“Die moderne Art zu trauern”

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Google dachte an einen Hacker-Angriff, zahlreiche US-Nachrichtenseiten brachen vorübergehend zusammen oder waren nur noch schwer zu erreichen, bei Wikipedia tobte ein erbitterter Autoren-Streit, Twitter musste die Suchfunktion deaktivieren, um den Dienst online lassen zu können – es war der 25. Juni 2009. Der Tag an dem Michael Jackson starb.

Bei AOL spricht man von “einem bahnbrechenden Moment in der Geschichte des Internets”. Etwas Vergleichbares habe es auf diesem Gebiet noch nicht gegeben. Der Instant-Messaging-Dienst AIM ging nach Angaben einer Sprecherin am Donnerstagnachmittag 40 Minuten komplett in die Knie – überhaupt ging das Epizentrum des Internet-Erdbebens von AOL-Servern aus.

Denn zum Konzerngeflecht gehört auch der Hollywood-Nachrichtendienst tmz.com, er hatte die Nachricht von Michael Jacksons Tod zuerst verbreitet: “Wir haben gerade erfahren, dass Michael Jackson von einem Notarztwagen in ein Krankenhaus in Los Angeles gebracht wurde… Uns wurde gesagt, dass er einen Herzstillstand erlitten hat und dass Sanitäter Wiederbelebungsversuche unternehmen… Es sieht schlecht aus.” Kurz darauf war bei TMZ zu lesen: “Wir haben gerade erfahren, dass Michael Jackson gestorben ist. Er war 50.”

Wenig später brach im Internet die Hölle los, beim Internetdienst Google Trends spricht man von einem “Vulkanausbruch”. Millionen von Internetnutzern suchten innerhalb kürzester Zeit nach “Michael Jackson”, die Suchprogramme des Internetkonzerns meldeten Botnet-Alarm, sie gingen von einem maschinengesteuerten Angriff aus.

Twitter-Anwender sendeten im Sekundentakt News, Gerüchte, Kondolenzbekundungen und Kommentare in ihren “Tweets” und brachten den Dienst an den Rand des Absturzes. Zur Hochzeit trafen rund 5000 Kurztexte pro Minute zu Michael Jackson ein. Bei Wikipedia tobte derweil ein Autoren-Krieg. Denn während bei Twitter der Tod des Künstlers längst als Tatsache betrauert und diskutiert wurde suchten klassische Medien wie CNN noch eifrig nach einer offiziellen Bestätigung. Dementsprechend wurde Michael Jacksons Tod bei Wikipedia ständig in den zugehörigen Artikel hineingeschrieben, nur um umgehend von einer anderen Person wieder entfernt zu werden. Das Hin und Her flaute erst ab, als ein Gerichtsmediziner bestätigt hatte, dass Jackson nicht wiederbelebt werden konnte.

Angesichts dieses intensiven Austauschs der Fans weltweit über soziale Netzwerke sprechen Beobachter bereits von der “modernen Art zu trauern” und sehen darin einen Meilenstein in der Entwicklung der digitalen Medienwelt. Tatsächlich ist Jacksons Tod das erste Ereignis der Web-2.0-Ära, das eine ähnliche Massen-Trauer auslöst wie der Unfall-Tod von Lady Diana. Damals trugen die Trauernden Unmengen von Blumen zum Buckingham Palace und anderen Gedenkstätten, 12 Jahre später ergießt sich die Flut der Beileidsbekundungen vor allem über das Internet. Möglichkeiten und Grenzen des Mediums werden dabei scharf wie selten sichtbar.