Die silicon.de-Gesprächspartner 2010

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Auch 2010 hatten wir Gelegenheit, mit wichtigen Vertretern der IT-Industrie zu sprechen. Wir blicken auf Interviews zurück – unter anderem mit Jim Hagemann Snabe, Ralf Haupter, dem Bayern-CIO oder Gartner-Deutschlandchef Martin Gutberlet.

Gartner-Deutschlandchef Martin Gutberlet erläuterte das wohl heißeste Thema 2010: Cloud Computing. “Ohne Zweifel das absolute Nummer-Eins-Hype-Thema nicht nur in Deutschland. Das Interessante ist allerdings, dass viele Anwender Cloud sagen, aber die Virtualisierung von Rechenzentren meinen. Manchmal werden einzelne Applikationen ausgelagert, beispielsweise das E-Mail-System an Google Mail. Das ist de facto eine Cloud-Applikation, es gibt aber ganz wenige Unternehmen, die das tatsächlich machen.” Gutberlet sieht, wie andere auch, nach wie vor Begriffsverwirrung bei Cloud. IT-Manager sehen in dem Thema vor allem mehr Flexibilität, sie “investieren aber noch nichts in entsprechende Lösungen, weil diese noch nicht ausgereift sind”.

Ralph Haupter, Nachfolger von Achim Berg an der Spitze von Microsoft Deutschland, erklärt dazu : Ich glaube, man muss verstehen, wie der Markt sich entwickelt. Die Kunden sind heute bereit, auf die letzten 20 Prozent Funktionalität zu verzichten und standardisierte Services aus dem Netz zu beziehen. Das heißt, es geht um nackte Kosten einerseits und um maximale Flexibilität sowie Standardisierung des Angebotes andererseits. Diese drei Komponenten werden das Thema Cloud-based Services ultimativ treiben – auch auf dem deutschen Markt. Wir sind außerhalb der USA weltweit führend, was Cloud-based Services betrifft.

Ralph Treitz, Gründer und Vorstand der VMS AG, klaubte für silicon.de Anspruch und Wirklichkeit beim Thema Cloud auseinander. Nutzerzahlen von Cloudanwendungen “werden vom Marketing und nicht vom Justiziar herausgegeben”, so Treitz troken. “Es gibt einfach zu diesem Thema immer noch viel Erklärungsnotstand. Der beginnt bei sicherlich ernsthaften juristischen Fragen, ob der CIO weiß, wo die Daten liegen – Antwort: ja, man kann Cloud innerhalb der EU machen – über das Argumentieren gegen allgemeine Ängste, die Daten wären nun vogelfrei – Antwort: Nein, sie sind so gut und schlecht geschützt wie zu Hause – bis hin zu den tatsächlichen Problemen – Antwort: Nein, auch ich habe kein zufrieden stellendes SLA mit Amazon vereinbaren können”, mit diesen Worten bringt Treitz einen großen Teil der Cloud-Problematik auf den Punkt.

Neben Cloud nennt SAP-Co CEO Jim Hagemann Snabe Enterprise Mobility als neuen Megatrend. Nachdem SAP wieder die Nähe zum Anwender sucht, investierte das Unternehmen zum Beispiel in die Übernahme von Sybase, um Mobility weiter voranzutreiben: “In der heutigen Geschäftswelt müssen Mitarbeiter von überall aus und jederzeit auf die für sie wichtigen Anwendungen zugreifen können. Über welches Endgerät sie das tun und ob das Unternehmen die Daten im eigenen Rechenzentrum vorhält oder von Anbietern wie der SAP hosten lässt, ist für sie unerheblich. Die Akquisition von Sybase bringt uns dem Ziel einen enormen Schritt näher, unseren Kunden genau diese Flexibilität zu bieten. Übrigens: Wir selbst sind gerade dabei, unsere eigene IT-Infrastruktur so auszubauen, dass die Nutzung solcher mobilen Endgeräte wie das iPad für unsere Mitarbeiter eine Option darstellt.”

Ja, SAP hat ein Herz fürs iPad, das kann SAP-CIO Oliver Bussmann im Interview mit silicon.de bestätigen: “Durch das iPad wird der ‘Lifestyle’ sozusagen zum ‘Workstyle’. Im Grunde genommen bin ich immer online. Durch unsere VPN-Anbindung des iPads mit den IT-Systemen habe ich stets Zugriff auf meine Mails und meinen Terminkalender. Ich nutze verschiedene Geschäftsapplikationen wie SAP CRM, den SAP Business Objects Explorer, aber auch Prototypen frisch aus der Entwicklung. Das iPad erlaubt es mir, immer auf dem aktuellen Stand der Business-Nachrichten und meinen Social-Media-Feeds zu sein.”

Reinrassige On-Demand/Cloud-Modelle hält Snabe jedoch mittelfristig für eher unwahrscheinlich: “Unsere Großkunden wollen beides – eine integrierte und leistungsfähige On-Premise-Suite für ihre zentralen Geschäftsprozesse wie ERP, und als Ergänzung dazu leicht anzubindende On-Demand-Anwendungen, mit denen sie zwar wichtige, aber nicht unmittelbar geschäftskritische Prozesse steuern können, zum Beispiel Reisekostenabrechnungen, Bestellungen, das Management von Kundendaten oder die Regulierung des CO2- Ausstoßes. Daher haben wir bereits Anfang vergangenen Jahres einen eigenen Geschäftsbereich gegründet, der sich darum kümmert, solche On-Demand-Anwendungen zu entwickeln.”

Heterogenität ist in einem etwas anderem Sinn auch für SAP CTO Vishal Sikka ein Thema: “Ich glaube nicht, dass die Kundenlandschaften dem entsprechen, was Oracle mit dem voll integrierten Stack anbietet. Ich glaube, dass die Landschaften bei den Kunden heterogen sind. Selbst dann, wenn ein Kunde – was ausgesprochen selten ist – auf Vollintegration setzt, nur einen Hardware-Hersteller, nur eine Middleware, eine Datenbank, eine Anwendung und ein Userinterface verwendet, läuft diese Strategie meist ins Leere. Denn kauft dieser Kunde ein anderes Unternehmen, hat er mit einem Mal wieder eine heterogene Landschaft. Die Geschichte zeigt, dass die Geschäftswelt eine heterogene ist, die sich so auch in den IT-Landschaften wiederspiegelt. Zwingt man Kunden in ein einheitliches Schema, wird das zum Hemmnis für Innovation.”

Im Mittelstand verfolge SAP jedoch eine andere Strategie: Hier bietet SAP mit Business ByDesign eine vollständige On-Demand-Plattform, die dem Mittelständler so viel Arbeit wie möglich abnimmt. Allerdings hält sich Snabe mit “Prognosen bewusst zurück.” Nun komme es darauf an, das Produkt am Markt zu etablieren. “Dass das gelingt, steht für uns außer Frage.” Ähnlich legt das auch Rainer Zinow, Senior Vice President ByDesign, in einem Video-Interview auf der CeBIT dar. Darüber ist Zinow so glücklich, dass er sogar ein Tänzchen wagt:

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Wichtig beim Thema Cloud ist auch die Sicherheit: Jan Hichert, CEO von Astaro, erklärt im Video-Interview, dass in der Cloud, zum Beispiel bei der E-Mailarchivierung, die Daten häufig besser geschützt sind, als auf einem lokalen Server.

2010 kochte auch das Thema Migration auf Windows 7 auf. In einem umfangreichen Interview mit Herbert Bayerl, Projektleiter bei der Münchener Hypothekenbank haben wir über die vermutlich erste deutsche Komplettmigration auf Windows 7 gesprochen. Auch ohne besondere Unterstützung durch Microsoft ist Bayerl offenbar gut mit dem neuen Betriebssystem aus Redmond zurecht gekommen: “Die Probleme, die man hätte haben können, bei einem Betriebssystem, das so vorher noch nie ein Unternehmen produktiv getestet hat, hätten deutlich größer sein können. Unser Fokus war natürlich, dass der Betrieb aufrecht erhalten werden muss. Denn der Test hat gezeigt, dass Windows 7 nicht das Problem war, sondern eher die Anwendungen, die nicht sauber programmiert waren.” Den größten Aufwand hatte Bayerl und sein Team beim Testen der Anwendungen. Warum aber beeilte sich die Münchner Bank, auf Windows 7 zu migrieren? Bayerl: “Wir standen vor der Entscheidung, wollen wir die letzten sein, die von XP auf Vista wechseln oder sind wir die ersten, die auf Windows 7 wechseln.” Und auf diese Weise hat sich das Bankhaus eine ganze Betriebssystem-Generation gespart.

Einiges unter einen Hut musste auch die Software AG nach der Übernahme von IDS Scheer bringen. Dr. Wolfram Jost, CTO Research & Development and Product Marketing bei der Software AG, ist allerdings ist sehr zufrieden: “Wir haben bisher schon viel erreicht – vor einem Jahr standen wir noch vor zwei getrennten Produktlinien, zwei getrennten BPM-Ansätzen und zwei getrennten Entwicklungsbereichen. Mittlerweile haben wir die Bereiche integriert und eine klare Strategie für die Zukunft erarbeitet. ‘Business Process Excellence’ lautet hierbei das Motto. Das steht für die Zusammenführung des betriebswirtschaftlichen und technischen BPM-Ansatzes. Ein Novum im Markt. Technisch gesehen basiert dieser Ansatz auf der Integration der beiden Produktlinien ARIS und WebMethods plus einige neue Komponenten. Heute ist die Integration schon fast vollständig erreicht.” Bereits zur CeBIT 2011 will die Software AG ein neues integriertes Produkt vorstellen.

Der Bayern-CIO, wie er salopp genannt wird, heißt eigentlich Franz Josef Pschierer, und ist offiziell IT-Beauftragter der Bayerischen Staatsregierung. Pschierer ist kein studierter Informatiker, aber will dennoch den Freistaat in eine Vorreiterrolle in Sachen E-Government heranführen. Das kann aber nur in kleinen Schritten geschehen: “Wir rollen gerade unsere Basiskomponente zur Personalverwaltung in den Geschäftsbereichen der Ressorts aus. Dann werden alle Beschäftigten des Freistaats Bayern in einer großen SAP-Anwendung nach einem ausgefeilten Berechtigungskonzept administriert. Derzeit arbeiten bereits zirka zwei Drittel der Beschäftigungsdienststellen damit produktiv. Zurzeit wird auch eine serviceorientierte IT-Architektur (SOA) aufgebaut. Sie soll eine effiziente Kopplung verschiedener Basiskomponenten und Fachanwendungen der einzelnen Ministerien mit dem eGoverment-Portal www.verwaltung.bayern.de ermöglichen.”

Ab 2014 soll laut Gesetz das Personenstandsregister nur noch elektronisch geführt werden dürfen. “In Bayern soll das Personenstandswesen schon vorher vollständig auf elektronische Register und Fachverfahren umgestellt werden. Das Staatsministerium des Innern hat im März 2010 ein Landesfachkonzept vorgelegt, das unter meiner Mitwirkung erstellt wurde. Auf Basis dieses Konzeptes soll das zentrale elektronische Personenstandsregister in Bayern umgesetzt werden.”

2010 war auch das Jahr des Superschädlings Stuxnet: Aleks Gostev, Virenjäger bei Kaspersky, beschreibt, was diesen Schädling so gefährlich macht: “Die zahlreichen Technologien, die Stuxnet verwendet, machen diesen Wurm so einzigartig. Zudem missbraucht Stuxnet vier Zero-Day-Schwachstellen und zwei legitime Zertifikate (von Realtek und JMicron). Dadurch blieb der Wurm lange unentdeckt. Der Wurm verbreitet sich über Wechseldatenträger, Netzwerke und Netzwerk-Sharing, eine sehr “smarte” Verbreitung, wenn man bedenkt, dass die Systeme, die der Wurm attackiert, keinen Zugang zum Internet haben. Im Gegensatz zur Computerkriminalität in den letzten Jahren hat es Stuxnet explizit auf Simatic WinCC SCADA-Systeme, die bei industriellen Anlagen eingesetzt werden, abgesehen. Der Wurm zielt darauf ab, etwas zu zerstören und nicht Geld zu stehlen. Stuxnet versteckt seine Aktivitäten mit PLC (Programmable Logic Controller). So werden Änderungen im Code ausgeblendet. Die Malware kann Informationen über Server und Netzwerk-Konfiguration sowie SCADE-Systeme einholen.”

Eines der Highlights von CBS Interactive – und damit auch von silicon.de – war 2010 eine Partnerschaft mit der Initiative ‘White-IT gegen Kinderpornografie’. silicon.de interviewte dazu Uwe Schünemann, Innenminister von Niedersachsen.

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