Die Zukunft der IT

Management

Einst galt die Informationstechnologie (IT) als die Zukunft der Wirtschaft. Erfindungsreichtum, Innovationskraft, Rationalisierungspotenzial und neue globale Geschäftsmöglichkeiten führten Jahr für Jahr zu zweistelligen Wachstumszahlen.

Inzwischen gibt sich der Branchenverband Bitkom mit einer Wachstumsprognose von 1,3 Prozent für 2007 durchaus zufrieden. Dennoch fördert die derzeitige Koalitionsregierung keine Branche mehr als die Informations- und Telekommunikations-Industrie (ITK). Im Dezember wird beim zweiten IT-Gipfel mit Kanzlerin Merkel möglicherweise sogar ein ‘Bundes-CIO’ beschlossen, der alle IT-Aktivitäten (insbesondere Förderung) koordinieren soll. Erinnert sei hier auch an die bereits mit 6 Milliarden Euro unterstützte ‘Hightech-Strategie’ von Forschungsministerin Annette Schavan, in deren Rahmen über 60 ITK-Projekte mitfinanziert werden.

Möglicherweise gelingt über den Einbau von Informationstechnik in Gesundheits- und andere Lösungen, was der hiesigen ITK-Branche bei den Basistechniken versagt blieb. Tatsächlich entwickelte sich die IT-Branche bei allem Hype nie zu einer Wirtschaftslokomotive. Dafür war ihr Anteil am Bruttosozialprodukt gemessen an den Erlösen etwa der Automobil- oder Anlagenbauer viel zu gering. Das liegt nicht zuletzt daran, dass die Exportnation Deutschland in Sachen Informations- und Kommunikationstechnik ein Importland geblieben ist.

Die Gründe finden sich in Geschichte und Geografie. Die Computerbranche wurde nach dem Zweiten Weltkrieg aufgebaut – wesentlich im Siegerland USA. Zwar durften die westlichen Alliierten und bald auch die Deutschen an dieser Entwicklung teilhaben, doch der Kalte Krieg mit seinen physischen Handelshemmnissen (Mauer) und den CoCom-Listen über Techniken, die nicht ins kommunistische Ausland gelangen durften, begrenzten den Handel durchaus. Aber nicht nur der Eiserne Vorhang, sondern auch die Nationalstaaterei schränkte den Handel ein. Von den einst riesigen nationalen Technologie-Konzernen ICL in Großbritannien, Olivetti in Italien, Groupe Bull in Frankreich und Siemens in Deutschland kann nur noch letzterer als eigenständiger Global Player gelten. Dass mit Kooperation mehr zu gewinnen ist als mit Konkurrenz, hat das europaweite Airbus-Projekt bewiesen.

In den USA stellte sich die Situation anders dar. Dort haben Regierungsgelder für den Kalten Krieg die Branche beflügelt. Riesige Wissenschafts- und Technologie-Cluster entstanden in den alten Ostküstenstaaten und in Kalifornien. Auch half der gewaltige Binnenmarkt des Nordamerikanischen Kontinents sowie die Exportmöglichkeiten der Supermacht in Europa und Asien. Hinzu kam der Braindrain von Computerpionieren wie Norbert Wiener, die in den USA weit bessere Arbeitsbedingungen fanden.

Kurz: Alle Basistechniken für Hardware, Netzwerke und horizontale Software entstanden in den USA und verbreiteten sich von dort in alle Welt. Schwierig wurde es für die erfolgsverwöhnten Amerikaner aber immer, wenn nationale Bestimmungen und Gewohnheiten den Einsatz ihrer Technik nicht eins zu eins möglich machten. Hier liegt der Kern des Erfolgs deutscher Betriebswirtschaftssoftware. Aufgrund der mittelständischen Strukturen mit notorisch knappen Kassen haben es jedoch nur wenige der hiesigen Firmen wie die SAP, die Software AG, Nixdorf (in Europa), Siemens und die Deutsche Telekom mit ihren Töchtern in die internationale Klasse geschafft. Auch der Erfolg europäischer Unternehmen beim Mobilfunk verdankt sich hiesigen Bestimmungen, die dank EU nicht mehr national, sondern europaweit gelten. Etwas anders liegt die Sache bei Open Source. Hier handelt es sich um eine amerikanische Idee, doch Linux und andere Programme haben ihren Siegeszug – gerade auch als Alternative zu amerikanischen Softwarekonzernen – von Europa aus angetreten.

All die historischen Hindernisse versuchen Branchenverbände, Industrie und Bundesregierung nun durch gezielte Maßnahmen hinter sich lassen zu wollen. Besonders grundsätzlich geht Bitkom-Präsident, Universitätsprofessor, Jazzmusiker, Softwerker und Lobbyist August Wilhelm Scheer die Probleme an. Wie in seiner Software liegt für ihn in der Durchgängigkeit das Rezept für das ITK-Musterland Deutschland. Das beginnt bei der Nachwuchsförderung, die vom Kindergarten bis in die Universität und dort in die Unternehmen oder zur Selbständigkeit führen soll. Damit könne man das strukturelle Nachwuchsproblem beheben, aber auch dadurch, dass man sich Studenten und Fachkräfte aus dem Ausland holt. Scheer möchte gern den Braindrain umkehren und wie die USA von der hereinströmenden Intelligenz profitieren. Mit Durchgängigkeit soll das immer wieder beklagte Problem behoben werden, dass hervorragende Erfindungen anderswo zu lukrativen Produkten werden.

Seine Vision zielt darauf, eine Infrastruktur und ein Klima zu schaffen, damit mehr einheimische ITK-Unternehmen als bisher den Sprung zum Global Player schaffen. Dafür sei es nötig, nicht nur Firmengründungen zu fördern, sonder auch deren Wachstum bis zum Konzern. Scheer ruft dazu auf, das scheinbar längst verlorene Wettrennen wieder aufzunehmen. Die Mittel klingen plausibel, aber hat er damit Recht?

In den vergangenen Jahren, das zeigen unzählige Fördermaßnahmen, hat der Bitkom mit solchen Ideen bei der technikaffinen Kanzlerin offene Türen eingerannt. In letzter Zeit aber scheint sie ernsthaft auf Ökologie umzuschwenken. Das hat sicher mit den in der Tat drängenden Energie- und Umweltproblemen zu tun, aber vielleicht sieht die Politikerin weiter als der ITK-Verband. Vielleicht betrachtet sie ITK längst als Infrastruktur für Lösungen wie das Umweltproblem – und erkennt in den Umweltproblemen wiederum einen Markt, in dem Deutschland noch nicht so viel Terrain verloren hat, wie bei der Informationstechnologie. Vielleicht ist es an der Zeit, ITK nicht mehr als Technologietreiber und Innovator zu feiern, sondern als Infrastruktur für echte Zukunftsmärkte zu nutzen.