Leitgezwitscher

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Deutschland hat eine moderne Kanzlerin. Dr. Angela Merkel ist eine äußerst virtuose Simserin.

Das strahlt auch auf ihre Partei und deren bayerische Schwester aus. Jene denkt derzeit intensiv über die neuen Medien nach, insbesondere über das SMS-Netz Twitter: Damit die Trends der im September anstehenden Bundestagswahl nicht vorzeitig publik werden, möchte die stellvertretende CSU-Generalsekretärin Dorothee Bär ihren Politikerkollegen einen “Kodex des Stillschweigens” auferlegen.

Beobachter mit ungelenkem Daumen erinnert die geforderte Twitter-Abstinenz an die Keuschheitsgelübde, die amerikanischen Teeny-Stars von ihren Labels abverlangt werden, und lässt sie ratlos zurück: Weiß die Vize-Generalin etwa nicht, dass sich die Geschwätzigkeit in ihren Kreisen ebenso wenig unterdrücken lässt wie die Libido von Adoleszenten? Und vor allem: Warum um alles in der Welt ist ausgerechnet das GSM- und TCP/IP-basierte Gezwitscher zum politischen Leitmedium geworden?

Eigentlich hätte man derartiges ja von den anspruchsvolleren Formen des Web 2.0 erwartet, von politischen Blogs etwa. Die gibt’s. Die Site wikio.de listet die beliebtesten.

Oft sind schon die Namen ausnehmend beredt: “NachDenkSeiten”, “Nachrichten gegen den Mainstream”, “Annalist”, “Opponent.de”. Ein anderer nennt sich “Sprengsatz”, was nur anarchistisch klingt, in Wahrheit aber den Blog des ehemaligen Stoiber-Beraters benamst.

Es sind ambitionierte Sites, gestaltet von Leuten, über die der Brite dasselbe sagen würde wie über jene, die das Qualitätsblatt The Guardian lesen: “people, who think they ought to run the country”. Diese allerdings sind in aller Regel nicht identisch mit jenen, die das tatsächlich tun.

Auch in Foren steckt demokratisches Potential. Das Forum – griechisch: Agora – war in der Antike der Versammlungsort der Freien, wo jene nach dem Ausgleich ihrer Interessen suchten – zunächst mit dem Argument und, wenn das nicht stach, mit dem Dolch.

Die CDU nun ist die einzig verbliebene Volkspartei in Deutschland. Neugierig hat sich deshalb der journalistische Zeilenschreiber, vergleichbar dem Tagelöhner vergangener Zeiten, auf das Forum der Kanzlerpartei geschlichen. In der Erwartung, hier etwas über die Zukunft der Polis mitzubekommen.

Allerdings diskutiert dort die politische Basis vor allem – mit 939 Postings – über die Geschichtsauffassung, wie sie im Umfeld der Zeitschrift “Junge Freiheit” publiziert wird. Jene näher zu benennen, kann justitiabel sein, weshalb man’s besser lässt.

Sowas treibt die Leute um, die zur CDU surfen. Auch das Vorgestern kommt heutzutage eben über TCP/IP daher. Nicht aber das Heute.

Die Kontrahenten in der aktuellen Steuerdiskussion bringen Stichhaltiges – in welchem Sinne auch immer – lieber ohne Publikum vor. Dabei hätte eine öffentliche Debatte doch wirklich zur Neuauflage einer geradezu klassischen Auseinandersetzung werden können.

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