Tatörtle

Enterprise

Na ja, da hätte man sich eigentlich mehr von erwartet – vom 700. Tatort am Sonntagabend. Man merkt halt: Es müssen Könner ran, die den müden Krimi-Schreibern mal zeigen, wie man sowas richtig macht.

Deshalb heute etwas ganz Besonderes: der ultimative Tatort aus BaWü, eine Gemeinschaftsproduktion von Wolfgang Schäuble (Regie) und Achim Killer (Casting). In der Hauptrolle: Ken Livingstone (der ehemalige Londoner Oberbürgermeister).

Der rote Ken war der einzige, der dafür in Frage kam. Die Rolle des Tatort-Kommissars sieht schließlich vor, dass er schrullig und somit sympathisch ist und dass er es mit der gesetzlich geschützten Privatsphäre von Verdächtigen – und verdächtig sind grundsätzlich alle – nicht so genau nimmt. Kurz: ein Tatort-Kommissar muss genauso sein, wie man sich einen wirklichen nicht wünscht.

Livingstone hat sich dafür empfohlen, indem er die Maut-Kameras in seiner Stadt heimlich zur Überwachung von Verdächtigen einsetzte. (Zur Definition von “verdächtig” siehe oben.)

Dem Regisseur jedenfalls ist er sehr sympathisch. Außerdem ist Wolfgang Schäuble liberal und sagt deshalb immer, dass ein abgewählter Roter durchaus auch ein guter Roter sein kann.

Leicht gefallen ist ebenfalls, die Rolle der Journaille zu besetzen. Das sind diese üblen Gestalten, die mit ihren Skandalgeschichten im Krimi immer den Bösewichtern in die Hände spielen.

Da gibt’s ja genügend Aspiranten. Erst hat der Stern die Observation beim Lidl verhindert, obwohl da wirklich Gefahr im Verzug war. Schließlich hätte ja eine Aushilfe zum ‘Bieseln‘ gehen können, anstatt arbeitsvertragsgemäß Regale einzuräumen.

Die Süddeutsche Zeitung hat publik gemacht, dass bei Burger-King eine Betriebsversammlung gefilmt wurde. Dabei ist doch bekannt, dass bei solchen Zusammenrottungen oft Pläne zu Betriebsratswahlen ausgeheckt werden. Und ein Betriebsrat gilt vielen Unternehmen als mindestens so gefährlich wie eine terroristische Vereinigung.

Und dann hat diese Woche noch der Spiegel einen Skandal daraus gemacht, dass die Telekom sich bloß eben mal ein paar Verbindungsdaten angeschaut hat, um einem mysteriösen Dunkelmann auf die Schliche zu kommen. Das heißt, schuld ist ja eigentlich René Obermann. Der hat die Staatsanwaltschaft eingeschaltet.

Dieser Obermann! So ein Bedenkenträger. Der mag vielleicht gut für die Compliance sein. Aber er hat keine Ahnung davon, wie man gefährliche Subjekte dingfest macht.

Deshalb bekommt er die Rolle des neuen Assistenten vom Kommissar Ken. Dieser Assistent kommt frisch von der Polizeischule, hat nichts als Vorschriften und Gesetze im Kopf und stört seinen Chef mit seinen ständigen und praxisfernen Einwänden bei der Verbrecherjagd.

Die Rolle des Gerichtsmediziners galt es dann noch zu besetzen. Die hat Annette Schavan bekommen wegen ihrer Sprache. – Die ist so lebendig, als sei sie eben der Pathologie entsprungen. Obwohl sie manchmal doch etwas überzeichnet wirkt. Gegen “Exzellenz-Cluster” ist “Analkarzinom” schließlich ein vitales Wort.

Wolfgang Schäuble war allerdings dafür, die Rolle Günther Oettinger zu geben. Aber das wäre fies gewesen. Der hat der Frau schließlich schon einmal einen Job vor der Nase weggeschnappt.

Außerdem hätte das die Produktionskosten in die Höhe getrieben. Dann hätte der Tatort für die Ausstrahlung außerhalb des Sendegebiets des SWR hochdeutsch untertitelt werden müssen. Deswegen: Am Seziertisch – Annette Schavan. Also: eine echte Starbesetzung.

Die Handlung ist dann die übliche: Kurz vor dem dramaturgischen Höhepunkt stehen Kommissar Ken und der Assi Obermann vor der Wohnungstür des Verdächtigen und klingeln. – Niemand öffnet.

Da zückt der Kommissar die Kreditkarte. Fernsehkommissare öffnen Türen so am liebsten. Der naive Assi murmelt schüchtern “aber” und etwas von “kein Durchsuchungsbefehl”. Der alte Kriminaler jedoch ignoriert den Beckmesser.

Toll, wie Wolfgang Schäuble das in Szene gesetzt hat. Man merkt, dass er da ganz bei der Sache war. Wahrscheinlich hat er sich dabei vorgestellt, Kommissar Ken habe einen Bundestrojaner dabei – in der Innentasche seines Jacketts.

Das Türschloss springt auf, und der Zuschauer folgt gebannt der Kamera, die die Wohnung des verdächtigen Subjekts durchstreift. Unterlegt ist die Szene mit einem langsam anschwellenden, die Spannung unterstreichenden Musikteppich.

Der Zuschauer weiß: Jetzt kommt’s gleich. Und…

Och, Dr. Schäuble! Mensch Kerle, so geht das doch nicht. Was ist denn das für eine Inszenierung?! Man kann doch nicht sämtliche Beweise gegen einen Verdächtigen in einem Ablagekasten auf dessen Wohnzimmertisch deponieren. Und dann auch noch “Vorratsdaten” dranschreiben!

Ja, schon, der Kommissar braucht das: Kontoauszüge, Telefon-Einzelverbindungsnachweis, die Funkzellen, in denen sich der Verdächtige in den letzten Monaten aufgehalten hat und welche Seiten sich der Sauigel im Web anschaut. Aber so kann man das nicht machen.

Und wenn das hundertmal Ihre Lieblingsszene ist…

Jetzt kommen Sie, seien Sie nicht gleich beleidigt. Es ist doch gut, wenn Sie beim Tatort Regie führen. Ehrlich! Dann Sie sind wenigstens beschäftigt.

Stimmt schließlich. Besser, der Mann inszeniert einen schlechten Tatort als dass er bei einem guten Grundgesetz den Regisseur gibt.

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