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Dass manche Leute sich immer so anstellen, wenn’s um Computer geht! Die Eltern vom Schreiber beispielsweise.

Die haben sich auf ihre alten Tage noch einen PC angeschafft. Und deshalb kann der Schreiber bei seinen Besuchen zuhause sich nicht in Ruhe auf die Fleischkiechle [Frikadelle, Boulette] freuen, die seine Mama für ihn brät, sondern sieht sich statt dessen ständig mit unsachverständigen väterlichen Fragen konfrontiert. Als da wären: “Muss man da jetzt links oder rechts klicken?”

Es geht dem alten Herrn einfach nicht in den Kopf, dass man sowas nicht beantworten kann. Das ist schließlich, als würde man einen Autofahrer fragen, ob er zum Kuppeln das linke oder das rechte Pedal tritt. – Er würde es nicht wissen. Seine Füße wissen das.

Dabei kommt man mit einem bisschen gesunden Menschenverstand mit jedweder Form von IT zurecht. Von Ausnahmen vielleicht abgesehen.

Dem Schreiber etwa ist unlängst etwas Peinliches passiert: Hilflos steht er vor einer verschlossenen Schranke in der Rundfunkanstalt, für die er früher gearbeitet hat. Schon hat sich eine Schlange von jungen, dynamischen Medienleuten gebildet, die ihren Unmut bekunden, weil sie auf dem Weg ins Großraumbüro zum Geldverdienen aufgehalten werden.

“Du musst Deinen Ausweis dagegen halten”, ruft schließlich eine Stimme. Sie gehört einem weißhaarigen Herrn ganz hinten in der Schlange, einem Bekannten aus gemeinsamen Jugendfunktagen. Damit geht’s tatsächlich: Der Ausweis – eine Plastikkarte ohne zumindest sichtbaren Chip oder Magnetstreifen – öffnet die Schranke.

Ansonsten verläuft der erste Gang in der mittlerweile volldigitalisierten Rundfunkanstalt problemlos. Durch die Analyse der Schlangenbildung vor der Kantine lässt sich erschließen, dass der Ausweis mit Geld aufgeladen werden kann, um damit Kaffee zu kaufen. Die Grundlage journalistischer Arbeit ist somit gesichert.

Na also, geht doch! Am Telefon des Schallarchivs meldet sich auch noch die Archivarin von vor zwanzig Jahren. Und zuverlässig und schnell, wie solche Menschen zu arbeiten pflegen, hat sie in Kürze eine lange Liste von O-Tönen für die geplante Sendung erstellt.

Dann allerdings merkt sie vorwurfsvoll an: “Das hätten Sie auch selber über den ‘DiFiFi’ finden können.” Die Ausrede “neu hier” lässt sie nicht gelten: “Ich kenne Sie doch.” – Das ist der Fluch, wenn man heißt wie der Schreiber: Man hat einen Namen, den einfach niemand vergisst.

Trotzdem bemerkt sie, dass die Unkenntnis nicht gespielt ist, und erklärt geduldig, dass bei der Anstalt jetzt alles über die ‘RaSy’ (Radiosystem) geht. Audio-Dateien lassen sich dabei über den DiFiFi (Digial File Finder) suchen und Bänder über das ‘ASVez’, sprich: Aschwäz (Analogsystemverzeichnis).

Beim Zugang zur RaSy ist die Sekretärin behilflich, die – obwohl deutlich jünger – für den verunsicherten Schreiber schnell mütterliche Gefühle entwickelt. Dazu müsse lediglich ein halbes Dutzend Anträge ausgefüllt werden, erläutert sie einfühlsam.

Formulare befinden sich allerdings nicht mehr wie früher in Ablagekästen im Sekretariat, sondern stehen im Intranet. Ganz modern, lassen sie sich online ausfüllen. Dann werden sie ausgedruckt, in eine Umlaufmappe gesteckt und dem Abteilungsleiter zur Unterschrift vorgelegt, um schließlich an die IT-Abteilung gefaxt zu werden.

Die Redakteurin zeigt sich derweil sehr angetan vom Sendekonzept und der Fülle der gefundenen O-Töne. “Da musst du jetzt nur noch in der RaSy ein Projekt anlegen”, sagt sie.

Diese Sprechweise ist dem IT-Kundigen natürlich geläufig. Wenn der Anwender etwas ‘anlegt’, erstellt er eine digitale Repräsentanz in Form eines Files oder einiger Datenbank-Records. Die Sprechstundenhilfe etwa legt einen Patienten und der Autoverkäufer einen Kunden an. Vereinfacht gesagt: Meist wird über ein komfortables Interface lediglich ein entsprechendes SQL-Statement erstellt.

Offen ist nur noch: “Muss man da jetzt links oder rechts klicken?” – Die Redakteurin scheint nach dieser Frage an der Kompetenz ihres Autors, von der sie sich gerade noch so überzeugt zeigte, irgendwie zu zweifeln.

Und dann sind einige der O-Töne auch noch voller Ähs, geradeso, als wären sie vom ehemaligen Ministerpräsidenten eines südostdeutschen Bundeslandes gesprochen. Die müssen natürlich noch mit dem Editiermodul der RaSy herausgeschnitten werden. Das allerdings geht nur mit Shortcuts.

Verzweifelt sitzt der Schreiber vor den Ähs und fragt eine – offenkundig chronisch – übellaunige Kollegin, die auch an die RaSy möchte, wie das denn funktioniert. “Mit alt+F17 natürlich”, raunzt die.

Ja, so ist das, manche Frauen sind halt immer empört. So ging es vermutlich schon dem Präneandertaler, der nach monatelanger Jagd zu seiner Horde zurückgekehrte und zum ersten Mal dieses Feuer sah, von dem ihm seine Gefährten erzählt hatten.

“Wie macht man denn das?” hat er vielleicht mit großen Augen gefragt. Woraufhin eine empörte Homo-Heidelbergensis-Zicke im Mammutfell ihn angeraunzt hat: “Mit trockenem Gras, Feuerstein und alt+F17 natürlich.” Vermutlich ist er dann lieber wieder auf die Jagd gegangen.

Der Schreiber jagt jetzt auch durch die Anstalt mit flackerndem Blick und hochgezogenen Schultern. Schneideräume hießen früher ‘T’ wie ‘Technik’. Jetzt aber gibt’s dafür so ein neues, kompliziertes Kürzel mit einem ‘D’ wie ‘digital’ drin. – Irgendwo findet sich schließlich der Schneideraum.

Die Technikerin schafft es tatsächlich, mit alt+F17 und noch ein paar anderen Shortcuts die O-Töne sehr schnell zu ‘entstoibern’. Das sei doch ganz leicht, meint sie.

Sie ist nett und mag noch etwas plaudern. “Für welche Redaktion arbeitest du denn?” fragt sie und rät: “Für die Kultur?”

Sie eröffnet dem Präneandertaler damit einen Fluchtweg. Aber der ist viel zu verwirrt, um das zu erkennen, und gibt statt dessen zu: “Für das Computermagazin.” – “Das ist sicherlich sehr interessant”, sagt sie und lächelt milde.

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