar nicht an der Reihe, dürfte aber, den Informationen aus dem Labor zufolge, auch Probleme mit sich bringen. Die Produkte für E-Mail auf dem neuen Protokoll seien demnach da, aber getestet wurden sie noch nicht. Hier sind die Hersteller gefordert. Denn der Test ist, dem Labor zufolge, die Grundvoraussetzung für die Weiterentwicklung und die Verbreitung von IPv6 im Business.

Dessen ungeachtet soll die Arbeit auf dem neuen Protokoll sehr aufwändig sein. Die Lernphase sei dementsprechend lang und fordere den IT-Abteilungen also einiges an Trainingszeit ab. Wie Erica Johnson, Senior Manager of Software Applications am UNH-IOL, laut der US-Presse sagte, sei es besonders für IT-Profis ohne Vorkenntnisse über die Spezifika von IPv6 besonders schwierig, die Servereinstellungen so zu verändern, dass ganz normale Geschäftsanwendungen über das neue Protokoll laufen. Das Testbed, das von New Hampshire nach Kalifornien läuft und Verbindungen nach Europa und Asien hat, soll baldmöglichst mit proprietären Anwendungen, sowie Customer Relationship Management (CRM), Datenbanken und Infrastruktursoftware getestet werden. Außerdem müssen IP Multimedia Subsystems beweisen, dass sie mit dem neuen Protokoll funktionieren, damit baldmöglichst erste VoIP-Anwendungen ausgerollt werden können.

Die Überwachung der Tests habe gezeigt, dass sich zwischen den Entwicklern in IPv6 und den traditionellen Netzwerk-Admins unweigerlich eine Wissenslücke auftun werde. Außerdem beklagte Johnson, was auch in Deutschland als großes Manko empfunden wird: Es gibt noch so gut wie keine Business-Anwendungen für IPv6. Bereits im Jahr 2004 waren die großen Internet-Provider, wie Tiscali, DFN, Easynet, Freenet und Schlund+Partner soweit, ihre Angebote IPv6-fähig zu machen. Als einer der ersten deutschen Anbieter echter IPv6-Services gilt beispielsweise Space.net, ein Provider, der bereits im vergangenen Jahr IPv6-Dienste anbot.

Doch die getesteten und verifizierten Anwendungen fehlen heute immer noch, das ist auch ein Ergebnis des Tests der UNH-IOL. Und die Schulungen für IPv6 müssen laut Johnson jetzt beginnen, sonst entstehe ein echtes Problem in Sachen Human Resources. Wenn die Netzwerkexperten recht haben, und IPv6 in wenigen Jahren praktisch eingeführt wird, bleibt für diese Fragen, wie auch für die Interoperabilitäts-Aspekte, die oft erst beim Nutzer abgefragt werden, nicht mehr viel Zeit.