An der Ich-Erschöpfung wachsen

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Ich bin erschöpft, sowas von erschöpft, seit Wochen. Zuerst dachte ich, die Grippe ist im Anmarsch. Sie wissen schon, die neue, nach einem essbaren Tier benannte. Ist es aber nicht, keine Erkältung, nur tiefe Mattigkeit.

Das liegt an der Selbstausbeutung der freien Autoren, mache ich mir weis, die nicht nur journalistisch arbeiten sondern zugleich auch Unternehmer, Marketingchef, Einkaufs- und Vertriebsleiter, Buchhalter und Betriebsrat in sich vereinigen müssen. Dazu kommen noch Haushalt und Kinder stöhne ich, bis mir einfällt, dass ich gar keine Kinder habe.

Sofort buche ich einen Kurzurlaub am Mittelmeer. Solche Verwirrung muss vom Lichtmangel stammen. Man kennt das ja. Jedes Jahr im Herbst diese Depression, wenn der Körper zu wenig Sonne bekommt. Ich sage nur: Hochnebel, vier Wochen lang! Da hilft nur ab in den Süden. Doch auch auf der Sonneninsel finde ich keinen Auftrieb, keine Erbauung, will nur schlafen, schlafen, schlafen – und bleibe erschöpft.

Ich will schon fast um medizinischen Rat anfragen, da fällt mir “Payback” in die Hände, das neue Buch von Frank – FAZ – Schirrmacher. Dort steht, was mir fehlt, beziehungsweise woran ich erkrankt bin: An der Ich-Erschöpfung. Plötzlich liegen die Gründe für mein Problem klar vor mir. Sie heißen Internet, Xing, Twitter, E-Mail, Blog, Handy, Social Network, Vernetzung, Feed und so weiter und so fort.

Im Bemühen, die vielfältigen Informationen zu ordnen, Wichtiges von Unwichtigem zu trennen, droht sich mein Gehirn zu verweigern. Roy Baumeister, Psychologe aus Schirrmachers Buch, nennt dieses Alarmsignal Ich-Erschöpfung und schlägt vor, die Informationen wieder dem Hirn unterzuordnen und nicht umgekehrt.

Aha, denke ich, das geht also nicht nur mir so und fühle mich sofort besser. Das ist ein Phänomen unter dem wahrscheinlich vor allem die Älteren unter uns leiden, weil die Jungen ja mit all dem Kommunikationskram auf- und gleichsam hineinwachsen. Und prompt stoße ich auf andere Ich-Erschöpfte: Hubsi Burda etwa, Sie wissen schon, der mit der kühlen Frau Kommissarin Charlotte an seiner Seite. Er hat sich bei Xing eingekauft, jawohl bei diesem Online-Social Network, praktisch einer Erschöpfungsquelle, wo ich auch seit einiger Zeit bin. Für knapp 50 Millionen hat er Anteile übernommen. Will er sie austrocknen? Muss ich jetzt mein Erspartes zusammenkratzen und mich ebenfalls beteiligen?

Quatsch, ich kauf mir lieber Aktien von Oracle. Die haben ein neues Geschäftsmodell, das soll so gut sein wie das von IBM in den 60er Jahren, sagt Gartner. Damals war IBM noch Big Blue, praktisch der Google von heute: Groß und mächtig, als Monopolist gefürchtet und heftig bekämpft. So will Oracle auch werden, sagt Larry Ellison, der Chef.