Unsere Regierung im Cyberspace

EnterpriseMarketingNetzwerk-ManagementNetzwerkeÖffentlicher SektorProjekteService-ProviderSoziale Netze

Jetzt ist endgültig klar: Deutschland ist angekommen im Informationszeitalter. Nein, nicht wegen des Scholzomats, dieses Hamburger Lokalpolitikers, der Sätze produziert wie die Sprachausgabe eines Amiga von 1987. Der ist Legacy.

Die deutsche Industrie – wurde vielmehr von der Hauptstadt aus in die Informationsgesellschaft migriert. Dort, im Plenum des Bundestags, haben die twitternden Abgeordneten längst eine verfassungsändernde Mehrheit.

Und so erfährt der Souverän denn auch direkt per Tweet, was seine Vertreter denn so umtreibt. Bei Katja Dörner, grüne MdB aus Nordrhein-Westfalen, etwa war es am 12. Februar 2011, um 9 Uhr 48, die “Vorfreude auf äthiopisches Essen im ‘Fasika'”. Da ist der Bürger doch gleich top-informiert.

Den Weg in die Informationsgesellschaft konsequent zuende gegangen aber ist – wie könnte es anders sein – der Freiherr Karl-Theodor usw. zu Guttenberg. Von seinen Freunden und vom Seehofer wird der KT gerufen. Hier wird er unter seinem offiziellen Namen geführt.

Falls wider Erwarten, jemand den Rückblick liest, der ausschließlich Privatfernsehen schaut: Das ist der Mann von der Blonden, die die Sendung auf RTL2 hatte – “Tatort Internet” – dieses Aktenzeichen XY over TCP/IP.

Der Freiherr war derart damit beschäftigt, Maßstäbe zu setzen, dass er sich nicht auch noch mit dem Setzen von Anführungszeichen befassen konnte. Ein echter Leistungsträger!

Generationen matter Studenten mussten sich zuvor vorwerfen lassen, der Steuerzahler finanziere ihr Lotterleben. Aber dann kam Karl-Theodor zu Guttenberg und hat es ihnen – so wie’s ausschaut – wohl gezeigt: wie der Steuerzahler sich auch an den Kosten beteiligen kann, die beim Unterschleif anfallen.

Ein Meister der Virtualität. Als es um Opel ging, hat er ja sogar der Kanzlerin widersprochen, nicht richtig, versteht sich, sondern rein virtuell, also bloß wirksam, mit der Wirkung halt, dass er seitdem als unabhängiger Kopf gilt.

Da muss es diesen Mann doch schmerzen, dass er vielleicht in die deutsche Geschichte bloß als der erste Minister eingehen wird, der von der namenlosen Masse vom Guttenplag-Wiki zu Fall gebracht wurde. Mit Crowd-Sourcing gegen einen Baron – Pfui! ist das doch.

Das finden jedenfalls 273.952 (Stand: Donnerstag, 6 Uhr 57) User, die sich auf Facebook “Gegen die Jagd auf Dr. Karl-Theodor zu Guttenberg” zusammengefunden haben. (Fußnote: Seit Mittwoch nennt sich die Seite: “Gegen die Jagd auf Karl-Theodor zu Guttenberg”.)

“Jetzt EinsPlus einschalten: ‘Deutsche Dynastien – Die Guttenbergs'”, heißt es dort etwa. Na, wenn das kein Argument für Copy und Paste ist!

Die Fahne der iCSU in Berlin hochhalten muss vielleicht bald trotzdem die tapfere Aigner, Ilse alleine. Die wurde von ihren Parteifreunden zwar bloß deshalb in die Hauptstadt geschickt, weil die dort jemanden brauchen, den die eher bodenständige bayerische Landbevölkerung als eine der ihren betrachten kann. Aber die quicke Ministerin ist natürlich längst in den Cyberspace entschlüpft.

Dort hat sie sich in der Öffentlichkeit des Internet ein bisschen mit Facebook gekabbelt und sich damit ein Denkmal gesetzt, das beständiger ist als eines aus Eisen oder Stein. Bits nämlich korrodieren nicht. Darauf werden auch die vielen Teenies noch kommen, die die Geschichte der fürsorglichen Verbraucherschutzministerin vom digitalen Radiergummi geglaubt haben.

Allerdings die wichtigste Frau im virtuellen Berlin ist natürlich die Bundeskanzlerin, die oberste Simse der Republik. Die erste deutsche Regierungschefin, die einen eigenen Video-Podcast hat. Diese Woche erklärt sie den Netzbürgern, was denn ein “Zukünftler” ist.

Sie kann das, weil sie hat ja viele im Kabinett. Sabine Leutheusser-Schnarrenberger beispielsweise. Die hatte mal gegen die Vorratsdatenspeicherung geklagt. Aber bevor es zur Urteilverkündung kam, wurde sie Ministerin und damit quasi zur Angeklagten.

Das ist doch ein zukunftsweisendes Geschäftsmodell für Rechtsanwälte: Der Kanzlei-Inhaber selbst vertritt die eine Partei vor Gericht, sein Avatar die Gegenseite. Oder eben umgekehrt. Als Nichtjurist blickt man da ja nie so genau durch.

Zwei Kabinettsmitglieder sind sogar Zukünftler 2.0. Der Begriff kommt von Futur II und wird für Leute verwandt, die ihre Zukunft schon hinter sich haben, wie Ursula von der Leyen und Wolfgang Schäuble.

Ursula von der Leyen hat als Zensursula bei Youtube bereits Unsterblichkeit erlangt und dafür gesorgt, dass eine rein virtuelle Organisation, die Piratenpartei, bei der letzten Bundestagswahl 2 Prozent der Stimmen bekommen hat. Daran versucht sie jetzt anzuknüpfen.

Aber das gelingt ihr nicht so recht. Die monatelange Debatte darüber, ob ein Hartz-IV-Bezieher drei Euro mehr bekommen darf, ist schließlich nicht virtuell, sondern nur unwirklich.

Der Finanzminister soll sich lange quergestellt haben, hört man. Der hat noch keinen Coup im Cyberspace landen können, außer vielleicht einen kleinen mit seinem Youtube-Hit “Reden Sie nicht, Herr Offer”.

Aber wenn er sich schon schwertut mit dem Internet, dann hätte er wenigstens draufkommen können, dass man CDs auch offline kaufen kann. Und bei dem, was auf CDs drauf ist, die Finanzministern angeboten werden, geht es nicht bloß um drei Euro.

Trotzdem ist Dr. Wolfgang Schäuble – dass er seinen Doktortitel rechtmäßig erworben hat, zweifelt nun wirklich niemand an – der begnadetste Plagiator der deutschen Politik. Und das war er schon, als Ursula von der Leyen noch als einzige Adelige im Kabinett saß.

Dr. Wolfgang Schäuble zieht nicht wie andere aus unlauteren Motiven Kopien von einem Original, sondern umgekehrt das Original von einer Kopie. Der Bundestrojaner etwa ist eigentlich eine Erfindung seines Vorgängers Otto Schily.

Aber weil jener “bouncing” war wie eine verirrte E-Mail und vor allem weil er sich für einen Law-and-order-Politiker in recht zwielichtige Gruppen verirrt hatte wie die RAF-Verteidigung, die Grünen und die Sozialdemokratie, muss man zugeben, dass der Bundestrojaner im damals Schäuble-geführten Innenministerium dort ankam, wo er hingehörte.

Und dann ist da noch Guido Westerwelle, ein Mann über den auch Wikileaks nur enthüllen konnte, was alle Welt schon wusste. Dass die Außenpolitik eigentlich nicht seine Stärke ist, etwa.

Auf Youtube kann man ihn noch beim Üben beobachten. Dort sagt er, er sei “die Freiheitsstatue dieser Republik”. Dass das nicht zu diplomatischen Irritationen geführt hat, liegt wohl nur daran, dass das State Departement auch ohne die von Wikileaks abgegriffenen Dossiers wusste, was von dem Mann zu halten ist.

Ach ja, es mag ja schön sein, so ein modernes eGovernment zu haben. Aber man vermisst halt doch ein Feature, das das übrige Internet bietet, die Möglichkeit, auch mal offline zu sein.

Anklicken um die Biografie des Autors zu lesen  Anklicken um die Biografie des Autors zu verbergen