Die sieben Plagen der Info-Gesellschaft

Enterprise

Seltsam, was manchmal in den Blättern und Blättchen so steht. “Überlebt Windows XP den Sommer?” fragte unlängst Chip ganz besorgt. Die Antwort kam von der Welt: “Microsoft verlängert Gnadenfrist”. Und die österreichische Computerwelt titelte sogar: “Galgenfrist für Windows XP verlängert”.

So schreiben die über ein Stück Software, ein paar Nord- und Südpole auf der Festplatte. So dramatisch, als ging’s um das Ende der Welt. Aber recht besehen, ist das gar nicht verkehrt. Ein Betriebssystem ist schließlich eine eigene Welt.

Nun unterscheidet sich der XP-Nachfolger Vista zwar nicht wesentlich von seinem Vorgänger. Aber wer interessiert sich in dem Fall schon für’s Wesentliche. Alles heißt anders und funktioniert, wenn überhaupt, dann nicht mehr so, wie man’s gewohnt ist.

Ein “Sicherheitscenter” gibt’s in Vista. Darin erfährt man, dass der “Zugriff für alle außen liegendenden Quellen” blockiert ist. Was sind Quellen? Und wo ist außen? Der mit der Computerei Befasste kennt bloß IP-Adressen.

Da kommt leicht Endzeitstimmung auf. So wie sie dereinst Johannes in seiner Offenbarung beschrieben hat: “Es öffnete sich der himmlische Tempel… und die sieben Engel mit den sieben Plagen traten heraus” (Apokalypse, Kapitel 15, Vers 5 und 6).

Software-Updates, wie sie in Redmond erdacht werden, gehören auf jeden Fall zur modernen Version der sieben Plagen. Die, die Johannes nennt, wollen jedenfalls nicht mehr so recht in die Zeit passen.

Geschwüre, blutiges Wasser, Hitze, Finsternis, Trockenheit und Hagel – da hat die Informationsgesellschaft schon Grässlicheres zu bieten. Telefonschleifen etwa.

So wie eine Telefonschleife haben sich die Menschen in der Antike wohl die Unterwelt vorgestellt. Laufend quälen einen die Stimmen von Untoten, während man an ihr entlang irrt. “Thank you for calling…” ruft eine, “For assistance please press…” eine andere. Es ertönt grässliche Musik, bis man schließlich zur Mail-Box des Gesuchten gelangt: “I’m not at my desktop at the moment.”

Wenn es das Schicksal gut meint, ist die Tortur damit beendet, und man hört nie mehr etwas von demjenigen, dem man eine Nachricht hinterlassen hat. Es kann aber auch sein, dass eine weitere schrecklich verzerrte Stimme an das Ohr des Anrufers dringt: “Ich bin auf der Autobahn, versteh’ Sie ganz schlecht. Können Sie später noch mal anrufen?”

Dann beginnt hernach der Horrortrip durchs fernmeldetechnische Totenreich von Neuem. Bis man irgendwann etwas auf ein Band sprechen kann, worauf bestimmt niemand antworten wird. – Leute, die nicht willens und nicht fähig sind zu kommunizieren, brauchen heute halt ganz viel Kommunikationstechnik dafür.

Es zeugt von der prophetischen Gabe Karl Valentins, dass er die Geschichte vom Buchbinder Wanninger schon zu Zeiten der Wählscheibe erzählte. Er war eben ein genauso begnadeter High-Tech-Visionär wie George Orwell, der “1984” schrieb, als Wolfgang Schäuble gerade mal sechs Jahre alt war.

Die dritte Plage: Systemmeldungen. “Wenn das Problem fortbesteht, wenden Sie sich an Ihren Administrator”, lautet ein Menetekel. Der Administrator ist in der Regel, derjenige, der vorm Rechner sitzt und nicht weiter weiß. Ihm ist beschieden, unwissend zu sein und das auch zu bleiben.

Oder: “Software-Update möchte auf das Internet zugreifen. Zulassen?” Ist das jetzt der Virenscanner oder ein Virus, der sich updaten will, möchte man da doch erwidern. Aber es gehört sich nicht, auf eine Frage eine Gegenfrage zu stellen. Und außerdem würde es eh nichts nützen.

Immerhin: Früher mussten die Leute für Ratschläge, die alle Fragen offen ließen, nach Delphi pilgern. Heute genügt es, sich vor den PC zu hocken.

Zu den fürchterlichsten Plagen der Informationsgesellschaft gehört ebenfalls: die Textverarbeitung. Oh, selig die Zeiten, als Menschen sich richtig viel Mühe geben mussten, um ihresgleichen etwas mitzuteilen, mit dem Füllfederhalter ein Blatt Papier beschreiben und die Adresse und den Absender auf den Umschlag setzen. Tiefsinnige Briefe wurden damals geschrieben, fast nur solche.

Heutzutage hingegen erhält man meist welche, worin nach der persönlichen Anrede die Globalisierung der Märkte gestreift, dann auf die Geschwindigkeit des Internet-Zeitalters eingegangen und dem Empfänger schließlich ein Aktienfond offeriert wird. Wie sehr wünscht man sich doch, die Spammer müssten das alles von Hand schreiben, jeden einzelnen Werbebrief.

Plage Nummer 5: Unterhaltungsformate im Fernsehen. Über 30 Sender kann ein durchschnittlicher Haushalt heute empfangen. Das sind offenkundig zu viele Sendeplätze, um sie mit rein Informativem und Wissenswertem füllen zu können. Also werden Dieter Bohlen, Stefan Raab und Florian Silbereisen durchs Kabel geschickt.

Zwar agieren die telemedialen Schreckensgestalten meist im vorm unzeitgeistigen Zuschauer Verborgenen. Aber weil sie manchmal halt ihre Sendezeit überziehen wie weiland der große alte Mann des TV-Quiz Hans-Joachim Kulenkampff, kann es durchaus sein, dass man Samstags vor den Tagesthemen die Ballett tanzenden Wildecker Herzbuben zu Gesicht bekommt.

Ein Anblick jenseits aller menschlichen Vorstellungskraft. Und da beschweren sich die Leute immer, ausgerechnet Nachrichtensendungen zeigten grausame Bilder.

Eine besonders heimtückische Plage der Moderne trägt den Namen PnP (Plug and Play). In den Urzeiten des PC musste der Anwender verständig und belesen sein, um seinen Rechner zu konfigurieren. Heute spiegelt ihm PnP das Wahnbild vor, der Rechner könne das selber.

Dieses grausame Spiel endet meist damit, dass ein tumb gehaltener User vor einem funktionsunfähigen Computer sitzt und der Verzweiflung anheim fällt. Erdreistet er sich dann die Hotline anzurufen, so wird er mit der Plage Nummer 2 gezüchtigt.

Und dann ist da noch die furchtbarste aller Geiseln der Menschheit, der Bibelkundige denkt dabei sofort an den Auszug der Kinder Israels aus Ägypten. Der Herr sprach seinerzeit vielsagend zu Mose: “Eine Plage noch…” (Exodus, Kapitel 11, Vers 1). Und weiter: Es “wird ein großes Geschrei sein…, desgleichen noch nie gewesen ist” (ibid., Vers 6).

So etwas Ähnliches muss sich auch zugetragen haben, als das Handy erfunden wurde. Bislang konnte man seinem Schrecken ja noch mit dem Flugzeug entfliehen. Jetzt aber will die EU-Kommission, dass auch dort telefoniert werden kann.

Vorbei also die Zeiten, als man in der Stille eines Transatlantik-Flugs Goethe rezitieren konnte:

Über allen Gipfeln

Ist Ruh’



Warte nur, balde

Ruhest du auch.

1831 las der Dichter diese Zeilen, die er Jahrzehnte zuvor an die Wand einer Berghütte gekritzelt hatte, zum letzten Mal. Kurz darauf verschied er. Und so ist er von den Plagen der Informationsgesellschaft verschont geblieben.

Anklicken um die Biografie des Autors zu lesen  Anklicken um die Biografie des Autors zu verbergen