Schwächelnde Schönredner

Enterprise

Fast tun sie einem ja ein bisschen leid, die notorischen Erfolgsmenschen, die jeden März Hannover bevölkern.

Ein Viertel der letztjährigen Aussteller ist heuer der CeBIT ferngeblieben, darunter Samsung, Toshiba, Nokia und etliche Mobilfunkanbieter.

Keine leichte Aufgabe, so ein Desaster schönzureden. Aber es musste wohl sein. Eine Computermesse ohne Erfolgsmeldungen ist schließlich keine.

“Womit lockt die CeBIT denn nun, wenn nicht mehr mit Handys?” wollte denn auch der Focus diese Woche vom Bitkom-Präsidenten Professor August-Wilhelm Scheer wissen. Eine Frage, die von den profunden I+K-Kenntnissen dieses Blattes zeugt.

“Wir haben den Gouverneur von Kalifornien, Arnold Schwarzenegger, eingeladen”, antwortete der Präsident. Die Welt titelte: “Arnold Schwarzenegger soll die CeBIT retten”. Und Regierung online zeigte im Bild, wie Bundeskanzlerin und Gouverneur (Focus: “Arnie und Angie”) die Messe eröffnen.

Ebenfalls auf dem Foto zu sehen, ist ein weißhaariger, älterer Herr. Dessen Name – Craig Barrett – allerdings in der Bildunterschrift keinen Platz mehr fand. Schließlich geht’s in Hannover um die Zukunft der Computerindustrie und nicht um irgendwelche Chips.

Der kalifornische Regierungschef bot in seiner Eröffnungsrede denn auch artig Variationen zum diesjährigen inoffiziellen Messemotto: “Krise? Chance!” – “Sieger schauen nach vorne”, rief die ehemalige Verkörperung der Terminator-Modelle T-101 und T-800 dem Auditorium zu und unterstrich mit dieser Politikerphrase, dass er inzwischen zu einem veritablen Staatsmann aus Fleisch und Blut geworden ist.

Da wollte natürlich auch die Prominenz aus der zweiten und dritten Reihe nicht nachstehen. Bitkom-Hauptgeschäftsführer Bernhard Rohleder erklärte flugs, die Hard- und Software, die Unternehmen in den vergangenen Jahren offeriert wurde, um wachsen zu können, zur “Krisenbewältigungstechnologie”.

Das ist zwar kein allzu schönes Wort. Aber es passt halt in die Zeit.

Und Messegeschäftsführer Ernst Raue interpretierte die gesunkenen Ausstellerzahlen gar als eine Art Ausleseprozess: “Unternehmen, die vom Markt verschwunden sind, können nicht auf der CeBIT ausstellen… Aber Unternehmen, die Neugeschäfte machen wollen, wählen die CeBIT als Plattform für Geschäft, Wachstum und Zukunft.”

Schwer ins Zeug legte sich auch Microsofts Deutschlandchef Achim Berg. Er postulierte, die diesjährige Ausstellung sei “die wichtigste CeBIT der Geschichte”.

Ein Satz, der das Zeug zu einem Slogan hat. Ist er doch eingängig und gefällig sowie frei von jedweden Inhalten und Realitätsbezügen.

Trotzdem haben sie’s vergeigt: Der Bitkom hat zur CeBIT eine Umfrage veröffentlicht, um die Bedeutung der Branche zu verdeutlichen. Danach würden – so Professor Scheer – “die Unter-30-Jährigen eher auf das Auto oder ihren aktuellen Lebenspartner verzichten als auf Internet oder Handy.” “Firefox statt Freundin” überschrieb onlinekosten.de diese Meldung.

Angenommen das stimmt, dann hätte man damit doch ganz elegant die Hannoveraner Misere relativieren und schönreden können. Denn ein Land, dessen Jugend so verkommen wäre, wie der Bitkom sagt, hätte einiges Andere nötiger als irgendwelche Rekordzahlen aus Hannover.

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