Werksschließung bei Nokia: Boykottaufrufe und Imageverlust

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Nokia will das letzte deutsche Handy-Werk in Bochum schließen, die Entrüstung ist groß.

Viel Aufsehens machen vor allem Politiker – sie hatten sich eben erst noch mit der Schaffung des Standortes gebrüstet. Mit rund 88 Millionen Euro haben deutsche Steuerzahler seinerzeit die Ansiedelung der Finnen unterstützt. Auch Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Jürgen Rüttgers versucht nun, Schadensbegrenzung zu betreiben. Er erklärte, die Gespräche hätten erst angefangen.

Doch es wäre jetzt naiv zu glauben, dass ein “boykottiert Nokia!” von Dietmar Muscheid vom Deutschen Gewerkschaftsbund den finnischen Marktführer beirren könnte. Denn der harsche und kühl-rechnerische Ton von Aufsichtsrat Veli Sundbäcks Ankündigung “Die geplante Schließung des Werkes Bochum ist notwendig, um die Wettbewerbsfähigkeit von Nokia langfristig zu sichern”, stellt einen lebhaften Kontrast zu den Aussagen der ansonsten so freundlichen und umgänglichen Finnen dar. Diese haben wohl längst den Imageschaden und die damit zusammenhängenden Verkaufseinbrüche in Deutschland einkalkuliert. 

Eine gewisse Vorstellung des Imageverlustes gibt der aktuelle ‘BrandIndex’ des Kölner Marktforschungs- und Beratungsinstituts psychonomics. Verglichen wurde die öffentliche Wahrnehmung von Nokia mit relevanten Wettbewerbern, wie beispielsweise Sony Ericsson, Motorola, Samsung oder LG, vor und nach der Ankündigung der Werksschließung. Demnach hat sich die im Branchenvergleich bislang überdurchschnittlich positive Wahrnehmung und hohe Präsenz der Marke Nokia in der Öffentlichkeit in den vergangenen Tagen deutlich ins Negative gewendet. Der BrandIndex-Score von Nokia fiel von plus 23 auf minus 22 Indexpunkte. Auch die Qualität der Geräte werde nun anders wahrgenommen und rutscht von 62 auf 45 Indexpunkte ab.

Am eklatantesten ist der Verfall der Imagewerte von Nokia als potenzieller Arbeitgeber: Die am Vortag des Beginns der öffentlichen Debatte erhobenen Werte lagen im Wettbewerbsvergleich noch deutlich über dem Durchschnitt. In den letzten Tagen fiel Nokia in punkto Arbeitgeberimage in der Branche vom ersten auf den letzten Platz. Der Index sackte hier deutlich von plus 44 auf minus 8 Punkte ab. 

Es wäre naiv zu glauben, dass diese Zahlen die Manager in der Konzernzentrale überraschen. Vermutlich genau so naiv, wie die Annahme, dass die Massenproduktion von Elektronikgütern in Deutschland eine Zukunft hat. Vielleicht ist es auch naiv, zu glauben dass die Aussage Rüttgers: “Nokia muss sich überlegen, ob es weiter auf dem deutschen Markt präsent sein will”, irgend eine Folge für den Hersteller haben wird, denn diese Entscheidung hat der Hersteller längst getroffen. Für weitere Maßnahmen, wie etwa ein Verkaufsstopp von Nokia-Handys in NRW oder Strafzölle für finnische Importe, fehlt selbst dem Ministerpräsidenten die Kompetenz.

Da könnten die Ausage von Nordrhein-Westfalens Wirtschaftsministerin Christa Thoben (CDU) schon deutlich mehr Zähne haben. Sie will nämlich nicht nur  Antworten, sondern auch Geld zurück – und zwar eine ganze Menge. Rund 41 Millionen Euro an Staatshilfen für das Bochumer Nokia-Werk seien geflossen. Die Subventionen seien aber an die Zusage gebunden gewesen, dass dort 2800 Menschen beschäftigt würden, erklärte die Politikerin.

Nokia zieht ins neue rumänische ‘Nokia Village’ um und senkt damit die Lohnkosten, die in dem Werk rund 5 Prozent der Kosten ausgemacht haben, um den Faktor 10. Und daran wird auch Oskar Lafontaine nichts ändern, wenn er die Schließung des Werkes, in das auch Fördermittel der EU geflossen sind, als “Skandal” bezeichnet.

“Wenn man jemanden herlocken kann, indem man sagt, hier gibt es schöne Fördermittel, dann ist klar, dass spätestens nach Auslaufen der Förderung neu kalkuliert wird. Das würde jeder nüchterne Kaufmann so machen”, erklärte Christoph Schmidt, Präsident des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI) gegenüber dem Spiegel. Fast jede regionale Wirtschaftsförderung versuche, durch finanzielle Anreize Unternehmen ins Land zu holen. Daher sollte Nokias Abwanderung auch für einen Politiker keine Überraschung darstellen.

Vielleicht fallen die Reaktionen aus der Politik auch nur deshalb so empört aus, weil die Subventionen, die seit 1995 von Bund und Land an Nokia geflossen sind, vielleicht in einem weniger prestigeträchtigen Projekt des Mittelstandes viel besser aufgehoben gewesen wären, als in einem multinationalen Konzern, den neben wirtschaftlichen Interessen wenig an der Region NRW oder Deutschland gelegen ist. Naiv wäre es aber jetzt zu glauben, dass diese Werkschließung einen tiefschürfenden Wandel in der deutschen Subventionspolitik hervorrufen wird.

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