Warum reden die bloß so?

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Die Woche nach einer Wahl – das sind Tage voller Fragen. Und die drängendste lautet: Warum reden die bloß so komisch?

Fünf Parteien waren in Hamburg angetreten. Zusammen haben sie genau 48.999 Stimmen verloren. Aber unisono erklären sie: “Wir haben die Wahl gewonnen!” (So exemplarisch Ole von Beust – minus 57.986 Stimmen – laut Hamburger Morgenpost am Wahlabend in der örtlichen Fischauktionshalle. Die Vertreter der anderen Parteien sagen das gleiche von sich.)

Da kann man doch nur von Glück reden, dass Hamburg an der Elbe und nicht am Euphrat liegt. Da nämlich sollen vor ein paar tausend Jahren ähnliche Symptome aufgetreten sein.

“Wohlauf, lasst uns herniederfahren und dort ihre Sprache verwirren”, zitiert die Heilige Schrift die seinerzeitigen Überlegungen des Herrn (Genesis, Kapitel 11, Vers 4 – Turmbau zu Babel). Zumindest dem christlichen Demokraten von Beust müsste das doch in den Ohren klingen. Denn dadurch kündigte sich eine große Katastrophe an: “So zerstreute sie der Herr von dort in alle Länder, dass sie aufhören mussten, die Stadt zu bauen” (ibid.).

Aber so sind Politiker halt: Wie andere Leute auch tun sie am liebsten, was sie wollen. Nur: Im Unterschied zu anderen nennen sie dies Wählerauftrag.

Erteilt werden derartige Aufträge am Wahltag. Und deshalb kennt der Abend eines solchen Tages nur chronische Gewinner. Sonst müssten ja einige von denen, die sich nicht zu wollen trauen, sondern sich statt dessen nur all zu gerne beauftragen ließen, plötzlich etwas ganz anderes wollen.

Nun ist die schlichte Logik, der Politiker folgen, aber – wie’s in der Natur der Sache liegt – ohne größere intellektuelle Anstrengungen nachvollziehbar. Allerdings von anderer Seite kommt ebenfalls ständig Seltsames.

“Willkommen” sagt beispielsweise Windows Vista beim Booten. Anschließend wird man von diversen Service-Programmen begrüßt. Jedes Stück Software heißt einen willkommen.

“Warum reden die bloß so komisch daher”, fragt man sich da wieder. Warum glauben popelige Ansammlungen von Nullen und Einsen einen auf seinem eigenen Rechner nach Hausherrenmanier begrüßen zu können?

Ein schlimmer Verdacht steigt in einem hoch: Sollten es vielleicht heutige PCs mit dem, was ihre Besitzer wollen, genauso halten wie Politiker mit dem Wählerwillen? Sind sie etwa auch von einem verkniffenen und unartikulierten Willen beseelt und kümmern sich deshalb nicht so recht um das, was diejenigen möchten, die eigentlich das Sagen haben sollten.

Die Zeiten, als das einzige, was von einem Rechner kam, das gute alte C:> war, sind schließlich längst vorbei. Prompt heißt diese Zeichenfolge. Und genauso wünscht man sich doch, dass Aufträge ausgeführt werden, egal ob man sie als Wähler oder als PC-Besitzer erteilt.

Aber ganz offenkundig tun Computer wie andere auch am liebsten das, was sie wollen. Ungefragt holen sie sich Updates aus dem Netz und sagen dem Nutzer, was er zu machen hat, anstatt umgekehrt. Eine Dreistigkeit, die man oft nur durch die Tastenkombination Alt+Ctrl+Del unterbinden kann.

Wenn jemand komisch daherredet, dann muss man einfach vorsichtig sein. Dann will er etwas, was er nicht so direkt sagen möchte.

Unternehmen etwa. Unternehmen wollen ihre Produkte losschlagen. Wenn sie darüber sprechen, verwenden sie aber lieber das seltsame Wort “Kundenzufriedenheit”. Das ist ein Begriff, der etwa so ernst zu nehmen ist wie die Sache mit dem Wählerauftrag.

Anders ist einzig die Deutsche Telekom. Die ist sprachlich zweigeteilt. Einerseits gibt es bei ihr noch viele aus der Zeit der alten Fernmeldebehörde. Die reden nicht von Kundenzufriedenheit, sondern sind nur dann zufrieden, wenn sie die Kunden vom Hals haben.

Behörden pflegen ja überhaupt eine ganz andere Sprache. Dort nämlich herrscht Ordnung. Und irgendetwas Lebendiges ist der schlimmste Feind jedweder Ordnung. Deshalb wirkt die Behördensprache immer so steril, so als verfüge jedes Amt über eine B11-Stelle, eigens um jedwede verbale Vitalität konsequent auszumerzen.

Die Telekom zum Beispiel kündigt ihren Kunden unter der Überschrift “Ä* (*Änderungsart)” den “Z* (*Zugang)” eines “STB-Instanzprodukt(s)” an. Was das ist, weiß die nette Dame aus dem Call-Center, deren Telefonnummer auf der Website der ehemaligen Fernmeldebehörde steht, allerdings auf Anhieb auch nicht so genau zu sagen.

Call-Center und Website sind nämlich die andere Seite der Telekom. Dort hält man sich lieber an den fröhlichen Verkäufer-Slang. “Deutschland quatscht sich leer”, heißt es aktuell im Netz, “mit supergünstigen Flatrates”. – Der nicht immer so zufriedene Telekom-Kunde fragt sich derweil, welche tote Sprache den gruseliger ist, jene der Beamten oder jene der Verkäufer, und was denn so ein STB-Instanzprodukt mit der Entleerung zu tun haben könnte, die die Telekom propagiert.

Es gab jedoch auch Erfreuliches diese Woche: Das Bundesverfassungsgericht hat ein neues Grundrecht kreiert, das auf “Gewährleistung der Vertraulichkeit und Integrität informationstechnischer Systeme”. Das ist doch was!

Aber eigentlich haben die Wähler ja das Parlament damit beauftragt, neues Recht zu schaffen. Deshalb sagt man auch Gesetzgeber dazu.

Die Abgeordneten waren allerdings zu sehr mit dem Gewinnen beschäftigt, als dass sie ihren Job hätten ordentlich machen können. Und sogar den Umstand, dass die höchsten Richter ihre Arbeit erledigen müssen, interpretieren sie als Sieg.

Guido Westerwelle nennt die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts einen “Meilenstein in der Rechtsgeschichte für Freiheit und Bürgerrechte”. Sie bestand im Wesentlichen darin, die Online-Durchsuchungen seines Parteifreundes und nordrhein-westfälischen Innenministers Ingo Wolf für verfassungswidrig zu erklären.

Und auch Wolfgang Schäuble, der das gleiche wie Wolf will, fühlt sich als Sieger. Die Richter hätten ja “die grundsätzliche verfassungsrechtliche Zulässigkeit” von Online-Durchsuchungen anerkannt.

Da fragt man sich halt: Warum reden die bloß so? – Man kann’s begreifen. Aber wirklich verstehen kann man’s nicht.

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