Handys, SAP-Rentner und Monster

Enterprise

Manchmal glaubt man ja wirklich, man kommt nicht mehr mit – mit diesen modernen Zeiten. Nichts ist mehr, wie’s mal war. Und das steht dann in der Zeitung. An einem einzigen Tag! Am Dienstag beispielsweise.

Motorola! Das war doch immer so ein mächtiger Konzern, lange Zeit der einzig ernstzunehmende Gegenspieler von Intel, nur sehr viel breiter aufgestellt eben.

1983 brachte der Konzern das erste Mobiltelefon auf den Markt. 20 Jahre später klappte er das Ding zusammen, nannte es Razr und löste damit einen Handy-Boom aus, der bis heute anhält, nur dass die Leute halt jetzt ihre Telefone nicht mehr zusammenfalten, sondern sie streicheln und vorzugsweise von anderen Herstellern kaufen.

Seit ein paar Jahren nun beschäftigen sie sich in dem Konzern offensichtlich vor allem damit, ihn möglichst spurlos verschwinden zu lassen. Was einst Intel Probleme bereitete, heißt jetzt Freescale und spielt keine Rolle mehr. Die Mobilfunk-Infrastruktur wurde an Nokia-Siemens verkauft und das Handy-Geschäft diese Woche an Google.

Was ist bloß aus diesem einst prächtigen High-Tech-Unternehmen geworden! Wenn man sich mit IT befasst, weiß man ja, was “Lösung” bedeutet: nichts! Entsprechend heißen die Konzernreste auch Motorola Solutions.

Selbst der Sportteil verwirrt einen heutzutage. In der Rhein-Neckar-Arena, die dem ehemaligen SAP-Chef Dietmar Hopp (71) gehört, sollen Fans der Borussia Dortmund mit hochfrequenten Tönen beschallt worden sein. Einer, der jetzt über Tinnitus klagt, hat daraufhin Strafanzeige gestellt.

Fans von Fußball-Vereinen, die gegen die TSG Hoffenheim spielen, die mehr oder weniger auch dem Stadioneigner gehört, singen gerne Schmählieder über jenen. Der ERP- und Tinnitus-Experte Hopp meinte dazu in der Rhein-Neckar-Zeitung: “Wer mich 90 Minuten lang permanent beleidigt, sollte nicht so empfindlich reagieren.” – Ja, diese Worte klingen ein paar Borussen vielleicht für den Rest ihres Lebens im Ohr, begleitet von einem hochfrequenten Ton.

Man versteht es nicht. Früher waren hochbetagte Herren doch weise oder zumindest altersmilde. Ob das mittlerweile nicht mehr gilt, bloß weil jetzt auch ehemalige IT-Manager in die Jahre kommen?

Vielleicht liegt’s eher am Fußball und nicht an der IT, versucht man sich zu beruhigen, ob dieser verstörenden Nachrichten aus der SAP-Rentnerwelt. Man kennt diese Funktionäre ja. Vereinsmeier halt!

Ganz anders waren da immer die Hacker. Nicht Verein, sondern “galaktische Gemeinschaft von Lebewesen” nennt sich denn auch der CCC. Aber aus dieser Galaxie ist jetzt der Openleaks-Gründer Daniel Domscheit-Berg ausgeschlossen worden so wie ein Schrebergärtner, dessen Rasen nicht der Anlagensatzung entspricht.

Diese Welt, sie ist nicht mehr, was sie mal war und wie man sie kennt. Und das gilt auch für die, deren politisches Ziel es ist, sie so zu lassen, wie sie ist, die Konservativen.

Prototypisch findet man sie in studentischen so genannten Verbindungen, der archaischen Form des Networkings. Dort pflegen sie die Männlichkeitsrituale vergangener Zeiten. Sie hauen mit Säbeln auf einander ein. Und wenn sich einer dabei verletzt, dann nennen sie das “Schmiss”.

Dazu heißt es in den FAQ des Coburger Convents – die sind ängstlich formuliert, damit sie markig beantwortet werden können: “Und wenn man einen Schmiss hat? – Dann hat man einen.”

So hat man sich Konservative doch immer vorgestellt. Oder so wie Christian von Boetticher, alter Adel und alter Herr der Slesvico-Holsatia v. m. L! Cheruscia zu Kiel im Coburger Convent. Von Boetticher ist die Hauptperson im neusten Facebook-Skandal. Unter Tränen ist er deswegen diese Woche als CDU-Parteivorsitzender und Spitzenkandidat in Schleswig-Holstein zurückgetreten.

Er hat letztes Jahr mit einer 16-Jährigen im Netz geflirtet. “Monate später erfolgte das erste Treffen im Steigenberger Hotel in Düsseldorf, wo wir Sex hatten”, zitiert der Kölner Express die Frau. “Zwei Tage lang blieben wir im Hotel.”

Er habe “keinen privaten” Fehler gemacht, sagte von Boetticher dazu. So kann man’s sehen: Sie durfte das. Er durfte das. Beide wollten es wohl. – Auf keinen Fall dürfte man es ihm vorhalten, wären ihm ob der Erinnerung an solch unwiederbringliche Tage die Tränen gekommen.

Er habe “den politischen Fehler gemacht, die Bedeutung einer solchen Beziehung für eine möglicherweise anstehende Spitzenkandidatur damals nicht bedacht zu haben”, fuhr der Edelmann aber fort und verlangte schließlich nach einem Taschentuch.

Das muss man wohl so interpretieren, dass ein 40-Jähiger sehr wohl mit einem “Facebook-Mädchen” (Bild), respektive mit einer „jungen Frau“ (von Boetticher) im Steigenberger einchecken darf, nicht aber ein Spitzenkandidat, weil der politische Gegner – innerhalb oder außerhalb der eigenen Partei – das sonst ausschlachtet. Und dann muss man weinen.

Diese Tränen sind es, die das über Jahrzehnte iterativ entstandene Weltbild von Unsereinem erschüttern. Von einem beinharten Konservativen hätte man da doch wirklich Anderes erwartet. Etwa: Und wenn man einen fiesen Gegner hat? – Dann hat man einen.

Nein, man findet sich in der Welt nicht mehr zurecht, wenn man älter wird. Zum Glück ist diese Woche noch die Gamescom. Da fühlt man sich daheim. Über die hat man schon geschrieben, lange bevor sie so hieß.

Und noch weiter zurück liegt, dass man selbst gespielt hat, damals mit einem DOS-Rechner: Doom. Das ist ein Spiel, über das zu diskutieren, sich nun wirklich erübrigt.

Allerdings es gibt da diese große Tür. Und man weiß genau, dahinter lauert das absolute Supermonster. Aber man hat ja das BFG dabei, das Big Fucking Gun. Und was dann folgt, macht das Spiel so abstoßend – allerdings eher politisch, nicht persönlich.

Was aus dem Supermonster wohl geworden ist? Man hat es ja seit damals richtig ins Herz geschlossen.

Vielleicht ist es mittlerweile auch ergraut und trägt eine Gleitsichtbrille. Und wenn es sich nicht gerade in Altersteilzeit massakrieren lässt, dann erzählt es seinen niedlichen, schleimigen Monsterenkeln, wie es früher Youngsters aus der nicht-digitalen Welt erschreckt hat.

Die DOS-Emulation startet… Doom… Da ist die Tür. Sie öffnet sich… Das Supermonster! Es zittert… vor Zorn.

“Schon wieder!” brüllt es “Ja, bist du denn jetzt völlig senil geworden? Den faden Witz, dass du vor lauter Nostalgie mich diesmal nicht niedermähst, den hast du doch schon im Wochenrückblick vom 23. Dezember 2004 gerissen! Google gefälligst, wenn du dir nichts mehr merken kannst! Und falls du das auch vergessen hast: Google, Alter, das ist der Konzern, der gerade Motorola gekauft hat.”

Die Tür knallt zu. – Ja, es gibt Wochen, da glaubt man wirklich, man kommt nicht mehr mit.

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