“Sehnsucht nach Führung”

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Warum Barack Obama die Wahl gewonnen hat? – Der Spiegel weiß es mal wieder – nicht wirklich, aber besser halt, wie’s so seine Art ist: “Das alles hat mit der Sehnsucht nach Führung zu tun…” (Nr. 46 vom 10. 11., Seite 125).

Demnach hätte das US-amerikanische Volk sich nicht seinen obersten Angestellten ausgesucht, wie es sich für eine Demokratie gehört, sondern ein Führer hätte die Macht ergriffen. Das jedenfalls impliziert die Wortwahl des Blatts, das sich einmal als Sturmgeschütz einer eben solchen Demokratie bezeichnete, sich inzwischen allerdings eher in seiner Rolle als Feldhaubitze der Reaktion gefällt.

Aber offenbar existiert sie tatsächlich, diese “Sehnsucht nach Führung” und damit nach einem Führer, auch wenn sie sich nur in einigen Redaktionsstuben des Landes definitiv nachweisen lässt. Deutsche Politiker wiederum werden ebenfalls von den Publikationen des Auslands, ohne dass man ihnen deswegen gleich Böses will, als “Führer” bezeichnet.

So schrieb die kroatische Zeitung Javno vergangenen Freitag in ihrer englischsprachigen Ausgabe von einem “German conservative leader”. Gemeint war Christian Wulff, der ähnlich wie zuvor Professor Hans-Werner Sinn von einer “Pogromstimmung” gegen Manager gesprochen hatte.

Allerdings wird man, bloß weil so doof daherredet wie der niedersächsische Ministerpräsident, nicht gleich zum Faschisten. Selbst wenn der “Jewish leader” (Javno) Stephan Kramer daraufhin Wulffs Rücktritt forderte.

Es ist doch vielmehr eher so, dass ein professoraler Eiferer in Sachen Blödsinn halt nur dann übertroffen werden kann, wenn originär politischer Geifer ins Spiel kommt. Aber man fragt sich halt, warum manche Schreiber nicht kapieren wollen, dass die Geschichte einige Wörter diskreditiert hat und damit ebenfalls das dahinterstehende Prinzip.

Und dann berichtete silicon.de vorgestern noch über die Spekulationen um Steve Jobs’ Nachfolger bei Apple: Es existieren viele gute Gründe für einen Schreiber, nicht an jenen Publikationen herumzumäkeln, bei denen er sich das tägliche Brot und den zugehörigen Rotwein verdient. Der beste kommt zum Tragen, wenn es nichts zu mäkeln gibt: In dem Artikel des Kollegen wird der Ex-iCEO nicht als Führer bezeichnet. Und es steht auch nichts über eine wie auch immer geartete Führung drin, derer die Mac-Macher bedürften. – Puuh! Glück gehabt.

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