Von Daten- und Leistungsträgern

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Moderne optische Speichermedien haben die Eigenschaft, dass man ihnen nicht ansieht, was drauf ist.

Diese technische Selbstverständlichkeit muss man sich vergegenwärtigen, um richtig einzuordnen, worüber dieser Tage in Deutschland mit so vielen und so großen Worten diskutiert wird.

Um etwas über den Inhalt eines Datenträgers sagen zu können, muss man also entweder dabei gewesen sein, als jemand etwas in Form von Pits und Lands auf so eine silberne Scheibe geschrieben hat. Das allerdings war im vorliegenden Fall wahrscheinlich keiner. Oder – das ist am einfachsten – man schiebt sie ins Laufwerk und schaut sie sich am Rechner an.

Das aber kann niemand. Denn der Staat, der den Silberling, um den sich derzeit alles dreht, gekauft hat, rückt ihn nicht raus.

Deshalb ist man auf die paar wenigen gesicherten Fakten angewiesen, die bekannt geworden sind: Bei den gespeicherten Daten handelt es sich demnach um Namen und Kontobewegungen von Leuten, die verdächtigt werden, Steuern hinterzogen zu haben. Das hat das Finanzministerium erklärt.

Und: Es muss sich dabei insgesamt wohl um eine größere Summe handeln. Denn der Bundesnachrichtendienst hat rund 5 Millionen Euro für die DVD bezahlt. – Das ist alles!

Und deswegen diskutiert jetzt Deutschland die Legitimitätskrise seines Wirtschaftssystems. Das Handelsblatt sieht: “Die Elite am Pranger” (14.2.), die Passauer Neue Presse die hiesigen “Spitzenkräfte tief gesunken” (16.2.), und nahezu jedes Blatt schreibt von “Leistungsträgern”, deren Steuermoral zu wünschen übrig ließe.

Das Bankhaus Merck Finck & Co in Gelddingen, eine der allerfeinsten Adressen, beschwert sich denn auch in einem Leserbrief (17.2.) an die Bild-Zeitung und daselbst selbstverständlich an den Chefredakteur über eine “verleumderische Gleichsetzung von ‘reich’ und ‘kriminell'”.

Stimmt: Sowas wäre ungerecht. Und als Beleg dafür würde die ominöse DVD ja nun auch wirklich nicht ausreichen. Allein schon, weil deren Speicherkapazität beschränkt ist. Größere Datensätze weder über alle Reichen hierzulande, noch über alle Kriminellen würden darauf passen, wahrscheinlich nicht einmal zu allen kriminellen Reichen.

Feststeht nur, die Leute die draufstehen, sind das eine und werden verdächtigt, das andere zu sein. Mehr weiß die Öffentlichkeit nicht über sie. Gleichsetzen darf man diese beiden Dinge wirklich nicht.

Warum allerdings, so fragt man sich schon, wird dann so umstandslos von der Tatsache, dass ein Unbekannter reich und vielleicht der Steuerhinterziehung verdächtig ist, darauf geschlossen, dass es sich dabei um eine Spitzenkraft oder den Angehörigen einer Elite handelt? Es soll doch auch Menschen geben, die faul sind und über keinerlei Talente verfügen, aber ein schönes Vermögen geerbt haben.

Die spielen allerdings in der aktuellen Diskussion keine Rolle. Da wird der und das Verdienst synonym verwendet. Besonders konsequent darin ist das exklusive und stellvertretend für seine Klientel beleidigte Münchner Bankhaus. “Unsere Kunden sind vermögende Privatkunden, Leistungsträger der Gesellschaft also”, schreibt es an die nicht ganz so feine Zeitung.

Die aber ist gar nicht so. Und deshalb hat sie diese Woche auch erst einmal Platz für Josef Ackermann im Blatt geschlagen. Formal gesehen, nennt man so etwas im Journalismus ein Interview, also einen Diskurs in Frage- und Antwortform. Wenn der Interviewte aber mächtig und der Journalist willig ist, dann wird daraus leicht eine Abfolge von Stichworten und Werbebotschaften.

Die Botschaft des Deutsche-Bank-Vorstands, nun lautet: “Wir müssen neues Vertrauen schaffen!” Vertrauen nämlich sei wichtig, um wirtschaftliche Zusammenhänge zu erklären, so wie Josef Ackermann sie sieht, und um “möglichst jedem verständlich zu machen, warum Kapital und Wettbewerb, Marktwirtschaft und Globalisierung gut sind für die Menschen in Deutschland.”

Ja, das wird schwierig. In noch drastischere Worte kleidet der Pranger-Kommentar des Handelsblatt den Erklärungsbedarf: “Wer möchte glaubhaft darlegen,
dass schmerzliche Werksschließungen wie bei Nokia in Bochum tatsächlich einer gewissen wirtschaftlichen Logik und nicht nur kurzsichtiger Profitsucht folgen?”

Ganz schwierig wird das, diese gewisse Logik zu erklären. Aber man sollte sich über solche Fragen und das zerstörte Vertrauen durch diese DVD nicht unnötig den Kopf zerbrechen.
Außerdem sind DVDs ja überhaupt nicht mehr Stand der Technik. Die neuen Scheiben heißen Blue-ray-Disks. Da passt viel mehr drauf.

Angenommen es würde eine solche Disk auftauchen und sämtliche Leistungsträger der deutschen Wirtschaft wären darauf gelistet – als Spender an die Caritas, die nicht einmal steuermindernde Spendenquittungen in Anspruch genommen haben, selbst dann könnte niemand die Sache mit Nokia erklären und weshalb solche Dinge gut sein sollen “für die Menschen in Deutschland.”

Achim Killer ist freier Autor. Er arbeitet für die ARD, den Deutschlandfunk und für verschiedene IT-Publikationen. Sammlungen seiner silicon.de-Wochenrückblicke sind im Verlag BoD, Norderstedt erschienen.

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