Notleidende Wortverdreher

Enterprise

Och, nö. “Notleidende Banken” ist das Unwort des Jahres. – Die Fiesepeter sind auch nicht mehr, was sie mal waren.

Was für ausgefeimte verbale Gemeinheiten haben die doch in der Vergangenheit kreiert: “Umbau des Sozialstaats” fürs Rentner-, Kranken- und Arbeitslosenklatschen (Unwort Nummer 4 im Jahr 1996), “Ich-AG” für die daraus resultierenden prekären Arbeitsverhältnisse nicht sozial-versicherter Putzfrauen (2002) und vor allem “Neiddebatte” für die verzagten Versuche, sich gegen das neoliberale “Bau um!” zu wehren (2006).

Ein Wort wie “Neiddebatte” in die Welt zu setzen, dazu gehörte noch Intelligenz (kriminelle), der Wille, sich durchzusetzen (gegen eventuell doch vorhandene intellektuelle Skrupel) und starke Nerven, damit der Unwort-Schöpfer dabei nicht rot wird. “Neiddebatte”, das ist, als hätte der angesehene Sklavenhalter Gnaeus Pompeius Magnus den Spartacus noch im vorwurfsvollen Ton der “mangelnden Teamfähigkeit” bezichtigt, bevor er ihn in der Via Appia annageln ließ.

Aber “notleidende Banken”? – Dies ist doch kein Begriff, der im Hinterhalt gezeugt wurde, als Heimtücke und Dreistigkeit sich paarten. “Notleidende Banken” klingt, als hätte halt irgendjemand mal den Buchhalterterminus “notleidende” – das meint: faule – “Kredite” auf die Geldhäuser angewandt – ohne Arg und mit noch weniger Phantasie. Mehr ein Versehen als eine Gemeinheit.

Es scheint, dass die Demagogie in Deutschland in eine schlimme Krise geraten ist, was daran liegen könnte, dass die Leute in Zeiten wie diesen fast alles schlucken, ohne dass es dazu einer ausgefeilten Sophisterei bedürfte. Und das gilt auch für deren kommerziellen Zweig: Von den geschäftsmäßigen Sprachverdrehern, den Marketiers, sind heuer ebenfalls keine Glanzlichter zu erwarten. Die zimmern weiterhin an ihren verbalen Resopal-Konstrukten ohne Aussicht, jemals Bemerkenswertes hervorzubringen.

Eine neue Mobilfunk-Flatrate soll’s dieses Jahr geben. Eine Münchner Dienstleistungsfirma will sie anbieten – laut Pressemitteilung – unter dem Markennamen “Quickster”. – Na, ja.

Und ein Zusammenschluss nordrhein-westfälischer Stromanbieter firmiert künftig unter “energieGUT GmbH”. Noch vor ein paar Jahren hätte so ein Legasthenie-Branding ja als witzig gegolten. Aber acht Jahre nach .gone ist “energieGUT” nix gut.

Diese Verkaufsdadaisten! Die verstehen einfach nicht, dass treffliche Worte sinnig oder unsinnig sein können, aber nie ohne Sinn.

Von den politischen wie den kommerziellen Profi-Sprachmixern ist derzeit also nichts zu erwarten. Zum Glück gibt es da noch die kreativen Amateure.

“Billery” nennen die beispielsweise in den USA die künftige Außenministerin des diese Woche vereidigten Präsidenten. Das ist doch pfiffig: politische Denunziation in einem Wort!

Auch nicht schlecht ist das “Lastminute-Gewissen” aus Hessen. Es beschreibt die seelischen Nöte eines ambitionierten Rechtsanwalts, der nicht Wirtschaftsminister werden konnte und deshalb auf Freiheitskämpfer machte. Und weil seine nicht minder ambitionierte potentielle Chefin so sehr mit der eigenen Gemütslage befasst war, dass sie sich auch noch um jene anderer Ehrgeizlinge kümmern konnte, begann das Superwahljahr am Sonntag in Hessen.

Ebenfalls ganz wunderbare Begriffe gebiert der so debattenfreudige Sozialneid: “Goldküstenpanzer” etwa heißt man in der Schweiz die Geländewagen auf der teuren Ostseite des Zürichsees. Das passt doch!

Und natürlich vor allem die Jugend ist findig. Als “unterhopft” bezeichnen die einen Zustand, den zu beenden, die orale Gabe von Bier in 500- oder 1000-Milliliter-Dosierung angezeigt ist. – Der Langenscheidt-Verlag hat unlängst die witzigsten Neuschöpfungen der Jugendsprache prämiert.

Und weil es sich dabei um einen politisch korrekten Verlag handelt, hat er darauf hingewiesen, dass die hämischste Kreation nur dem Umstand geschuldet sei, dass die Youngsters bei Ü30-Parties immer diskriminiert würden und nicht rein dürften. Es gehört sich einfach, sich zu entschuldigen, bevor man dreckig lacht.

Von “Gammelfleischparty” sprechen die großwüchsigen Halbstarken, wenn Altchen wie früher zur Musik von den Stones oder von Abba albern herumhüpfen. Diese Lauser!

Die werden auch noch den Ernst des Lebens kennenlernen. Wenn sie erst einmal richtig erwachsen sind, wird man sie als digital Natives in Großraumbüros halten. Und für Geld werden sie sich synthetisches Marketing-Geplapper ausdenken: eventuell “ecotronics4Y”, “FREE2surf” oder “:-)ing.net”.

Und vielleicht nur einer von ihnen – der Beste – wird einmal eine tatsächlich gute Idee haben. Ihm wird in ein paar Jahren ein wirkliches Unwort einfallen. Eines mit dem Kränkungspotential von “Gammelfleischparty”. Aber es wird nicht nur lustig sein, sondern auch einen großen politischen Benefit für die skrupellosen Anwender haben.

Über ihn werden sich dann alle aufregen. Über diesen Rotzlöffel. Den prächtigen.

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