IT-Mittelstand: Von der Gießkanne zum Leuchtturm

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Förderprogramme der Bundesregierung kommen im Mittelstand nicht an, kritisiert Oliver Grün, Vorstand des Bundesverbands IT Mittelstand (BITMi). Breit angelegte Fördermaßnahmen können, wie er im Interview mit silicon.de erklärt, deutlich mehr bewirken als einzelne Prestige-Projekte.

Während Herr Oliver Grün, CEO der Grün Software AG und Vorstand des Verbandes der mittelständischen Softwarehersteller, darauf wartete, dass die Lufthansa seinen Flieger enteiste, fand er die Zeit auf seinem iPhone für silicon.de einige Fragen zum Fachkräftemangel, zur Bildungspolitik und zu Fördermaßnahmen der Bundespolitik zu beantworten.

Dr. Oliver Grün, Vorstand des BITMi und CEO der Grün Software AG. Quelle: BITMi
Dr. Oliver Grün, Vorstand des BITMi und CEO der Grün Software AG. Quelle: BITMi

silicon.de: Der BITMi fordert ja die Entwicklung eines integrativen Unterrichtskonzeptes für Informatik an Schulen. Auf dem IT-Gipfel wurde zwar viel über die Stärkung der IT gesprochen, Informatik als Schulfach war aber, so weit wir beobachten konnten, kein Thema?

Grün: Nein, leider nicht. Den Gipfel veranstaltet das BMWI, dieses Thema wäre eher beim BMBF aufgehoben.

silicon.de: Im Sinne des Abbaus des Fachkräftemangels ist Informatik als Schulfach sicherlich keine schlechte Idee, doch wie realistisch ist eine solche Forderung?

Grün: Wir halten die Forderung angesichts der Bedeutung der IT für absolut realistisch. IT ist DIE Schlüsseltechnologie für die Zukunft Europas.

silicon.de: Auch in einigen Ingenieursberufen mangelt es an Fachkräften, sollte man also auch hier einen Grundkurs einfordern, in wie weit unterscheidet sich ihre Forderung?

Grün: Wie bereits erwähnt ist die IT am bedeutendsten für Innovationen in der EU. Mehr als 50 Prozent der Produktivitätssteigerung in der EU geht auf das Konto der IT, nicht der Ingenieursberufe.

silicon.de: Stichwort Studium. In einem Interview mit silicon.de, haben sie gefordert, dass eine IT-Ausbildung auch in Form von Credits bei einem nachfolgenden Studium angerechnet werden soll, was bisher nicht der Fall ist. Selbst Frau Merkel spricht vom lebenslangen Lernen, das kann aber nicht bedeuten, dass ich ein Leben lang studieren muss … Tut sich in Ihren Augen da bereits etwas?

Grün: Vielleicht tut sich jetzt etwas. Die deutlichen Worte der Kanzlerin zum lebenslangen Lernen haben uns positiv überrascht. Wir werden unsere Forderung weiter, auch gegenüber dem Hauptadressaten BMBF, einbringen.

silicon.de: Sie fordern außerdem eine organisatorische Schnittstelle Bundesverband IT-Mittelstand und Politik, konnten Sie hier bereits Erfolge erzielen? Oder sind große industrialisierte IT-Hersteller nach wie vor erfolgreicher mit ihrer Lobby-Arbeit in der Politik?

Grün: Die IT-Industrie ist vorne, aber wir holen auf. Das Jahresthema 2011 des BITMi lautet “Allianz des IT-Mittelstandes in Deutschland”. Wir haben viel vor.

silicon.de: Zum Thema internationaler Wettbewerb, was muss Deutschland tun, um im globalen Wettbewerb besser aufgestellt zu sein?

Grün: Deutschland hat einen ungewöhnlich breit aufgestellten IT-Mittelstand. Neben der wichtigen Startup-Förderung müssen Unternehmen, die sich am Markt etabliert haben, gefördert werden. Echte Mittelständler von 25 bis 250 Mitarbeiter, die wachsen wollen, müssen in den Fokus der Förderung kommen. Dann entstehen Leuchttürme, die Deutschland unter die TOP 5 bringen können.

silicon.de: Ein Diskussionsbeitrag auf dem 5. IT-Gipfel waren Steuerentlastungen bei Forschungsinitiativen, wäre das ein Weg?

Grün: Ja, wir unterstützen diese Forderung des Bitkom. Die Kanzlerin wiegelt allerdings ab mit dem Hinweis, statt Gießkannenprinzip lieber gezielte Förderprogramme aufzulegen. Von denen profitiert aber nicht der IT-Mittelstand, sondern die Großen. Vielen Dank!

silicon.de: Die indische Regierung hat die Outsourcing-Industrie über Jahre hinweg mit Steuergeschenken und niedrigen Sätzen aufgepäppelt. Wäre so etwas auch in Deutschland vorstellbar?

Grün: Ja, besser als komplexe Förderanträge, die den normalen IT-Mittelständler nicht erreichen.

silicon.de: Bleiben wir in Indien. Die dortigen Unis spucken jährlich Hundertausende Absolventen aus. Dennoch herrscht auch auf dem Subkontinent derzeit Mangel an geeigneten Fachkräften. Fachkräfte, die wir vielleicht auch in Deutschland gut gebrauchen könnten. Was könnte die Politik, was könnten die Unternehmen tun, um im Wettbewerb auch um ausländische Fachkräfte besser konkurrieren zu können?

Grün: Senkung der Gehaltsgrenze für Programmierer auf 35.000 Euro. Alles andere ist für den IT-Mittelstand Unsinn.

silicon.de: Eine gut ausgebildete Fachkraft wird einen Arbeitgeber wie Microsoft, Google, SAP oder IBM sicherlich einem kleineren Arbeitgeber den Vorzug geben. Was können mittelständische Unternehmen tun, um auch gegenüber großen Unternehmen attraktiv zu werden?

Grün: Besser kommunizieren, dass sie Lebensperspektiven und Nachhaltigkeit statt schnelles Geld und schicke Firmenwagen bieten. Der IT-Mittelstand ist attraktiv, das muss nur kommuniziert werden.

Herr Grün, wir danken für das Gespräch.

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