War was?

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Ein paar Tage noch, dann ist’s Geschichte. Und da fragt man sich halt schon: War da was – im Jahr 2010? – Es war, aber anders als gedacht.

Die “Geburtsallianz Österreich” hatte 2010 ja schon einmal vorab zum Jahr der Hausgeburt erklärt. Ein wunderschönes Motto!

Aber den Menschen, die’s betrifft, dürfte jetzt wohl nicht der Sinn nach historischen Deutungsversuchen stehen. Sie sind eh mehr zukunftsorientiert. Und die paar Pfunde strampelnder Zukunft, die sie zu zweit zustande gebracht haben, wird ihnen wohl auch kaum Zeit für einen Jahresrückblick lassen, weil sie beständig schreit und stinkt.

EU-Kommission, -Rat und -Parlament hatten sich ebenfalls bereits im Vorfeld Gedanken gemacht. 2010 sollte demnach das “Europäische Jahr zur Bekämpfung von Armut und sozialer Ausgrenzung” werden.

War wohl nix, hat dieser Tage der Trierer Bischof Stephan Ackermann festgestellt. Es sei “nicht erkennbar, dass das Europäische Jahr zu strukturellen Änderungen bei der Armutsvermeidung und -bekämpfung geführt hätte”, erklärte er am Wochenende. Auch die Gottlosesten werden die Wahrheit dieses Hirtenworts nicht anzweifeln.

In Deutschland hatte das Bundesverfassungsgericht dem Gesetzgeber aufgetragen, die Bedarfssätze für die Ärmsten der Gesellschaft neu zu berechnen. Und damit die nicht zu hoch ausfallen, hat der Bundestag jenen den Bedarf an Kippen und Bier rundheraus abgesprochen.

Vielleicht aber steht das Parlament mit dieser eigenwilligen Auffassung auch alleine da, und das Bundesverfassungsgericht muss das noch einmal korrigieren. Die einschlägigen Weisheiten der Schrift jedenfalls legen dies nahe, heißt es doch schon bei Hiob, Kapitel 15, Vers 34: “Denn der Heuchler Versammlung wird einsam bleiben.”

Diese Stelle hätte eigentlich Seine Exzellenz selbst zitieren müssen. Aber er ist wohl mehr ein Mann des Ausgleichs.

Überhaupt das Bundesverfassungsgericht! Ständig musste heuer ein Dutzend Karlsruher Richter den Job von mehreren hundert Arbeitsverweigerern im Berliner Reichstag erledigen, nämlich im Rahmen des Grundgesetzes Recht zu schaffen: Im Frühjahr kippte das Gericht die Vorratsdatenspeicherung.

Telefonnummern, Mobilfunkzellen, Mail- und IP-Adressen wollten träge Staatsschützer prophylaktisch protokollieren lassen, um aus wichtigem oder nichtigem Anlass bequem darauf zugreifen zu können. – Man kann sich die Vorratsdatenspeicherung vorstellen wie ein bundesdeutsches Facebook, bei dem alle 81 Millionen Einwohner by default registriert sind.

Das war denn auch laut Time-Magazine das Unternehmen – und der Facebook-CEO Mark Zuckerberg die Person – des Jahres. Wie das gemeint ist, bleibt offen. Vor Mark Zuckerberg wurden schon Haile Selassie (1935), Josef Stalin (1939 und 1942), die Unter-25-Jährigen (1966), der Computer (1982) und George W. Bush (2000) ausgezeichnet.

Der Schreiber ist somit 1966 – ohne sich dessen bewusst gewesen zu sein – selbst ausgezeichnet worden. Und die Wahl von 1982 hat ihn im Nachhinein sehr gefreut.

Die Wahl von Mark Zuckerberg wiederum rangiert, was die Affirmation anbelangt, zwischen der des Computers und jener von Josef Stalin, also eher im Umfeld von Haile Selassie und George W. Bush. Es ist ja schon bewundernswert, dass einer, der zwar nicht mehr unter 25, aber immerhin erst 26 ist, zeigt, wo’s im Web langgeht. Google hat das bislang getan, Microsoft immer vergeblich versucht.

Wie kommt es bloß, so fragt man sich, dass ein Unternehmen, dessen Inventar aus vielleicht 70.000 Servern besteht, also ein paar Racks voller Commodities, 40 Milliarden Dollar wert sein soll.

Ganz einfach: Facebook kennt einen Großteil der kaufkräftigen Bevölkerung dieser Welt im Détail. Woran sie interessiert sind, haben eine halbe Milliarde Menschen beantwortet, ob an Frauen oder Männern, ob an Datings oder festen Beziehungen, welche politischen Einstellungen sie haben, was sie lesen, sehen, hören, arbeiten. – 80 Dollar pro Datensatz ist da eher unterbewertet.

Unlängst hat Mark Zuckerberg seinen neuen E-Mail-Dienst vorgestellt und dessen Integration in das Facebook-Netz. Spam auszufiltern, sei kein Problem, erklärte er, “because we know, who your friends are”. Das klang bedrohlicher, als wenn die Anhänger einer unterlegenen Fußballmannschaft grölen: “Schiri, wir wissen, wo dein Auto steht.”

Bedrohlich empfanden auch viele, die sich ansonsten eigentlich nicht bedroht fühlen müssen, Wikileaks. Und die Time-Leser hätten deswegen auch lieber Julian Assange als Person des Jahres gesehen.

Wikileaks, das ist wie Facebook – oder Vorratsdaten – nur eben anders herum. Es macht nicht die Daten von vielen gewöhnlichen Leuten wenigen mächtigen zugänglich, sondern gerade umgekehrt. Und das ist erhellend.

Vielleicht, so hat man ja manchmal gezweifelt, ist das alles doch ganz anders, der Verteidigungsminister mehr als ein Polit-Popstar mit photogener Gattin, die bei Bild bereits einen Status erreicht hat wie eine “Spielerfrau”, der Außenminister ein bedeutender Staatsmann und der Oppositionsführer ein heißblütiges Gegengewicht zur Regierung. Es könnte schließlich auch an der eigenen sozialen Dackelperspektive liegen, also an der Sicht von unten halt, dass man alles so negativ betrachtet.

Die Einschätzung von Politprofis, wie sie von vielen staatlichen Institutionen und damit letztlich von jenen vielen gewöhnlichen Leuten bezahlt werden, würde einen da schon interessieren. Aber freiwillig erfährt man von den Profis ja nichts. Dank Wikileaks aber zumindest unfreiwillig.

Und das, was man dabei erfährt, deckt sich doch sehr mit dem, was man schon immer gedacht hat. Man kann also durchaus in Wikileaks so etwas wie eine Mischung aus Bundeszentrale für politische Bildung und Wikipedia sehen.

2010 wird daraus wohl nichts mehr: Aber vielleicht macht das Bundesverfassungsgericht sich im nächsten Jahr ja mal ein paar kluge Gedanken zur Informationsfreiheit. Heuer zumindest war auf die roten Roben schließlich wirklich Verlass.

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