Fachkräftemangel: “Zu viel geredet, zu wenig getan”

Management

Im Interview mit silicon.de beschreibt Dr. Peter Littig, Direktor Bildungspolitik und -strategie bei der DEKRA Akademie, mögliche Wege aus dem Fachkräftemangel. Er sagt aber auch, dass eine nachhaltige Lösung nur noch schwer möglich sein wird – zu lange hätten Unternehmer und Politiker das Problem ignoriert.

silicon.de: Deutschlands Manager versichern glaubwürdig – auch im Rahmen unserer silicon.de CIO-Jury – auf dem Arbeitsmarkt nur noch mit Mühe die Arbeitskräfte zu finden, die sie brauchen. Auf der anderen Seite stehen offenbar viele Fachkräfte, die händeringend eine neue Aufgabe suchen. Wie erklären Sie diese unterschiedliche Wahrnehmung?

Dr. Littig: Junge, qualifizierte Fachkräfte sind knapp in Deutschland, das ist keine Frage. Das von Ihnen beschriebene Phänomen hat verschiedenste Ursachen, manche davon beruhen auf lange gepflegten Vorurteilen. Wenn wir von arbeitsuchenden Fachkräften sprechen, dann handelt es sich oft um ältere Menschen – wobei Bewerber ab 40 am Arbeitsmarkt schon als “älter” angesehen werden!

Viele Unternehmen sind noch immer nicht bereit zu akzeptieren, dass auch ältere Mitarbeiter den täglichen Ansprüchen in der Arbeit gerecht werden. Sie fixieren sich meines Erachtens bei der Rekrutierung oft zu stark allein auf junge Menschen – diese haben vermeintlich mehr Energie, frisches Fachwissen und sind teamfähiger als ältere Mitarbeiter. Diesen Vorbehalten sitzen im Übrigen nicht allein die Arbeitgeber sondern häufig auch junge Mitarbeiter in Unternehmen auf. Dabei zeigen aktuelle Untersuchungen, dass altersgemischte Teams bessere Ergebnisse erzielen. Insofern haben die Akzeptanz älterer Mitarbeiter und die Bereitschaft, diese auch einzustellen, sehr viel mit Unternehmenskultur zu tun.

Peter Littig
Bildungsexperte Dr. Peter Littig über die Strategie vieler Unternehmer und Politiker: “Wir beschäftigen uns erst dann mit dem Problem, wenn es da ist.”
Foto: DEKRA Akademie

silicon.de: Vor allem ältere Arbeitnehmer scheinen Probleme bei der Jobsuche zu haben – wiegt jahrelange Berufserfahrung nur noch wenig im Vergleich zu Know-how in den neusten Technologien?

Dr. Littig: Es scheint so zu sein. Allerdings ist es Menschen mit einschlägiger Berufserfahrung durchaus zuzutrauen, das eventuell vorhandene Know-how-Defizit durch zusätzliche Qualifizierungsanstrengungen auszugleichen.

Ich kann nachvollziehen, dass sich Unternehmen Bewerber wünschen, die das neueste Fachwissen mitbringen und zu 100 Prozent dem gesuchten Profil entsprechen. Nur, wenn es diese so am Arbeitsmarkt nicht gibt, muss ich mir überlegen, wie ich mit den zur Verfügung stehenden Ressourcen umgehe. Hierfür ist ein Überdenken der bisherigen Rekrutierungs- und Personalentwicklungsstrategien notwendig. Diese Flexibilität fehlt meines Erachtens noch vielerorts.