Der Terror und das World Wide Web

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Seit zwölf Jahren gibt’s diese Kolumne nun schon. Und aus aktuellem Anlass: Sie folgt einem marxistischen Ansatz, dem eigentlich jedem eingängigen Postulat halt, dass man die Verhältnisse zum Tanzen bringen muss, indem “man ihnen ihre eigne Melodie vorsingt!” (Karl Marx: Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie).

Das klappt zwar äußerst selten. Aber allein schon der Versuch macht Freude.

Jene Verhältnisse nun sind oft nicht nur so, wie man sie lieber nicht hätte, sondern häufig auch noch komisch. Und deshalb wird’s fast immer ein lustiges Liedchen.

Manchmal aber entdeckt man beim Rückblick auf eine Woche überhaupt keine Komik in ihr. So war es nach dem 11. September 2001, als in New York über 3000 Menschen islamistischen Terroristen zum Opfer fielen. Und so ist es jetzt, da in Norwegen vermutlich ein anti-islamistischer Terrorist 76 Menschen massakriert hat.

Deshalb diesmal was Ernstes. Das ist riskant, allein schon, weil man sich im Glauben, etwas Ernsthaftes zu schreiben, leicht lächerlich macht.

Allerdings sind die meisten Leute sich dessen überhaupt nicht bewusst. Und deshalb werden nach jedem Terroranschlag im ernsten Duktus Lächerlichkeiten zum Internet verbreitet. So, als wäre das Schlimme an Terroristen nicht, dass sie bomben und morden, sondern dass sie surfen und mailen.

Das Netz hat eine Rolle bekommen, die früher die Religion innehatte: Wer sich davon einen Nutzen verspricht, gibt vor, damit Unvorstellbares erklären zu können. Und schlichte Gemüter glauben’s.

“Es zeigt sich immer mehr, dass der Traum einiger vom ‘freien Internet’, in dem der Staat nichts zu suchen habe, in bestimmten Bereichen zu einem Albtraum wird”, ließ der innenpolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion Hans-Peter Uhl seine Pressestelle dichten, noch bevor die Opferzahl des Massakers in Norwegen feststand. Und deshalb brauche es die Vorratsdatenspeicherung. So sein – fast in Echtzeit lancierter – Trugschluss.

Als “instinktlos” ist er deswegen im Netz bezeichnet worden. – Das ist ein sehr moderater Anwurf.

Hans-Peter Uhl ist ein Mann, dessen bekanntester Satz lautet: “Wer die deutsche Leitkultur nicht respektiert, der sollte das Land besser verlassen.” Man hätte ihm nach einem Anschlag, der sich explizit gegen das Miteinander verschiedener Kulturen richtete, denn auch durchaus Gravierenderes vorwerfen können als einen bloßen Mangel an viehischem Instinkt.

Hans-Peter Uhl scheint, ein echtes Alphatier zu sein. – Sowas gilt ja gemeinhin als Lob.

Er ist gegen Multi-Kulti. Und wenn andere, die gegen Multi-Kulti sind, morden, dann nutzt er diesen Umstand eben für seine übrigen politischen Ziele, gegen seinen Albtraum vom freien Internet etwa.

Weitaus harmloser nimmt sich da schon die Süddeutsche Zeitung aus. Die bemühte am Dienstag den “Bürgerkrieg im Netz” – so die Überschrift – als Erklärung für den Terror.

Diesen Bürgerkrieg gibt’s wohl wirklich. Aber er tobt sicherlich nicht so gewaltig wie weiland jener von Linux-Freunden gegen SCO. Und der blieb im Netz und damit harmlos.

Und dann ist da noch Henryk M. Broder. Das einzig Gute, was man über den sagen kann, ist, dass er nichts über das Netz schreibt.

Er schreibt im Netz. Und das ist schlimm genug. Nicht das Dass, versteht sich, sondern das Was. Dass er schreibt, ist sein Recht. Und das sollte ihm kein anständiger Mensch nehmen wollen. Vor allem nicht im Netz.

Henryk M. Broder thematisiert am liebsten Henryk M. Broder. Nachdem der mutmaßliche norwegische Attentäter sich aber ausdrücklich auf ihn bezieht, teilt er ausnahmsweise einmal die Aufmerksamkeit mit ihm, die er zu erheischen sucht: “Das Manifest des Anders Behring Breivik und ich” überschreibt er einen Artikel in der Online-Ausgabe der Welt.

Breivik wirft er vor, er habe “nicht bei mir gelernt und Thilo Sarrazin, sondern bei Mohammed Atta und Osama Bin Laden”. Gegen dessen Ablehnung von “Gutmenschen”, Marxisten und Multi-Kultis aber hat er nichts einzuwenden.

1555 Surfer haben dieses unsägliche Geschreibsel ihren Facebook-Freunden empfohlen. Darauf erwidern kann man nichts. Denn die Welt hat “die Kommentarfunktion für diese Seite deaktiviert”.

Man sieht also: Das Netz ist wirklich nicht perfekt. Aber sogar das liegt nicht am Netz selbst. Es wäre also wirklich an der Zeit, sich den tatsächlichen Problemen zuzuwenden.

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