Haltet den Datendieb!

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Ein Jubiläumsjahr geht zuende: Seit einem Vierteljahrhundert existiert das Recht auf “informationelle Selbstbestimmung”. Ein recht verquaster Ausdruck ist das, einer aus der Theorie halt.

Praktisch von Bedeutung ist denn auch eher jener, den die Gesellschaft für deutsche Sprache als eines der Wörter des Jahres ausgekuckt hat: “Datenklau”. Eine “sprachliche Chronik” sollen diese Wörter ja bilden. Das tut er, der Datenklau:

Januar 2008: Zwei Voraussetzungen sind nötig, damit etwas geklaut werden kann: Es muss a.) da und b.) schlecht gesichert sein. Die Bundesregierung hat hier eine solide Grundlage für die Zukunft des Datenklaus gelegt: Seit dem 1. 1. werden Verbindungsdaten auf Vorrat gespeichert nach dem neu geschaffenen juristischen Grundsatz “Schaun wer mal, dann sehn wer schon”.

Polizei und Staatsanwaltschaft brauchen nicht mehr, wie man’s vom Fernseh-Krimi her kennt, mühsam Verdächtige ermitteln und dann Informationen über diese beschaffen. Denn verdächtig ist ab jetzt jeder. Und Informationen über ihn liegen abrufbereit.

Möglicher Weise finden ambitionierte Kriminalisten das dann aber doch etwas langweilig. Der Tatort-Kommissar Bruno Ehrlicher jedenfalls hängte dieses Jahr seinen Job an den Nagel und will statt dessen Bundespräsident werden.

Nun hätte man im Januar allerdings noch annehmen können, dass Daten bei den Telekommunikationskonzernen gut gesichert seien. Jene aber haben einen im Laufe des Jahres eines Besseren belehrt: Der Marktführer lässt sich ausgiebig beklauen. Und wenn gerade kein Datendieb bei der Hand ist, greift auch selber mal zu.

Februar: Das Bundesverfassungsgericht, diese der grauen rechtsstaatlichen Theorie anhängende Institution, verbietet die Online-Durchsuchung in Nordrhein-Westfalen. Geklagt gegen das Gesetz seines Parteifreundes Ingo Wolf hatte der ehemalige Bundesinnenminister Gerhard Baum.

Jener zitiert in dem Zusammenhang gerne Burkhard Hirsch, einen anderen Parteifreund: “Die Festplatte ist das ausgelagerte Gehirn.” Und er möchte wohl nicht, dass darauf Leute vom Schlage eines Ingo Wolf einfach zugreifen können.

Es scheint, sie also tatsächlich noch zu geben, jene Liberalen, die das Bild der FDP prägten, bevor die Westerwelle dort wie ein Tsunami gewirkt hat. Sie sind allerdings mittlerweile allesamt schon ziemlich in die Jahre gekommen.

März: Ein originär schwäbisches Wort ist “hählinge”. Es lässt sich nur unzureichend übersetzen, etwa mit “heimlich”.

Hählinge schbigglet (hochdeutsch: schauen vorsichtig) beispielsweise Frauen, die sich nach eigener Einschätzung in den besten Jahren befinden, hinter dem Vorhang hervor, auf die Straße, um sich dann mit der Frage an ihren Gatten zu wenden: “Hosch se g’säh, des Mensch? Was die widder oah hat!” (Hast du die ungehörig freizügige Bekleidung der jungen Dame bemerkt?) Was der Angesprochene in der Regel verneinen wird, tunlichst ohne sich sein Bedauern darüber anmerken zu lassen.

Neu ist, dass beim hählinge Schbiggle auch High-Tech zum Einsatz kommt. Der Discouter Lidl aus Neckarsulm jedenfalls hat das so gehalten.

Auch sprachlich ist dies hochinnovativ. Statt des sperrigen “optische Überwachung” lässt sich jetzt der gefällige Begriff “Lidln” verwenden.

April: Der Bundestagspräsident Norbert Lammert belegt Otto Schily mit einem Bußgeld, weil der seine Nebeneinkünfte nicht offen legen will. Ja, der Mann ist alt geworden. Noch als Innenminister hat er’s, wenn’s um die Daten von 80 Millionen Bundesbürgern ging, nicht so genau genommen wie in diesem Jahr bei seinen eigenen.

Beim Parteitag der bayerischen SPD am vergangenen Samstag ließ sich Otto Schily nicht mehr für den Bundestag aufstellen. Mit ihm tritt ein Rechtspolitiker ab, der in seiner langen Karriere fast alle umstrittenen Leute anwaltschaftlich vertreten hat: Gudrun Ensslin, Wolfgang Clement und gegen Lammert sogar sich selbst. Danach war keine Steigerung mehr möglich.

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