Zur Niederlage der Spaßguerilla

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Die Zeit zwischen Weihnachten und dem 46. Tag vor Ostern bezeichnet man gemeinhin als Fasching. Und die Aufgabe des Spaßguerilleros in dieser Zeit besteht darin, sich unter das trinkende und schenkelklopfende Volk zu mischen und die allgegenwärtige Fröhlichkeit mit subversiven Witzen zu infiltrieren.

Die Sieges-Chancen während der diesjährigen Frühjahrsoffensive auf die Zwerchfelle der belustigten Massen waren auf den ersten Blick groß. Es schien möglich, Pathos und Phrasen mit Lachsalven sturmreif zu schießen, reif für einen alle Dumpfbackigkeit niedermähenden Sturm der Heiterkeit.
Auch ist die Spaßguerilla inzwischen gut gerüstet. Sie verfügt über Wikis und soziale Netzwerke, um den Kampfeswillen stärkende Häme unter Unterstützern und Sympathisanten mit Internet-Geschwindigkeit zu verbreiten und sich zusammenzurotten.

Ebenfalls günstig erschien die Ausgangslage für den Kampf um die Lacher. Just in der Faschingszeit publizierte die Süddeutsche Zeitung die Geschichte über die Dissertation des bekanntesten fränkischen Edelmannes und deren bis dahin geheime, zumeist bürgerliche Quellen. Vergangenes Wochenende dann beendete ein im doppelten Sinne trauriges Häuflein Demonstranten in der nordbayerischen Provinz diese Farce für’s Erste.

Ein Triumph der Spaßguerilla? – Mitnichten! Sie hat schwere taktische Fehler gemacht und ihre strukturellen Defizite offenbart.

“Raubkopierer sind Verbrecher” etwa überschrieb der Blog Rebellen.info eine Karikatur des besagten Edlen. – Wohl die Klassiker nicht gelesen, Compagneros. Seit der Biermösl Blosn (einer Untergrundorganisation, die wie die Bande Robin Hoods im Sherwood Forrest im westbayerischen Biermoos entstanden ist), seitdem müsste eigentlich klar sein, dass so was nicht geht.

Man darf nie brutal oder grob sein, lautet schließlich die wichtigste Lehre aus den Scharmützeln bajuwarischer Derblecker mit der Obrigkeit. Und was könnte gröber und geistloser sein, als eine PR-Kampagne, mit der einst eine nicht nur technologisch zurückgebliebene Filmindustrie versuchte, zur Hatz auf minderjährige Tauschbörsen-Nutzer zu blasen?

“Dr. Guttenbergs Copy-Paste.jpg – Das können Sie sich in die Haare schmieren” auf Stupidedia.org bekommt hingegen einen Punkt, aber nur für die Photoshop-Kenntnisse und bei weitem kein “summa cum laude”. Auch für “summa cum fraude” auf Youtube und “Buyreuth” auf Twitter für die Universitätsstadt, in der man solche Titel günstig erwerben kann, gibt’s ein Pünktchen für altphilologische und neusprachliche Kenntnisse.

Das ganze Dilemma, in dem die revolutionäre Spaßguerilla steckt, zeigte hingegen Harald Schmidt im ARD-Youtube-Channel. Er hoffe, der Baron zu Guttenberg “fand Entspannung, als er gestern Abend auf einer Kanonenkugel nach Hause ritt”, sagte der. Das lässt einen ratlos zurück: Seit wann geht denn ein Euphemismus als Satire durch?

Das offenkundige Defizit in der Kopier-Farce: Das Original wurde nie erreicht.

Am tapfersten versucht hat’s ja noch ein Guerillero, der sich auf Youtube als Pro-Guttenberg-Demonstrant ausgab und darum bat, dass sein Name nicht genannt wird, weil “ich gerade an meiner Doktorarbeit schreibe”. Seine Mit-Demonstranten haben in ihn wohl einen der Ihren gesehen, sonst hätte er leicht zum Märtyrer werden können.

Aber niemand hat es gewagt, den Bild-Kolumnisten Franz Josef Wagner satirisch überhöhen zu wollen. Der schrieb auf Facebook an den “lieben Karl-Theodor zu Guttenberg”: “Sie sind ein Lichtmensch, keine Eule.” Und: “Was bedeutet Rücktritt?” – “Rücktritt vom Licht, vom Geliebtsein, vom Königssohn Deutschlands.” – Da geht nichts drüber.

Oder der Freiherr selbst. Einer der wenigen Sätze in seiner Dissertation, die nach bisherigen Erkenntnissen aus seiner eigenen Feder stammen, lautet: “Europa als Gedanke, Gewissheit und Realität könnte, am Ende dieser Stufenleiter angelangt und auf dem Wege zur Tradition, zum Scheitelpunkt zwischen Konservatismus und Moderne werden, der weder die Option der Gratwanderung noch die Gelegenheit der Verbindung jener Elemente auszuschließen vermag.” (Zitiert nach Lyrikzeitung.com, Orthographie-Fehler verbessert, ak.)

Das Frappierende ist nicht, dass man in Bayreuth mit abgeschriebenen Sätzen promovieren kann, sondern mit solchen selbst formulierten. Das verschlägt jedem Spötter doch die geliebte Sprache.

Die Niederlage der Spaßguerilla rührt also daher, dass der Freiherr und seine komischen Freicorps einfach besser waren. Um sie zu erreichen, müsste man sie kopieren. Allerdings mit Kopieren kann man vielleicht promovieren, aber nicht glossieren.

Aber davon darf man sich nicht demoralisieren lassen. Denn jetzt beginnt die Fasten- respektive Starkbierzeit. Und wie formulierte es dereinst ein Stratege, der ebenfalls zum Treppenwitz der Geschichte wurde, doch so treffend: “Der Spaßguerillero muss im Volk schwimmen wie die Schaumkrone auf einer gut eingeschenkten Halben.”

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