Tibet Tube

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Das Schlimme am Informationszeitalter ist, dass es einem wirklich die Gemütsruhe rauben kann. Zum Beispiel: der Aufruhr in Tibet.

Früher hätte einen sowas wohl kaum sonderlich gekratzt. Schließlich ist die Region weit weg. Und zu den Kernkompetenzen jedweder Despoten hat es schon immer gehört, Unruheprovinzen derart hermetisch abzuschirmen, dass kein Kamerateam rein- und somit keine Fernsehbilder rauskommen.

Von den Scheußlichkeiten in entlegenen Gebieten der Welt bekam man früher andernorts trotz des Fernsehens oft nichts zu sehen. Und deshalb haben sie einen kalt gelassen. Heute ist das anders – wegen der Handys. Und schon von daher ist man verunsichert.

Diese unsäglichen Dinger, die ganze Kulturnationen in riesige Telefonzellen verwandeln, wo fast jeder Belanglosigkeiten in sein Mobiltelefon brüllt und sich nicht darum schert, ob er damit seine Mitmenschen behelligt, diese kommunikationstechnische Plage, sie ist also auch zu etwas nütze: Man kann damit Bilder machen, die es ohne sie nicht gäbe.

Zwar ist Filmen nichts Neues. Aber wer hat früher schon dauernd eine Kamera mit sich herumgeschleppt? Ihr Handy aber haben die Leute stets dabei.

Und was sie damit filmen, stellen sie mit Vorliebe auf Youtube ein. – Und wieder ist man verunsichert.

Eigentlich war man ja zu der festen Überzeugung gelangt, dass dorthin nur Schrott hochgeladen wird, Youtube also eine Plattform für Pubertierende und die Werbebranche ist. Die pflegen beide ja die gleiche Sorte Humor.

Jetzt aber sind dort Filme von den Massenprotesten in Tibet zu sehen, Tränengaswolken, und im Hintergrund sind Schüsse zu hören. Die ausgeschlossenen Fernseh-Stationen haben sich aus diesem Material bedient und es weltweit versendet.

“How many times can a man turn his head?” fragte Bob Dylan 1962 in Blowing in the Wind diejenigen, die nie etwas gesehen haben wollen. Bei Bildern wie den aktuellen wird die Höchstdrehzahl sehr schnell überschritten.

Die Rollen in Tibet sind klar verteilt. Und eine Regierung, die wie die chinesische auf Demonstranten schießen lässt, hat sich die ihre selbst ausgesucht.

Allerdings gab’s früher neben den Bösen auch immer noch die Guten und die Helden. Das hat die Welt dann doch schon wieder in einem sehr viel angenehmeren Licht erscheinen lassen.

Aktuell würde sich eigentlich der Dalai Lama sehr für die Rolle des Guten eignen. Und persönlich bringt Lhamo Dhondrub – so heißt dieser einnehmende Mann mit weltlichem Namen – auch alle Voraussetzungen dafür mit: Stets lächelt er milde. Und 1989 wurde ihm sogar der Friedensnobelpreis zuerkannt.

Seit seinem fünften Lebensjahr ist er Staatsoberhaupt von Tibet. Und als 15-Jähriger wurde er von der chinesischen Armee vertrieben. Allein schon daraus ergibt sich, dass er sich am Dach der Welt nicht die Finger blutig gemacht haben kann. Welcher andere Politiker einer Krisenregion vermag, das schon von sich zu behaupten.

Allerdings finden sich da auch wieder Bilder im Internet. Historische Aufnahmen von Tibetern, denen man eine Hand abgehackt oder die Augen ausgestochen hat. Bis zum Einmarsch der Chinesen nämlich war Tibet ein Gottesstaat. Und in Theokratien hat stets gleich wenig Toleranz geherrscht gegenüber Menschen, die sich der gottgewollten Ordnung widersetzten. Wie zuletzt in Afghanistan unter den Taliban.

Dafür kann Lhamo Dhondrub nichts. Dafür verantwortlich ist er nur in seiner eigenen religiösen Vorstellungswelt, wonach er die Reinkarnation desselben Avalokiteshvara, des tibetischen Schutzpatrons, ist, der schon in seinen Vorgängern als Gottkönig weitergelebt hat. Trotzdem: Die Rolle der personifizierten Freiheitsliebe kann man einfach nicht mit einem Theokraten besetzen.

Auch bei der Suche nach Helden, die alles daran setzen, die Bösen in ihre Schranken zu verweisen, wird man im Tibet-Konflikt nicht so recht fündig. Früher haben sich immer die USA dafür angeboten – meist, ohne dass man sie gefragt hätte.

Nachdem die Sowjetunion 1979 in Afghanistan einmarschiert war, um die dortigen Islamisten zu bekämpfen, setzten die USA den Boykott der Olympischen Spiele in Moskau durch. In diesem Jahr – zwischenzeitlich sind die USA in Afghanistan einmarschiert, um die dortigen Islamisten zu bekämpfen – werden sie die Spiele in Peking sicherlich nicht boykottieren.

Noch vor den Protesten in Tibet, haben sie China von ihrer Liste derjenigen Länder gestrichen, in denen die Menschenrechte am schwersten verletzt werden. Ein 1,3 Milliarden Käufer großer Markt ist der Nachsichtigkeit eben doch sehr förderlich.

Kein IT-Konzern, der nicht in China fertigen lassen würde. Schließlich existieren dort keine Gewerkschaften, welche die Lohnkosten in die Höhe treiben könnten, und auch sonst kaum Investitionshemmnisse. So wie die fernöstliche Volksrepublik hat sich doch das Kapital den Kommunismus immer gewünscht.

Die Internet-Unternehmen, deren Services die flv-Files aus Tibet in den Westen transportieren, taugen ebenfalls nicht für die Heldenrolle. Die Youtube-Mutter Google hat sich der Zensur in China unterworfen, um dort Geld zu machen, und der Branchenzweite Yahoo sogar Dissidenten verpfiffen.

Früher hätte sie solche schmutzigen Deals vielleicht unter der Decke halten können. Aber die chinesischen Oppositionellen wissen, die Möglichkeiten des Internets sehr wohl zu nutzen. Deshalb sind Nachrichten von den schmuddeligen Geschäften nach außen gedrungen. Und die Heldenrolle in der tibetischen Tragödie kann nicht besetzt werden.

So ist sie, die Informationsgesellschaft. Die Illusion des Guten hat in ihr keinen Platz. Nur Information bietet sie. Ohne Limit. Und das zumindest ist gut, sehr gut sogar.

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