Audrey und das Rätsel der verschwundenen IT

Enterprise

“Halloooo. Ist da jemand?”, rufe ich. Es riecht irgendwie modrig – nach welkem Herbstlaub. Feucht und dunkel ist es auch. “Kann mal jemand bitte das Licht anmachen?” Nichts – Totenstille.

Weiter hinten im Raum, oder ist es eine Halle, plätschert es. Sind bestimmt Wassertropfen, die sich an der Decke sammeln, lautlos fallen und die Pfütze auf dem Boden vergrößern. Warum tropft es von der Decke – ist sicher Kühlwasser? Warum kann ich hier eigentlich so reinmarschieren und verdammt nochmal: Wieso ist hier keiner? So ein mieser Job und das für nur 12 Cent pro Zeile.

“Mensch Digga, die sind alle wech.” Eine weibliche Stimme mit leicht hanseatischem Akzent reißt mich aus meinen Gedanken, “Ah, prima”, sage ich, “ist ja doch jemand hier. Hallo. Ich bin Bernd Seidel, freier Journalist, und soll für “sillycom” ein Interview mit Ihrem Rechenzentrumsleiter führen. Es geht um Green IT. Könnten Sie bitte mal das Licht anmachen?”

“Schön”, lautet die kurze Antwort der gesichtslosen Stimme. “Wie – schön?”. Langsam geht mir das hier auf die Nerven. Die nasskalte Luft ist Gift für meine gereizten Bronchien, der Arzt glaubte zwar nicht, dass es die – politisch korrekt – sogenannte Schweinegrippe sei, aber er rät mir trotzdem, den Abstrich zu machen, damit wir diese Schweinesache wirklich ausschließen, sicher ist sicher, und ich dann wieder Interviews machen kann. Testergebnis hin oder her – die Redaktion ruft und ich latsch los. Vorher noch schnell mit Salbeitee gegurgelt, ’ne Tüte Thymiandrops besorgt, das muss reichen, den Digital-Recorder eingesteckt und dann mit meinem VW-Bus T2 in Creme-21-Orange losgedüst, stehe ich nun in dem – sagen wir mal Keller.

“Schön, wie brav du deinen Spruch aufgesagt hast, meinte ich.” Seit wann duzen wir uns, denke ich. Filmriss? So besoffen war ich doch gestern Nacht gar nicht. Oh nein, es fährt mir durch die Glieder. “Nicht schon wieder Du. Audrey?” “Doch Bernie – ich bin’s.” “Nenn mich nicht Bernie”, fauche ich. “Mann, klingt das scheiße.” So haben sie mich in der Grundschule genannt, meistens nur einmal, weil ich so einen total bekloppten Prinz-Eisenherz-Pottschnitt hatte.

Ich hatte mich schon gefreut, denn Audrey, das ist bei mir so eine, wie andere Leute einen Harvey haben, glänzte in den letzten Monaten mit Abwesenheit. Plötzlich im Urlaub war sie weg – diese innere Stimme. Ich dachte: super, war halt doch nur eine Burnout-Erscheinung und klar – im Urlaub hat sie sich dann verdünnisiert. “Bin ich schon wieder reif für die Insel?”, frage ich hypochondrisch.