Twick.it verschmilzt Wikipedia und Twitter

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Das deutsche Web-Projekt Twick.it versucht den Spagat zwischen dem Wikipedia- und dem Twitter-Prinzip. Die auf den ersten Blick widersinnige Idee von Markus Möller und Sean Kollack kann inzwischen erste Erfolge vorweisen. Im Interview mit silicon.de erläutert Kollak, wohin die Reise gehen könnte.

silicon.de: Woher kommt die Idee?

Kollak: Markus Möller und ich haben gemeinsam in einer Werbeagentur gearbeitet und uns intensiv mit Social Media und Crowdsourcing befasst. Von Anfang an waren wir beide von den Möglichkeiten des Web 2.0 fasziniert: die Tatsache, dass jeder Mensch Daten und Wissen, die wichtigsten Ressourcen unserer Zeit, bloggen und bookmarken, verbreiten und verteilen kann. Gerne wollten wir auch etwas zu dieser Revolution beisteuern. Nur wie?

Als erstes haben wir uns Wikipedia näher angeguckt – und waren von der schwer bedienbaren Redaktions-Oberfläche, den Relevanzkriterien und dem scheinbar unvermeidlichen Edit War sehr frustriert. Für ein Mitmach-Projekt sind die technischen und redaktionellen Hürden unserer Meinung nach zu hoch. Der Durchschnittsbürger mit seinem Alltagswissen bleibt außen vor. Außerdem sind die Autoren bei Wikipedia quasi unsichtbar und die Fülle der Informationen für eine schnelle Information oft zu unübersichtlich.

Also haben wir uns mit Microblogging und insbesondere Twitter beschäftigt. Sehr bald bemerkten wir das Potential von Twitter als einfach zu bedienendes “Wikipedia der Nachrichten”. Allerdings verpuffen die Tweets in Echtzeit. Da lag die Frage nahe: Können wir die Usability von Twitter mit der enzyklopädischen Struktur von Wikipedia vereinbaren. So wurde aus Twitter + Wikipedia = Twick.it – die Erklärmaschine.

Dabei war uns sehr wichtig, etwas wirklich Neues zu erschaffen. Etwas, dass es in dieser Form selbst in Amerika noch nicht gibt! So haben wir ein Bewertungssystem für die konkurrierenden Erklärungen geschaffen und die semantische Verschlagwortung hinzugefügt, durch die der Wissensbaum, die Tag-Cloud und die verwandten Themen von Twick.it automatisch erfasst werden.

silicon.de: Was würde Sie als bisher größten Erfolg des Projekts bezeichnen?

Kollak: Twick.it hat schon viele Erfolge gefeiert. Kurz nach dem Start der Beta-Phase hat Basic Thinking, einer der meistgelesenen Blogs in Deutschland, über die Erklärmaschine berichtet. Wir haben das Konzept auf der CeBIT präsentiert, waren bei SWR3 im Radio, beim WDR im Fernsehen und wurden mit dem Social Media Preis ausgezeichnet. Hey, es gibt sogar einen Wikipedia-Artikel über Twick.it. Welches nicht-kommerzielle Start-up kann das schon von sich behaupten?

Mein persönlicher Höhepunkt war jedoch der Erklär-Wettbewerb, den wir zum NRW-Tag in Siegen veranstaltet haben. Dabei haben die Anwohner den 400.000 Besuchern die Besonderheiten ihrer Stadt erklärt. Die besten Erklärungen wurden auf Großleinwänden präsentiert. Und NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft hat sich vor Ort das Konzept erklären lassen und der Erklär-Königin die Hand geschüttelt.

silicon.de: Die Kurzerklärungen stehen unter einer freien Lizenz – können also mit anderen Wissensdatenbanken kombiniert werden. Was erwarten Sie sich davon?

Kollak: Die Erklärungen können nicht nur mit Wissensdatenbanken, sondern mit jeder strukturierten Datensammlung kombiniert werden. Mit Videos auf Youtube, mit Fotos auf Flickr, mit Songs auf MySpace, mit Lexikon-Einträgen aus dem firmeninternen Blog, mit Location Based Services oder Tourismus-Plattformen. Den Ideen der Nutzer sind keine Grenzen gesetzt.

Der Vorteil der freien Lizenz liegt auf der Hand: Durch Mashups werden die Erklärungen im Netz verbreitet. Das erhöht den Anreiz für aktive Nutzer, gute Erklärungen zu schreiben, um so ihre Online-Reputation zu stärken. Darüber hinaus kann dank der CC-Lizenz die Suchfunktion von Twick.it auch auf andern Websites eingesetzt werden, ein gutes Beispiel dafür bietet das St.-Marienkrankenhaus.

In diesen Mashups wird auch der universelle Anspruch der Erklärmaschine deutlich. Anders als bei der Wikipedia, die eine zentrale Anlaufstelle bietet, auf der Informationen gehortet werden, ist unser Ziel, die Definitionen da hinzubringen, wo der Nutzer sie gerade benötigt – aufs Handy, in Office-Dokumente auf dem PC, in den Teletext, aufs eBook, in Spielkonsolen… Daran arbeiten wir.

silicon.de: Welche Einsatzmöglichkeiten gibt es für Twicks – und an welche haben Sie vielleicht selbst anfangs gar nicht gedacht?

Kollak: Unmittelbar nachdem die Idee zu Twick.it geboren war, sind uns eine Vielzahl an Einsatzmöglichkeiten eingefallen. So kann man aus den Erklärungen zum Beispiel einen Trendbarometer bauen, der den Wandel der Definitionen über einen Zeitraum hinweg analysiert. Von unseren ursprünglichen Ideen haben wir bereits eine Menge umgesetzt, die auf der Spielwiese vorgestellt werden. Dort sieht man, was passiert, wenn man die Suchergebnisse von Wikipedia oder Google mit den Twicks zusammenbringt. Wir stellen ein Erklärungs-Widget für iGoogle vor und bringen Twicks auf die Landkarte von Google Earth. Mit Find-the-topic und unserem Quiz machen wir aus den Erklärungen Social-Media-Gesellschaftsspiele, die unendlich fortgesetzt werden können.

Die wichtigste Anwendung ist jedoch der Tooltip mit dem die Erklärungen in anderen Websites und Blogs angezeigt werden können. Mit diesem Plugin kann der Leser selber entscheiden, welches Wort er erklärt haben will. Er muss dazu nicht mehr googeln, was immer die Gefahr in sich birgt, dass er nicht zur ursprünglichen Seite zurückkehrt.

Aber wir haben noch mehr Ideen in der Pipeline: Gemeinsam mit einigen Sprechern und Radiomoderatoren haben wir einen Podcast auf die Beine gestellt – ebenfalls unter CC-Lizenz. Das geht im Februar an den Start – natürlich mit eigenem iTunes-Kanal. Noch in der Testphase befindet sich das Twicktionary für das Lexikon von Apple. Klasse fänden wir auch ein Augmented-Reality-Fernrohr, das die Sehenswürdigkeiten einer Stadt mit den entsprechenden Erklärungen verquickt. Die große Chance von Twick.it liegt sicher im Hyperlokalen, in den kleinen Nischen, die bei Wikipedia und anderen Plattformen durch die Relevanzkriterien fallen. Ich könnte mir zum Beispiel individuelle Geo-Caching-Routen vorstellen, die komplett mit Twick.it und einem Smartphone entwickelt werden. Schließlich haben wir auch Kooperationen mit anderen Wissensplattformen wie der Eyemap oder Wortschatz von der Uni-Leipzig auf dem Schirm.

silicon.de: Augmented-Reality-Anwendungen auf Smartphones haben laut Branchenbeobachtern gute Zukunftschancen – wie sehr könnten Sie davon profitieren?

Kollak: Einer der Gründe, die Erklärungen auf 140 Zeichen zu beschränken, war natürlich die gute Darstellbarkeit auf Smartphones und in Augmented-Reality-Anwendungen. Dort hat man keinen Platz für ausufernde Beschreibungen, sondern muss gleich auf den Punkt kommen. Dass wir hier mit Twick.it auf dem richtigen Weg sind, zeigt auch der Gewinn der Wikitude-Weltmeisterschaft. Ja, wir sind Augmented-Reality-Weltmeister und haben uns in der Kategorie “Social” sogar gegen den etablierten amerikanischen Dienst Gowalla sowie Sagis, das geographische Informationssystem des Landes Salzburg, durchsetzen können. Von dieser Nische erhoffen wir uns also viel, wobei uns sehr wichtig ist, dass die Plattform nicht wegen dieser sehr technischen Anwendungen zu kompliziert für den alltäglichen Nutzer wird.

silicon.de: Trotzdem wirft Twick.it – erklärtermaßen ein Hobby-Projekt von Ihnen und Herrn Möller – bisher kein Geld ab. Welches Ziel haben Sie?

Kollak: Markus und ich hätten nichts dagegen einzuwenden, wenn wir eines Tages von Twick.it leben und uns rund um die Uhr darum kümmern könnten. Allerdings muss bei der Monetarisierung der soziale Geist der Erklärmaschine gewahrt bleiben! Als Crowdsourcing-Plattform lebt Twick.it einzig und allein von dem Input der Nutzer. Gerade in Deutschland ist die Web 2.0 Community sehr empfindlich, wenn es um Vermarktung geht. Dieser Verantwortung sind wir uns bewusst. Gleichzeitig kosten Server, Betreuung und Marketing Geld. Darum halten wir uns im Augenblick alle Türen offen. Vielleicht wird Twick.it als Plattform für freies Wissen eines Tages von der Wikimedia geleitet und durch Spenden finanziert.

Auch über ein soziales Spendensystem für Autoren freier Inhalte im Netz (analog zu FlattR) haben wir schon nachgedacht. Allerdings ist ein solches extrem kompliziert zu realisieren. Natürlich bieten sich auch durch die Technologie der semantischen Verschlagwortung fantastische Werbemöglichkeiten. Wenn jemand auf Twick.it nach “John Lennon” sucht, könnten wir beispielsweise auch automatisch Anzeigen zu verwandten Themen wie “Beatles” oder “Imagine” anzeigen. Wir könnten also kontextsensitive Werbung schalten, Premium-Werbeplätze verkaufen oder auch nur die Technologie vermarkten. Das ist aber Zukunftsmusik.

Im Augenblick macht uns Twick.it so viel Spaß, dass wir es auch mittelfristig weiter aus eigener Tasche finanzieren werden. So sind wir unabhängig und können weitere Ideen testen.

Unser großes Ziel ist es, Twick.it in Deutschland als wichtigste Wissensmarke neben Wikipedia zu etablieren und zu einer Vielzahl an hyperlokalen Suchanfragen ganz oben in den Suchmaschinen gelistet zu werden. Das wollen und werden wir in den nächsten zwei Jahren schaffen.