Audrey und die verschwundene IT, Teil 7

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Was bisher geschah: Die Chefredaktion des IT-Nachrichtenmagazins “Blue” erteilte mir den Auftrag, dem Verschwinden der IT auf den Grund zu gehen. In der Redaktion komme ich durch die ständigen Ablenkungen mit meinen Recherchen nicht weiter. Ich beschließe, den Tag in den Bergen ausklingen zu lassen, Ich löse meinen Rechner vom USB-Hub, stecke das Moleskine in die Jackentasche, knipse das Licht aus und verschwinde durchs Treppenhaus.

Das Eis auf den Pfützen ist mittlerweile geschmolzen; Föhn sein Dank. Mein VW Bus erstrahlt in sattem Orange an der Stelle, wo ich ihn am Freitag abgestellt hatte. Das Gaspedal durchtreten, eine kurze Drehung am Zündschloss und der Motor schnurrt wie ein Kater, der sich räkelt, sein Fell im Sonnenlicht wärmt. Mittagszeit. Die A 99 ist überraschend frei, die A 8 Richtung Salzburg auch.

“Ich will dir sagen, wieso du hier bist. Du bist hier, weil du etwas weißt. Etwas, das du nicht erklären kannst. Aber du fühlst es. Du fühlst es schon dein ganzes Leben lang, dass mit der Welt etwas nicht stimmt. Du weißt nicht was, aber es ist da. Wie ein Splitter in deinem Kopf, der dich verrückt macht. Dieses Gefühl hat dich zu mir geführt.” Keine Ahnung warum mir immer wieder Morpheus Sätze durch den Kopf spuken, dem Anführer einer Untergrundbewegung aus dem Film Matrix. Ich kurble das Fenster runter.

Mit zwei Tastendrucken aktiviere ich aus dem Handyspeicher die Nummer von AK 47. “Guten Tag, ich bin zurzeit telefonisch nicht zu erreichen. Meine Mailbox höre ich nicht ab.” Ich drücke die Ansage weg. Da fehlt was, die Nachricht ist verändert worden, also war er doch noch Mal zu Hause. Morgen fahre ich mal zu ihm rüber, er wohnt schließlich nur ein paar Kilometer außerhalb von München.

John Lee Hookers boom, boom, boom hebt meine Stimmung:

When she walk that walk,
and talk that talk,
and whisper in my ear,
tell me that you love me
I love that talk
When you talk like that,
you knocks me out,
right off of my feet
Hoo hoo hoo
Talk that talk, and walk that walk

Das Bodenblech meines Bullys verstärkt das Wummern der Blues-Gitarre und taucht die Fahrerkabine in eine Klanghülle.

In Weyarn nehme ich die Ausfahrt 98 und biege rechts ab Richtung Bayrischzell. Miesbach, Hausham, Schliersee, vorbei an Markus Wasmeiers Wintersport- und Bauernhofmuseum und der Slyrs-Whisky-Brennerei. Seit über zehn Jahren wird dort 43prozentiger Malzwhisky produziert. Vielleicht hole ich mir auf dem Rückweg ein Fläschchen. Hinter Neuhaus biege ich in die Spitzingstraße ein, gut 300 Höhenmeter liegen vor mir und meinem Vierzylinder Boxer. 14 Prozent Steigung sind nur im zweiten Gang zu schaffen. Die Straße hinter mir ist vereinsamt. Ich liebe das freie Unternehmertum, kann meine Zeit einteilen, wie ich es will. Hauptsache die Geschichten werden rechtzeitig fertig und gut.

Nach einer langgezogenen Rechtskurve, kurz vorm Einstieg zum Wanderweg Jägerkamp, taucht ein schwarzer Range Rover hinter mir auf und zieht mit Kickdown an mir vorbei. Vollidiot, der hat bestimmt 120 Sachen drauf, denke ich. Ich wechsle die CD. “Toto Live in Amsterdam” in Schacht zwei meines CD-Wechslers ist genau das Richtige, um abzuspannen. Ich blinzle auf den Lautstärkeknopf, gebe ein paar Dezibel dazu, damit Steve Lukathers Gitarre cremiger zerrt.

Eine enge Rechtskurve, der Spitzingsattel ist nicht mehr fern. Noch näher ist plötzlich der schwarze Geländebolide, der wie aus dem Nichts keine zwanzig Meter vor mir quer auf der Straße steht. Ich reiße das Lenkrad ruckartig nach links, um nicht durch die Leitplanken zu dreschen und dem Abhang auszuweichen, meine gut zwei Meter hohe Fuhre richtet sich auf, ich latsche auf die Bremse. Alles geschieht in Zeitlupe. Wie bei Agent Neo, der in The Matrix den herannahenden Projektilen ausweicht. Ich husche über die Gesichter der Range-Rover-Besatzung, weit aufgerissene Augen, die Hände halbkreisförmig schützend vor den Gesichter, die sirrende Gitarre von Steve, das Bending bei 3:32 von A nach C, die Kühlerschnauze des dunkelgrünen Sechseinhalbtonners der Brauerei, der mir auf der linken Fahrbahnseite bergab entgegenkommt – rechts vorne, keine zwei Meter von mir, ein dumpfer Schlag, ächzendes Blech, splitterndes Glas…