Wofür braucht die Wirtschaft überhaupt IT-Juristen?

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Stellt man Unternehmern und Managern die Frage, wann sie Anwälte und Justiziare einschalten, erhält man vielfach die Antwort: “Am liebsten nie.” Dabei bekommen rechtliche Fragestellungen in einer zunehmend regulierten Wirtschaftswelt eine immer größere Bedeutung.

Die Rolle der Juristen bei Unternehmenstransaktionen

In einer zunehmend komplexeren und immer stärker regulierten Wirtschaftswelt bekommt das Management rechtlicher Fragestellungen eine immer größere Bedeutung. Stellt man Unternehmern und Managern jedoch die Frage, wann sie Anwälte und Justiziare einschalten, erhält man vielfach die Antwort: “Am liebsten nie.” Solange nicht vor Gericht prozessiert wird, versuchen viele Entscheider Juristen aus Unternehmenstransaktionen und Entscheidungsprozessen möglichst raus zu halten. “Sind die Juristen erst einmal beteiligt, wird es kompliziert”, lautet eine häufig zu hörende Begründung. Woher kommt diese Einstellung, ist sie berechtigt und können Juristen nicht auch Mehrwert für Entscheider bringen?

Gründe für die Abneigung Juristen einzuschalten

Juristen und Entscheider betrachten Geschäftstransaktionen aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Entscheider denken in Kategorien von Umsatzchancen, Kostenstrukturen und Geschäftsprozessen. Juristen wurden darin ausgebildet, in Kategorien von Compliance-Anforderungen und Risikoszenarien zu denken. Wenn beide Seiten nicht den Willen haben, die Sichtweise des anderen zu verstehen und Kompromisse zwischen den Sichtweisen herzustellen, dann ist der Entscheider genervt und der Jurist frustriert. Die Kommunikation wird zum Kampf, die Zusammenarbeit zum Alptraum. Die Folge ist, man geht sich gegenseitig aus dem Weg.

Ausbildungsdefizite der Juristen als Kommunikationshindernis

Die Juristenausbildung in Deutschland ist immer noch auf den Richterdienst ausgerichtet. Deshalb fehlt jungen Juristen nach dem zweiten Staatsexamen oft die Erfahrung und das Wissen, wie Unternehmen funktionieren und wie man mit Nichtjuristen so kommuniziert, dass diese den Juristen und seine Denkweise verstehen. Auch fehlt jungen Juristen in aller Regel das Bewusstsein dafür, dass Entscheider vom Juristen nicht wissen wollen, wie die Rechtslage aussieht, sondern einen marktfähigen Vertrag oder eine kundenfreundliche und presseverträgliche Problemlösung wünschen. Doch hierfür fehlt gerade jungen Juristen oft die nötige Erfahrung.
Juristen haben während der Ausbildung meist weniger komplexe Lebenssachverhalte zu beurteilen als die, die dann im Unternehmensalltag auf sie zukommen. Auch wenn Juristen im Rahmen ihrer Ausbildung vielleicht schon erste Berührungspunkte mit dem IT-Recht hatten oder sogar schon eine Fachanwaltsausbildung absolviert haben, sind ihnen die oft komplexen rechtlichen Fragestellungen aus dem Unternehmensalltag z.B. zu ERP-, CRM- oder SaaS-Projekten selten geläufig und sie wissen daher auch nicht, wie sie für diese Transaktionen praxistaugliche Problemlösungen entwickeln können.

Gemeinsame Überwindung der Verständnisdefizite

Man kann sicherlich bemängeln, dass Juristen in puncto Unternehmenswissen einige Defizite mitbringen. Dies wird auch schon seit vielen Jahren öffentlich diskutiert. Aber wenn Juristen, Unternehmer und Manager sich dieser Defizite bewusst sind, kann man den Einarbeitungsprozess so gestalten, dass das fehlende Wissen nachgeholt wird.

Juristen, die Unternehmen beraten wollen, müssen sich darum bemühen, über Seminare, Bücher, Praktika und Befragung von Netzwerkkontakten das fehlende IT- und Unternehmenswissen zu erwerben. Denn nur, wer versteht, welche Aufgabe und Sichtweise ein Unternehmer und Manager hat, wird ihn auch adäquat beraten können.

Unternehmer und Manager sollten ihren Anwälten und Justiziaren die Möglichkeit geben, ihr Unternehmen, Geschäftsprozesse und ihre Erwartungshaltung näher kennen zu lernen. Das kann durch regelmäßige Workshops, Mentoring, Trainee Programme und internes oder externes Coaching geschehen.

Natürlich ist das für beide Seiten Aufwand und kostet Geld. Aber der Aufwand lohnt sich auch für beide Seiten. Wenn Unternehmer und Manager einerseits und Anwälte und Justiziare anderseits bereit sind, das entsprechende Investment zu leisten, wird das die weitere Zusammenarbeit für beide Seiten zu einem spannenden und interessanten Miteinander entwickeln und ein anfängliche Spannungsverhältnis schnell auflösen.

Entwicklung einer fruchtbaren Kooperation

IT-Juristen können in vielfältiger Weise Mehrwert für das Unternehmen schaffen. Ihre Aufgabe ist es, die Unternehmensführung dabei zu unterstützen und zu beraten, dass

  • zwingende rechtliche Vorgaben für Geschäftsmodelle und Geschäftsprozesse korrekt umgesetzt werden (z.B. Compliance-Vorgaben oder Datenschutzbestimmungen) und eine Inanspruchnahme von Unternehmen und Managern wegen Rechtsverletzungen vermieden wird,
  • rechtliche Risiken (z.B. aus möglichen Urheberrechtsverletzungen) vor einer Firmenübernahme identifiziert und durch geeignete Maßnahmen eliminiert werden,
  • rechtliche Gestaltungsspielräume (z.B. zu Lizenzmodellen oder Gewährleistungsrechten) bekannt sind und in marktgerechter Art und Weise für das Unternehmenswachstum genutzt werden können,
  • Ansprüche gegen das Unternehmen (z.B. unberechtigte Lizenzgebühren-
    forderungen) nachhaltig und effizient abgewehrt werden,
  • Geschäftsmodelle, Geschäftsprozesse und Verträge so gestaltet werden, dass das Unternehmen nachhaltig wachsen kann und keine ungewollten Risiken übernimmt,
  • Forderungen aus Verträgen (z.B. auf fristgerechte Lieferung) und Rechten (z.B. zur Übertragung einer Lizenz auf eine Tochtergesellschaft) effizient und ohne Imageschaden (z.B. durch Negativpresse) durchgesetzt werden,
  • Geschäftsbeziehungen zu Lieferanten so organisiert und gestaltet werden, dass die Geschäftsbeziehung floriert und vorhersehbare Konflikte möglichst nachhaltig vermieden werden und dass
  • Konflikte mit Lieferanten möglichst geräuschlos, fair, nachhaltig und effizient gelöst werden.

Um diese Aufgaben optimal erledigen zu können, müssen Juristen durch Beobachtung von Markt, Gesetzgebung, Rechtsprechung und Expertenmeinungen jene rechtlichen Faktoren herausfiltern, die IT-Transaktionen nachhaltig erfolgreich machen und mögliche Schadensrisiken für das Unternehmen abwenden.

Damit neue Erkenntnisse zwischen Entscheidern und Juristen nicht nur projektbezogen, sondern auch proaktiv und präventiv ausgetauscht werden können und die Zusammenarbeit und das wechselseitige Verständnis gefördert wird, sollten unternehmensinterne Plattformen (z.B. halbjährliche unternehmensinterne IT-Tagung, internes IT-Wiki inkl. juristischer Infos) aufgebaut werden, auf denen sich in regelmäßigen Zeitabständen zumindest die Entscheider aller mit IT-Transaktionen beschäftigter Abteilungen (einschließlich der für IT-Transaktionen verantwortlichen Juristen) über aktuelle Entwicklungen im und außerhalb des Unternehmens sowie über neue Problemstellungen und Schwierigkeiten der jeweiligen Abteilung austauschen.

Fazit:

Oft stehen einer fruchtbringenden Zusammenarbeit zwischen Juristen und Entscheidern Kommunikationshindernisse und wechselseitige Verständnisdefizite entgegen. Mit einer Veränderung der Sichtweisen und den richtigen Tools und Plattformen lassen sich diese Defizite jedoch überwinden und eine produktive Zusammenarbeit entwickeln, die allen Beteiligten neue Einsichten und dem Unternehmen Mehrwert bringt.

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