Wolkige Fragen

CloudEnterprise

Das ist jetzt blöd gelaufen diese Woche. Eigentlich wird an dieser Stelle ja immer niedergeschrieben, was einem so einfallen kann, wenn man die Phantasie mit sich durchgehen lässt. Aber das haben diesmal schon andere gebracht. Die Tageszeitungen sind voll davon, vor allem die Feuilletons.

Kein Theaterkritiker, der in diesen Tagen nicht den Premieren-Smoking gegen Kampfanzug und Datenhandschuh tauschen würde, um im Cyberkrieg um WikiLeaks virtuell ein bisschen mitzumischen. Dabei bezahlt dieses Land doch für diesen Job eigens einen Verteidigungsminister. Und dem verdankt es – neben schöner Fotos – die offizielle Feststellung, dass man eher bei dem, was in Afghanistan herrscht, “umgangssprachlich von Krieg reden” kann.

Aber auch der Verteidigungsminister konnte diese Woche nicht für definitorische Klarheit sorgen, war er doch vollauf damit beschäftigt, das zentralasiatische War-Theatre als Catwalk für sich und seine Gemahlin zu nutzen. Gezeigt wurde der aktuelle Military-Look, umspielt von rustikalem Karo.

Und dann hat der CTO von Fujitsu Technology Joseph Reger auf silicon.de WikiLeaks auch noch in die Cloud gehüllt. Amazon habe jener einen “Bärendienst” erwiesen, schreibt er. Denn, wenn ein Server-Farmer mit angeschlossenem Buchhandel WikiLeaks einfach so von der vielzitierten Datensteckdose abklemmen kann, welche Sicherheit hat dann noch ein CIO, der sich auf wolkige Angebote eingelassen hat?

Das ist die Frage, die einen umtreibt. Deshalb diese Woche keine Glosse – davon stehen die besten eh in den Feuilletons – und auch nichts zum Cyberwar und zu WikiLeaks, statt dessen ein Nutzwert-Artikel mit Checkliste zum Thema: Worauf muss ich bei der Auswahl meines IT-Dienstleisters achten?

Apropos Cyberwar: Die Bildzeitung schrieb am Wochenende, es sei der “erste Cyber-Krieger festgenommen” worden. Der stellte sich als 16jähriger niederländischer Schüler heraus, der – mit seinem PC – der Welt zeigen wollte, was er so alles draufhat.

Sowas haben Youngsters schon immer gerne gemacht, schon, bevor es PCs gab. In ländlichen Gebieten Bayerns beispielsweise wird die diesbezügliche Tradition in so genannten Burschenvereinen gepflegt. Und um der Welt des Nachbardorfs zu zeigen, was sie so draufhaben, entwenden bayerische Bauernburschen jedes Jahr in der Nacht des 30. April deshalb einen nachbarschaftlichen Maibaum und geben ihn nur gegen viel Bier wieder her. Eine schöne Tradition!

Und deshalb muss die erste Frage eines IT-Verantwortlichen an seinen Dienstleister lauten: Bist du gegen Bauernburschen gewappnet? – Amazon würde dies sicherlich bejahen, denn dass seine Cloud diese Woche vom IT-Himmel verschwand, lag ja nach Konzernangaben nicht an halbwüchsigen Cyber-Kriegern, sondern war Hardware-bedingt.

Und deshalb muss die zweite Frage eines IT-Verantwortlichen an den Dienstleister lauten: Was für eine komische Hardware verwendest du eigentlich?

Apropos WikiLeaks: Die hat Amazon ja nach Konzernangaben nicht auf Druck der US-Administration hin von seiner Wolke vertrieben, sondern wegen eines Verstoßes “gegen die Geschäftsbedingungen, zum Beispiel die Forderung, dass Kunden alle Rechte an ihren Inhalten besitzen”.

Darauf ist Amazon gekommen, nachdem WikiLeaks die Depeschen aus US-Botschaften veröffentlicht hat, worin unter anderem stand, beim deutschen Entwicklungshilfeminister Dirk Niebel handele es sich um eine “schräge Wahl”. Demnach wäre das eine schützenswerte, proprietäre Sicht des amerikanischen State Departement.

Nun vertrauen ja CIOs unter Umständen ihren Hostern noch schwerer zu erlangende Erkenntnisse in Form von Daten an. Von daher muss die dritte Frage lauten: Sag mal, weißt du wirklich, was das heißt, geistiges Eigentum?

Und dann hat sich in den USA noch der Amazon-Autor Mike Huckabee zu Wort gemeldet, der vormalige Bewerber um die Präsidentschaftskandidatur der Republikaner. Er war gerade auf Promotiontour für zwei seiner Weihnachtsbücher, darunter das “süßeste (sweetest)”, das eine Amazon-Rezensentin je gelesen hatte, und er befand, dass “alles unterhalb der Exekution eine zu freundliche Strafe (too kind a penalty)” für den Menschen sei, der WikiLeaks die Depeschen hat zukommen lassen.

Und deshalb muss die vierte Frage des CIO an seinen Dienstleister lauten: Sind meine Daten eigentlich vor all dem Seltsamen, das du in deinem Rechenzentrum speicherst, gut abgesichert?

Der, dessen Fragen zu seiner Zufriedenheit beantwortet werden, kann getrost bei Amazon hosten. Alle anderen sollten hinaus in die sternenklare Winternacht schauen. Vielleicht taucht da ja doch noch ein kleines, vertrauenswürdiges Wölkchen auf. Wunder soll es in dieser Jahreszeit ja schon gegeben haben.

Anklicken um die Biografie des Autors zu lesen  Anklicken um die Biografie des Autors zu verbergen