Microsoft – O.M.G.I.G.P.

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Patchday war wieder. Nein, der ist nicht erst nächsten Dienstag. Diesmal hat’s schon eher sein müssen.

Einen Bug in der Unternehmenskommunikation will Microsoft beheben. Die O.M.G.I.G.P.-Lücke. Das steht für: “Oh my God I’m gonna puke.” Auf Deutsch: “Oh mein Gott, ich kotze gleich.”

Unter diesem Titel hatte der Konzern einen einschlägig lustigen Werbespot breit gestreut. Darin entdeckt eine junge Ehefrau anhand der Browser-Historie, wo ihr Gatte im Netz unterwegs ist: Offenbar neigt dieser einer oder mehreren sexuellen Deviationen zu.

Es folgt die namensgebende Ankündigung. Und ein Microsoft-Mann empfiehlt – begleitet von der extensiven Ausführung jener Ankündigung seitens der Ehefrau – doch die Privacy-Funktionalität des neuen Internet Explorer 8 zu nutzen.

Diesen Clip, versucht der Konzern, jetzt wieder zurückzuholen. Wohl weil er sich für eine Ausstrahlung im Fernsehen während der Abendessenszeit nicht sonderlich eignet.

Die Rückrufaktion erfolgt allerdings sicherlich nicht wegen des in O.M.G.I.G.P. zum Ausdruck kommenden eher schlichten Humors. Sind doch die anderen Browser-Spots – wie G.R.I.P.E.S. (gritting rage internet pathetically extra slow) oder F.O.M.S (fear of missing something) ebenfalls höchstens für ein debiles oder ein alkoholisiertes Grinsen gut.

Also nix zum Lachen. Aber zu denken geben einem solche Clips halt: Warum kann sich denn unsereins nicht über vermeintlich komische Werbung ausschütten? – Die nächstliegende Antwort – wegen des Niveaus (sogar Genitiv!) – fällt aus: Wer nicht Inhaber eines Lehrstuhls ist, kann es sich nicht leisten, Eitelkeit und Analyse zu verwechseln.

Es hat einen anderen Grund: Lachen ist etwas sehr Intimes. Es setzt Nähe voraus. Wer aber über ein Unternehmen berichtet, sollte tunlichst dessen Nähe meiden. Das gehört sich für einen Schreiber einfach so. Auch wenn’s viele anders halten.

Und noch etwas kommt hinzu: Wer über ein Unternehmen berichtet, sollte es kennen. Auch das gehört sich so. Die Nähe von vielen Unternehmen wiederum meidet nur allzu gerne, wer sie erst einmal kennt.

Eltern übrigens wissen, wie intim Lachen ist. Wenn sie ihre Kleinen kitzeln, kriegen die sich meist nicht mehr ein vor lauter Kichern. Wenn’s hingegen die zudringliche Großtante versucht, gibt’s häufig ein wüstes Geschrei.

Kitzeln ist nur lustig, wenn’s jemand tut, dem man vertraut. Wer sich in die Abwehrhaltung begibt, ist nicht kitzelig. Und dieser Zusammenhang ist älter als die Menschheit. Wissenschaftler haben unlängst herausgefunden, dass Schimpansen im Zoo sich gerne von ihren Tierpflegern kitzeln lassen, nicht aber von Fremden.

Nun wird man in Microsoft sicherlich keine Großtante sehen. Das wäre schließlich ungerecht gegenüber den vielen realen alten Damen, die ja im Grunde meist recht nett sind. Keinesfalls aber ist der Konzern ein in Unternehmensform gegossenes Memorial für Thomas Dörflein.

Abwehr oder Vertrauen, das sind die beiden grundsätzlichen Optionen, die der Mensch hat. Wer etwas von ihm will, seine Zuneigung, sein Geld oder sein Leben, der sucht sein Vertrauen.

Die Altmeisterin in dieser Disziplin ist die Heilige Mutter Kirche. Ein Großteil ihres Ritus ist auf jede Lebenslagen ausgerichtet, in denen der Mensch richtig Angst hat und geradezu nach jemandem sucht, dem er sein Vertrauen schenken kann. Da ist dann stets ein Priester zur Stelle, der ein Sakrament spendet, was es allerdings nicht für Gotteslohn gibt.

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