Herzlichen Glückwunsch, Ellen Kästner!

Enterprise

Sie haben es also geschafft. Sie sind das Gesicht der neuen sozialen Marktwirtschaft.

Die gleichnamige (PR-)Initiative der Metallarbeitgeber schaltet ja gerade Anzeigen mit Ihrem Bild in allen Tageszeitungen. Eine gute Sache!

Echte Profis haben Sie sich da ausgesucht. Alles, was man dafür braucht, haben die gebracht – vor allem ganz viel Human Touch.

Eine Friseurin (23) aus Frankfurt (Oder) sind Sie demnach, die glücklich sagen kann: “Aus meiner halben Stelle ist jetzt ein ganzer Job geworden.”

Sie haben aber auch die rechte Einstellung dazu: “Für Ellen Kästner ist es die größte Motivation, überhaupt arbeiten zu können”, schreibt die INSM.

Recht so. Man darf schließlich nicht in diese schlimme Anspruchshaltung verfallen und Löhne verlangen, die unsere Wirtschaft – also auch die von Ihnen und mir – überfordern würden.

Sie sind da anders. Sie tun’s nicht des Geldes wegen. Da wären Sie ja auch schön blöd.

257,50 Euro Tariflohn haben Sie für Ihre halbe Stelle bekommen. Deswegen haben Sie sicherlich nicht gearbeitet. Und: “Sie pendelt täglich von Eisenhüttenstadt nach Frankfurt (Oder)” erzählt die INSM in der hübschen Geschichte über Sie. Von den 3,05 Euro Stundenlohn haben Sie sicherlich die tägliche Fahrkarte nicht bezahlen können.

Jetzt aber bekommen Sie 515 Euro im Monat – quasi obendrauf, zusätzlich zu der Möglichkeit, “überhaupt arbeiten zu können”. Eine Success-Story, wie nur von den Metallarbeitgebern bezahlte Wirtschaftslyriker sie zu schreiben in der Lage sind.

Sie haben’s halt gut. Andere hingegen müssen sich derzeit richtig abrackern.

Die Bundesregierung hat ja gerade ihren Armutsbericht veröffentlicht. Und deshalb müssen sich jetzt wieder alle Politiker den Kopf über brutto und netto zerbrechen.

Das ist vielleicht schwierig! Und keiner kann’s, nicht einmal die Bundeskanzlerin.

Nehmen Sie nur einmal Guido Westerwelle. Der sagt zum Armutsbericht: “Eine konsequente Steuersenkungspolitik [ist] der Schlüssel zur sozialen Gerechtigkeit” (Portal liberal vom 19.5.2008). So sehr muss dieser Arme sich und die Logik plagen, um sich zum Thema äußern zu können.

Sie hingegen brauchen nicht, lange zu rechnen. Sie liegen drunter – unter der Armutsschwelle, egal, ob brutto oder netto. Sie haben erreicht, was Ihnen sogar die INSM gönnt.

Trotzdem – ein paar mahnende Worte seien erlaubt: Ein bisschen mehr Mühe hätten Sie sich dennoch geben können. Sie sind brav und nett. Das ist schon was angesichts der vielen Querulanten, die es gibt. Aber Sie sind keine Leistungsträgerin.

Nein, damit ist nicht gemeint, was Professor August-Wilhelm Scheer will, der Bitkom-Präsident. Der möchte ja “insbesondere junge Frauen für das einschlägige Studium gewinnen” (Pressemitteilung des Bundesverbands Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien vom 1.4.2008), also für die Informatik. Zwei Drittel der Unternehmen klagen laut Professor Scheer darüber, “dass der Mangel an IT-Spezialisten ihre Geschäftstätigkeit bremst”.

Kommen Sie deswegen jetzt aber bloß nicht auf die Idee, das Abi nachzuholen und Informatik zu studieren. Sie wären damit garantiert erst dann fertig, wenn wieder die nächste Entlassungswelle in der Branche rollt.

Der menschliche Haarwuchs stellt da schon eine verlässlichere Grundlage für einen Arbeitsplatz dar als der Programmierbedarf von Unternehmen. Außerdem ist es gleich, ob man Haare schneidet oder Source Code schreibt.

Ein richtiger Leistungsträger kann nie sein, wer bloß – für wenig Geld – seinen eigenen Job ordentlich erledigt. Vielmehr muss so jemand – für viel Geld – etwas über die Jobs von anderen zum Besten geben.

Oswald Metzger hält’s beispielsweise so. Der firmiert denn auch nicht wie Sie nur als “Einsteigerin” bei der INSM, sondern als “Experte”. Und als solcher formuliert er schicksalsschwere Sätze wie: “Der Kündigungsschutz ist zu einer Einstellungsbarriere geworden.” Glauben Sie vielleicht, solche eigenwilligen Erkenntnisse bietet der zu Preisen feil wie Ihre Chefin einen Haarschnitt?

Sie mögen vielleicht das Gesicht der neuen sozialen Marktwirtschaft sein. Oswald Metzger hingegen ist deren Stimme.

Aber grämen Sie sich deswegen nicht. Bleiben Sie, wie Sie sind: fleißig und zufrieden. Das ist ja die Botschaft der Leute, die mit Ihrem Bild hausieren gehen. Es kann schließlich nicht jeder die Marktwirtschaft retten. Es muss auch Menschen geben, die anderen die Haare schneiden.

Und neiden Sie solchen wie Oswald Metzger das Geld nicht, das die für ihre Expertisen bekommen. Denken Sie statt dessen daran, dass diejenigen, die ein Gehirn unter der Frisur haben, sich lieber von Ihnen die Haare schneiden, als sich von Oswald Metzger über die neue soziale Marktwirtschaft zutexten lassen.

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