Beta-Versionen

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Was die User dieser Tage so umtreibt, das sind ja die Service-Packs für Windows. Das SP1 für Vista sollte eigentlich dafür sorgen, dass es endlich ordentlich funktioniert, dieses Windows Vista.

Aber es funktioniert nicht richtig, das SP1 – Vista sowieso nicht. Wichtiger ist allerdings das SP3 für XP, weil man nicht sicher sein kann, ob aus Vista jemals noch etwas wird.

Mit dem klappte es aber zunächst auch nicht – aus den gleichen Gründen wie beim SP1 für Vista. Und deshalb wurden beide erst einmal nicht ausgeliefert. – Zumindest was die Bugs anbelangt, kann man sich also auf die Kompatibilität von Windows voll verlassen.

Seit dieser Woche nun holt sich XP sein SP3. Sei’s drum. Als einen VLA (Very late Adopter/W2K, SP4) beschäftigt einen dabei eh eine viel grundsätzlichere Frage, nämlich: Warum reden die alle bloß so komisch?

Wenn ein Handwerker gepfuscht hat und versucht, etwas nachträglich noch einigermaßen in Ordnung zu bringen, so spricht man von Nachbesserung. Und nach § 633 des Bürgerlichen Gesetzbuches besteht darauf ein Rechtsanspruch.

Microsoft hingegen bezeichnet Flickwerk, also eine Patch-Sammlung, i.e. ein SP, als Service. Dafür steht ja das “S” in SP.

Die Antwort kann nur lauten: Wir leben im Zeitalter der Beta-Versionen. Und Microsoft ist dessen Pionier.

Nichts ist mehr verbind- oder verlässlich. Vielmehr muss auch Unfertiges raus, auf den Markt. Die Time-to-Market ist das Metronom der Beta-Ära.

Man erkennt das auch unschwer an den gebräuchlichen Redensarten herausragender Vertreter des Zeitgeistes. Angela Merkel etwa sagt mit Vorliebe: “Ich sag’ mal…”, was impliziert: “…möchte mich aber auf keinen Fall darauf festlegen lassen.”

Und Oliver Geissen, der Experte für Prekariats-Shows und andere Billigproduktionen des Privat-Fernsehens, welcher ein noch weiter als Angela Merkel herausragender Vertreter jenes Zeitgeistes ist, der verwendet als Synonym für “zum Beispiel” gerne “keine Ahnung”: Oliver Geissen ist ein bedeutender Zeitgenosse, weil er… “keine Ahnung” … die Ära der Beta-Versionen sprachlich so brillant auf den Punkt bringt.

“Ich denk’ mal”, ist auch eine sehr beliebte Floskel. Hierbei dient das Adverb dazu, das Verb zu relativieren. Der Mal-Denker will einem dadurch mitteilen, dass das, was er zu artikulieren vorhat, keinesfalls als zuende gebrachter Gedanke interpretiert werden darf, eher als quasi Beta-Version eines Gedankens.

Zum Patchen und somit zur Aufrechterhaltung der für die Beta-Ära existenziellen Illusion, aus einer Vorabversion könnte doch noch einmal etwas Fertiges werden, wiederum bedarf es der modernen Kommunikationsmittel. Des Internets beispielsweise, über das Windows sich seine SPs holt.

Deshalb wird man auch immer, wenn man sich mit einem ‘Gschaftlhuber’ (offizielle Bezeichnung: Executive) aus einer IT-Firma verabredet, nach der Handy-Nummer und Mail-Adresse gefragt. Und in der Folge erhält man viele SMSes, Anrufe und Mails, betreffs Änderung der Zeit, des Orts und des Gesprächspartners. Verabredungen sind heute schließlich stets als Beta-Versionen zu verstehen.

Gar nicht vorstellen mag man sich da, wie die gute alte Zeit gewesen wäre, als wortkarge Männer sich noch trafen, ohne viel Aufhebens darum zu machen, um zu tun, was getan werden musste – hätte auch damals schon gegolten: Ein Mann – viele Worte, aber nur als Betaversion. Trotzdem: ‘High Noon’ mit Gary Cooper und Grace Kelly in den Hauptrollen, Regie: Fred Zinnemann, wäre dann wohl so abgelaufen:

8:23 am, Anruf auf dem Handy von Marshal Will Kane: “Hi, Will, Frank hier [Anm.: Frank Miller, der Schurke, dargestellt von Ian MacDonald]. Sitzen im Zug. Die Verbindung ist ganz schlecht. Ich ruf dich später noch mal an.”

9:07 am: “Frank noch mal. So, jetzt ist die Verbindung besser. Du, uns ist ein Business-Termin dazwischengekommen, ein kleiner Banküberfall, du verstehst. Wir kommen erst nachmittags an. Soll dieser Zinnemann sich doch einen anderen Titel für seinen Film ausdenken.”

1:32 pm, eine Mail geht auf dem Blackberry von Marshal Will Kane ein, Priorität: hoch, Betreffzeile: Termin Zwölf Uhr mittags, Text: “Hi, mein Partner Jack Colby [Anm.: dargestellt von Lee van Cleef] wird mich bei unserem Duell vertreten. Gruß Frank”.

3:57 pm, eine SMS: “Feiern unseren erfolgreichen Geschäftsabschluss mit der Bank. Jack hat schon zuviel. Suchen aber nach einem Partner für dich. Gruß Frank.”

6:00 pm: Sturzbetrunken trifft die Bande von Frank Miller am Bahnhof der Stadt ein. Der edle Marshal beschließt daher, die Schießunfähigen nicht niederzumetzeln. Statt dessen sucht man den Saloon auf, um sich gemeinsam einen hinter die Binde zu gießen.

Das allerdings empört des Marshals junge Frau [Anm.: dargestellt von Grace Kelly], eine Quäkerin, die nicht nur Gewalt, sondern auch Alkohol verabscheut, so sehr, dass sie ihren lallenden Mann auf der Stelle verlässt.

Schrecklich wäre das doch. Vor allem die wunderbare, von der herrlichen Musik Dimitri Tiomkins unterlegte Schlussszene wäre nie zustande gekommen, als Will Kane seinen Marshal-Stern wegwirft und zusammen mit seiner Frau, die aus Liebe zu ihm trotz ihres Glaubens einen der Banditen erschossen hat, die Stadt verlässt. – Deshalb ist es gut, dass Terminabsprachen damals noch galten und keine Beta-Versionen waren.

Na ja, eigentlich hätte es heute ja um die Beta-Versionen von Staatsmännern gehen sollen, die dieses Land regieren, um die Workarounds, die sich Wolfgang Schäuble in Sachen Verfassung einfallen lässt und um die Kill-Bits, die er setzt. Der Wochenrückblick ist halt auch nicht frei vom Zeitgeist. Nächsten Freitag aber kommt bestimmt – eine neue Beta.

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