Sommerzeit: Nutzlos und gefährlich

Was hat Chris Martin, Sänger der britischen Band Coldplay, mit der Sommerzeit zu tun? Martins Ur-Ur-Großvater, der Geschäftsmann William Willett, hat die Sommerzeit erfunden. Angeblich bemerkte Willett bei einem Ausritt am frühen Morgen, dass die Rollläden an allen Häusern noch heruntergelassen waren.

1907 veröffentlichte er die Schrift ‘The Waste of Daylight’ und konnte unter anderem Winston Churchill als Anhänger gewinnen. Es dauerte nicht lange, bis die ersten Staaten mit der Zeitumstellung experimentierten. 1916 wurde die Sommerzeit in Deutschland, Österreich-Ungarn und Irland eingeführt. Auch 1917 und 1918 stellten die Deutschen die Uhren um, dann wurde die Idee wieder fallengelassen.

Doch dann kam die Ölkrise 1973. Der Westen griff nach jedem Strohhalm und erinnerte sich an Willetts Idee. 1975 beschlossen die meisten Länder der Europäischen Gemeinschaft, 1977 die Sommerzeit einzuführen. In der Bundesrepublik wurde noch diskutiert, ob man nur zusammen mit der DDR umstellen könne. Doch als die DDR selbst vorpreschte, wurde diese Frage obsolet. Seit 1980 stellen alle Deutschen im Frühling die Uhren vor und im Herbst zurück.


Bild: ACE

Mittlerweile hat sich jedoch längst herausgestellt, dass die Sommerzeit nicht die erwünschten Effekte bringt. Die Umstellung spart keine Energie, sagt etwa der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW). Die deutsche Energiewirtschaft könne seit Jahren keine Sparwirkung durch den Dreh am Zeiger erkennen.

Nach Angaben des BDEW wird an den hellen Sommerabenden zwar weniger Strom für Licht verbraucht, dafür aber mehr Strom für abendliche Freizeitaktivitäten. Dadurch könne sogar insgesamt mehr Energie verbraucht werden – da der Anteil des Lichts am Stromverbrauch der Haushalte nur rund acht Prozent ausmache. Durch den verstärkten Einsatz von Energiesparlampen sinke der ohnehin geringe Lichtspareffekt weiter.

Nicht nur, dass keine Energie gespart wird – die Umstellung ist sogar gefährlich, da sie zu einem Anstieg der Unfallzahlen führt. “Die Sommerzeit ist ein Eingriff in das biologisches Zeitsystem des Menschen”, sagt Professor Dr. Josef Nagler, Verkehrsmediziner des Auto-, Motor- und Radfahrerbund Österreichs (ARBÖ).

Die Sommerzeit störe die innere Uhr des Menschen bis zur Rückkehr der Winterzeit. Nagler: “Am häufigsten quält man sich mit Müdigkeit und Schlafstörungen. Die daraus resultieren Konzentrationsschwäche und Gereiztheit kann in Straßenverkehr zu Problemen führen, die oft in einem Unfall enden.”

Der ARBÖ hat die Unfallzahlen der ‘Statistik Austria’ der vergangenen 15 Jahre analysiert: In sechs der 15 Jahre gab es am Tag der Umstellung sowie am darauf folgenden Montag mehr Unfälle, als an einem durchschnittlichen Sonn- oder Montag des jeweiligen Monats. Vor allem jedoch am dritten Tag nach der Umstellung, am Dienstag, passieren mehr Unfälle als an einem durchschnittlichen Dienstag des jeweiligen Monats. Dies war in acht der 15 Jahre der Fall.

Auch nach Angaben des Auto Club Europa (ACE) steigt die Zahl der Verkehrsunfälle nach Umstellung auf die Sommerzeit deutlich an. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes (destatis) sei im Verlauf von fünf Jahren die Zahl der Verkehrsunfälle mit Personenschaden jeweils im Monat nach der Zeitumstellung um bis zu 28 Prozent angestiegen.

Auch wenn die Meisten es noch nicht gemerkt haben – es gibt politischen Widerstand gegen die Umstellung. Ikone der Sommerzeit-Gegner ist Herbert Reul, CDU-Europaabgeordneter und Vorsitzender des Energieausschuss des Europaparlamentes. Er habe wegen der “unnötigen Umstellerei” schon alle europäischen Regierungschefs angeschrieben, sagt Reul. Zusammen mit der Bundestagsabgeordneten Gudrun Kopp (FDP) hat sich Reul jüngst in der Sache an Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) gewandt.

Übrigens gibt es in Europa ein kleines Land, dessen eigensinnige Bewohner sich tapfer gegen die Sommerzeit wehren: Island. “Wir haben 1968 entschieden, dass wir eigentlich das dauernde Umstellen der Uhren jedes Jahr zu lästig finden”, so der isländische Astronom Thorsteinn Sæmundsson. In Island sei es im Sommer sowieso rund um die Uhr hell.