RIM und die Krawalle in Großbritannien

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Im Zusammenhang mit den Gewaltakten in britischen Städten fiel immer wieder der Namen eines Unternehmens: RIM. Warum? Sind BlackBerry-Smartphones nicht eher Geräte, die man bei Finanzmaklern der Londoner City vermuten würde? Die Erklärung liegt in einem BlackBerry-Service.

Grafik: Ofcom
Grafik: Ofcom

Im März 2011 hat die Regulierungsbehörde Ofcom für den Communications Market Report UK 717 Briten im Alter von 12 Jahren und älter danach befragt, welche Smartphones sie benutzen. In der Altersgruppe der 16- bis 24-Jährigen – aus der viele Teilnehmer der Krawalle stammen – gab es einen eindeutigen Sieger: 37 Prozent haben ein BlackBerry-Smartphone. Auf den Plätzen folgen Apple iPhone mit 25 Prozent und HTC Android mit 13 Prozent.

Die Statistik erstaunt. Würde man bei Jugendlichen, die tendenziell über wenig Geld verfügen, nicht eher günstige Android-Geräte erwarten? Ofcom liefert die Erklärung gleich mit. Die Präferenz der Jugendlichen hänge offenbar mit dem BlackBerry Messenger Service zusammen (BBM), der von den Jugendlichen als kostenfreie Alternative zur SMS genutzt werde.

Der BlackBerry Messenger ist ein Instant-Messaging-Programm, das auf allen BlackBerry-Geräten vorinstalliert ist. Eine Verbindung wird über das BlackBerry-Netzwerk aufgebaut, auf das Dritte keinen Zugriff haben. Die Anwender können Nachrichten in unbegrenzter Länge sowie Bilder und kurze Filme verschicken. Im Vergleich mit Twitter und Facebook unterscheidet sich der Service durch ein wichtiges Merkmal: Nachrichten können nicht-öffentlich ausgetauscht werden, indem sie mit einer PIN geschützt werden.

Es gebe “keinen Zweifel”, dass der Blackberry Messenger dafür genutzt worden sei, Krawalle zu organisieren, urteilte Guardian-Journalist Paul Lewis. Verschiedene Quellen hätten bestätigt, dass Aufrufe zu Raubzügen über das Blackberry-Netz verschickt worden seien.

Bild: Screenshot
Bild: Screenshot

RIM zeigte sich von den Krawallen ergriffen. “Wir fühlen mit denen, die von den Aufständen in London betroffen sind. Wir haben uns an die Behörden gewandt, um ihnen zu helfen, wo wir können”, heißt es in einer Twitter-Nachricht von RIM. Patrick Spence, Leitender Direktor für regionales Marketing bei RIM, erklärte dem Guardian, dass man die Polizei kontaktiert habe.

Darauf kamen in BlackBerry-Messenger-Foren Gerüchte auf, RIM wolle den Instant-Messaging-Dienst abstellen, um seine Nutzung als Kommunikationsmittel für Randalierer zu verhindern. Wie eine firmennahe Quelle gegenüber ZDNet erklärte, beruhten die Mutmaßungen jedoch auf einer gefälschten Meldung, die vorgeblich von RIM kam.

Screenshot: Tom Espiner
Screenshot: Tom Espiner

Der offizielle Blackberry-Blog wurde jedoch Ziel eines Hackerangriffs. Die Leser bekamen zeitweise die Botschaft ‘Hacked by TriCk – TeaMpOisoN’ zu sehen. Der Hacker namens Trick behauptete, an Informationen über Mitarbeiter von RIM gekommen zu sein. Er drohte an, ihre persönlichen Daten zu veröffentlichen, sollte RIM den Behörden tatsächlich bei den Ermittlungen helfen.

“Wenn Ihr die Behörden unterstützt, indem Ihr ihnen Chatlogs, GPS-Ortsdaten, Kundeninformationen und Zugang zu Nutzern von BlackBerry Messenger gebt, dann werdet Ihr es bereuen”, heißt es. “Wir haben Zugang zu Eurer Datenbank mit Euren Mitarbeiterinformationen wie Adressen, Namen, Telefonnummern. Wenn Ihr jetzt also die Polizei unterstützt, dann werden wir diese Informationen öffentlich machen und an die Randalierer weitergeben.” Inzwischen ist der RIM-Blog wiederhergestellt.

Der BlackBerry-Hersteller hatte schon früher mit Behörden in anderen Ländern zusammengearbeitet und ihnen Zugriff auf seine verschlüsselten Systeme gewährt – beispielsweise Indien, Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten.

In der Vergangenheit hatte RIM stets darauf gepocht, selbst keine Möglichkeit zu haben, seine Systeme zu entschlüsseln. Mitte Januar teilte der Hersteller jedoch mit, man habe indischen Unternehmen eine Lösung zur Verfügung gestellt, um die gesetzlichen Anforderungen für Zugriffe auf Messaging-Dienste für Verbraucher zu erfüllen. Das gelte für den BlackBerry Messenger und die BlackBerry Internet Services (BIS).

Eine Überwachung von über BlackBerry Enterprise Server (BES) verschickten Nachrichten sei weiterhin nicht möglich, da es sich dabei um eine Enterprise-VPN-Lösung (Virtual Private Network) handle, hieß es vonseiten des Herstellers. “Die Sicherheitsarchitektur für Kunden von BlackBerry Enterprise Server kann nicht verändert werden, da die Architektur überall in der Welt gleich ist und RIM wirklich keine Möglichkeit hat, Chiffrierschlüssel von Kunden zur Verfügung zu stellen.”

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