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Deutsche Verleger bitten Steve Jobs zum Zensur-Gespräch

Mitte März hat Steve Jobs Post vom Verband Deutscher Zeitschriftenverleger [1] (VDZ) und dem internationalen Dachverband FIPP [2] bekommen. Darin bitten die Verleger den Apple-Boss zum Zensur-Gespräch. Konkret geht es um den Umgang mit Applikationen für iPad und iPhone.

“Wir leben in einer multikulturellen Welt. Das bedeutet, dass Inhalte, die in einem Land völlig akzeptabel sind, in einem anderen als ungeeignet erscheinen können”, heißt es in dem Brief an den Apple-Gründer. “Einheitliche Regeln für die ganze Welt sind eine Einschränkung der Pressefreiheit und der Wahlfreiheit für die Leser.”

An der grundsätzlichen Richtigkeit dieser Aussage ist nicht zu rütteln und, ja, Apple [3] hat dafür gesorgt, dass der Generalschlüssel zum App Store in Cupertino bleibt. Darüber kann und muss man diskutieren. Dass der Unmut quasi parallel zum zunehmenden Börsenwert des Konzerns [4] anschwillt, riecht zwar ein bisschen nach Erfolgsneid, steht aber auf einem anderen Blatt.

Wie aber kommen die Verleger – weltweit und in Deutschland – auf die Idee, Steve Jobs könnte mit ihnen sein Geschäftsmodell diskutieren? Weil auch sie dem Irrglauben erlegen sind, Steve Jobs habe die digitale Schiefertafel nur für sie erfunden.

Mathias Döpfner
Springer-Chef Döpfner: “Einmal am Tag beten und Steve Jobs danken.”
Foto: axel springer

“Jeder Verleger sollte sich einmal am Tag hinsetzen, beten und Steve Jobs dafür danken, dass er mit diesem Gerät die Verlagsindustrie rettet”, hatte Springer-Chef Mathias Döpfner Anfang April in einer US-Talkshow gejubelt und im selben Atemzug Verbesserungsvorschläge angebracht. 30 Prozent Umsatzbeteiligung für Apple bei Verkäufen aus dem App Store seien zu viel. “Da müssen wir uns mit den Vertretern von Apple noch einmal zusammensetzen.”

Zudem kritisieren die Verleger immer wieder, dass sei in den meisten Fällen keinen Zugriff auf die Nutzungsdaten ihrer Apps haben. Hinzu kommen die starren Regeln [5] bei der Zulassung von Applikationen. Die – nebenbei bemerkt – die Entwickler nicht abzuschrecken scheinen [6].

Das iPad sei “zweischneidig”, sagt VDZ-Hauptgeschäftsführer Wolfgang Fürstner. Solche mobilen Geräte seien zwar gut für Bezahlinhalte. Anbieter von Technologieplattformen könnten aber in Inhalte eingreifen und die Rolle von Medienhäusern übernehmen. Dadurch bestehe die Gefahr, “die Verlage auf bloße Inhalte-Lieferanten zu reduzieren”. Das klingt vor allem nach Selbstmitleid anstatt nach konstruktiver Kritik. Zu lange haben viele Verlage mit Zähnen und Klauen an alten Geschäftsmodellen festgehalten, der Sprung ins Internetzeitalter ist ihnen so mehr schlecht als recht gelungen. Jetzt darüber zu jammern, dass jemand anders schneller und vor allem kreativer war…naja.

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Deutlich sinnvoller ist da eine gemeinsame Initiative der Verlage für eKioske, aus denen Online-Ausgaben von Magazinen und Zeitungen von mehreren Verlagen auf eine beliebige Plattform heruntergeladen werden können. Der Großteil kostenpflichtig, manche aber kostenlos.

Doch die 2. Sitzung der entsprechenden Arbeitsgruppe [7] des VDZ lässt Böses ahnen. Beim Thema Vertrieb heißt es: “Insbesondere gibt es Klärungsbedarf zu rechtlichen Rahmenbedingungen, wie zum Beispiel der Forderung nach Einführung des ermäßigten Mehrwertsteuersatzes von 7 Prozent (wie in Print) für digitale Ausgaben.”

Erst eine Arbeitsgruppe bilden, dann den Steuersatz ausdiskutieren, anschließend das weitere Vorgehen – nach unzähligen Expertenanhörungen – abstecken. Und nebenbei dem vermeintlichen Brancheretter Steve Jobs mit Anbetungs-Zuckerbrot und Zensur-Peitsche zu Leibe rücken – man muss kein Managementexperte sein, um zu sehen, dass das kaum funktionieren kann.

Erfolgsversprechender ist da das Steve-Jobs-Prinzip, das Apple-Mitbegründer Steve Wozniak gegenüber der FAZ [8] so beschreibt: “Steve kennt die Regeln, bedient sie und bricht sie, wenn es notwendig ist. Das kann danebengehen, oder nicht. Doch diese Risikofreude, gepaart mit knallharter Kalkulation im Management ist sein Geheimnis.”

Achja, und Post, beantwortet Steve Jobs bekanntlich nur, wenn ihm die Frage sinnvoll erscheint. Die Verleger warten noch auf ihre Antwort.

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