Nackig-Schüttler, Kill-Switches und die Glaubwürdigkeit

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Zum Ritter geschlagen worden ist Linux ja schon recht häufig, laut silicon.de (vom 26.3.2009) von IBM, als der Konzern das Betriebssystem auf seine Mainframes portierte, laut IBM wiederum von der Stadt München, die die Arbeitsplatzrechner der kommunalen Angestellten auf Open Source migriert. Andere sagen, die SAP sei’s gewesen. Und einige meinen sogar, Steve Ballmer habe die angestammten Aufgaben der Queen auf dem Feld der IT übernommen, als er 1998 zugab, dass der Erfolg der freien Software ihm Sorgen bereite.

Unstrittig hingegen ist, wer allein Linux in weniger feinen Kreisen willkommenheißen durfte. Das konnte nur Bild!

Und vor genau einer Woche ist das denn auch geschehen oder in der eigentümlichen Sprache dieses Blatts (vom 18.3.2011) ausgedrückt: “Jetzt wird’s Google! – Bild geht wieder App.”

Auf Deutsch: Die Bild-Zeitung ist jetzt auch als Android-Software erhältlich. Und weil der Verlag damit nicht primär sprachpflegerische Ziele verfolgt, enthält die Software etwas, das die Leserschaft auf jeden Fall goutiert: “Das Bild-Girl zum App-Schütteln. Das aktuelle Seite-1-Girl entblättert sich mit jedem Schütteln des Handys mehr.” So erfährt der Bild-Gucker doch einmal ganz praktisch, wozu ein Bewegungssensor nütze sein kann.

Linux ist jetzt also allgegenwärtig, vom Rittersaal bis zur Gosse, popularisiert durch das Gadget-Derivat Android. Das unterscheidet sich von anderen Varianten durch einige Google-spezifische Eigenheiten, etwa das Remote Application Removal Feature, vulgo: den Kill-Switch. Von 260.000 Smartphones hat Google unlängst Programme per Fernzugriff gelöscht, die mit dem Trojaner Droiddream infiziert waren.

Das geschah laut Google Mobile Blog (vom 5.3.2011), um die “Nutzer zu schützen”. Allerdings gefragt wurden sie nicht.

Und das ist typisch. Alle wollen sie immer nur das Beste für einen. Aber keiner fragt, weil sonst ja dabei herauskommen könnte, dass diejenigen, deren Bestes gewollt wird, davon ganz andere Vorstellungen haben.

Auch Windows Phone 7 und iOS haben eingebaute Kill-Switches. Vor allem bei Microsoft wundert das einen ja doch sehr: Seit wann bedarf denn es unter Windows eines Fernzugriffs, um eine Applikation abzuschießen?

Und wovor könnte der gouvernantenhafte Apple-Konzern seine zahlungswillige, aber ansonsten für unmündig erklärte Kundschaft eines Tages einmal schützen wollen? – Klar, vor Nackig-Schüttlern.

Aber vielleicht kommt Apple auch darauf, dass Kurt Tucholsky ja “Personen des öffentlichen Lebens lächerlich” gemacht hat, und löscht auf iPhones gespeicherte PDFs mit seinen Satiren. Dass derartiges geht, hat Amazon 2009 gezeigt und raubkopierte e-Books von Kindle-Readern per Fernzugriff entfernt. Bezeichnender Weise war darunter auch eine Ausgabe von George Orwells “1984”.

Oder Google findet, dass personalisierte Werbung das Beste ist, was dem Nutzer überhaupt passieren kann, und löscht Anti-Spyware auf Android-Smartphones.

Das Remote Application Removal Feature beim Menschen nennt sich Vertrauen – in Politik und Wirtschaft. Damit versuchen jene, alle für sie schädlichen Apps, die der kritische Verstand so hervorbringt, remote zu löschen. “Banken werben um Vertrauen” lautet seit der Finanzkrise die Standard-Headline für Berichte über die Geld-Branche.

Pate gestanden hat wohl der Reklame-Klassiker der Deutschen Bank: “Vertrauen ist der Anfang von allem” – vor allem von Altersarmut, weil man damit – gegen eine angemessene Provision versteht sich – seine finanzielle Altersvorsorge verzocken lassen kann.

Es ist schon seltsam. Entstanden ist die Finanzkrise, weil die Kundschaft den Geldhäusern zu sehr vertraut hat. Jetzt soll sie überwunden werden, indem die Kundschaft wieder vertraut. Logisch wäre doch eher das Gegenteil. Das deutet darauf hin, dass zumindest das Vertrauen in den mentalen Kill-Switch beim Menschen ungebrochen ist.

Politiker sprechen statt dessen lieber von “Glaubwürdigkeit”, weil ihr Geschäft nicht nur Macht und ein bisschen Geld einbringen soll, sondern auch persönliche Eitelkeiten befriedigen. In Kombination mit “Kernenergie” liefert Google zehn Mal so viele Suchergebnisse für “Glaubwürdigkeit” wie für “Becquerel”.

Wie die Leute, die die Sache mit dem Atomstrom eingebrockt haben, da ohne Gesichtsverlust wieder herauskommen, ist ein Top-Thema. Die messbare Gefahr tritt dahinter zurück. Wobei die Maßeinheit für die radioaktive Aktivität allerdings auch ein viel schwierigerer Begriff ist als das einlullende Wort “Glaubwürdigkeit”. Eigentlich müsste es jetzt doch um eine realistische Einschätzung einer nicht beherrschten Technologie gehen und nicht darum, was Leute mitbringen müssen, um einem so was aufzuschwatzen.

Na ja, vielleicht ist da ja mal wieder die Phantasie mit dem Schreiber durchgegangen. Aber das macht nix. Phantasie ist wie alles Denken eine hochperformante Anwendung des menschlichen Geistes. Und nativ implementiert, sperrt sie sich gegen jedweden Fernzugriff.

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