Tanten, Schwestern und Großrechner

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Was man überhaupt nicht abkonnte, als man schon fast ein Mann war, also so im Alter von fünf: dass man trotzdem noch behandelt wurde wie ein kleines Kind. Kindergärtnerinnen haben das getan, Frauen, zu denen man “Tante” sagte.

Und es schwante einem seinerzeit schon dunkel, dass das auch einmal so enden würde. Mit dem Opa im Altersheim hatten sie schließlich auch geredet wie mit Unsereinem, so im Pluralis debilis: “Na, wie geht’s uns denn heute?” Nur dass das beim Opa keine Tanten waren, sondern Frauen, zu denen er “Schwester” sagte.

Zwischendrin, aber glaubte man damals, wenn man einmal groß sein würde, aber noch nicht so alt wie der Opa, dann würden sie einen ernst nehmen und respektvoll behandeln. – Na, ja, man war halt noch ein kleines Kind und konnte nicht wissen, dass die Welt dereinst voller fürsorglicher Tanten und Schwestern sein würde.

Zeitungen wollte man später einmal lesen, wo ganz Wichtiges drinsteht über Politik, Wirtschaft und Technik. Man ahnte ja noch nicht, wie tantig diese Blätter sein würden.

Beispielsweise die größte, die Süddeutsche, die, die damit wirbt, man möge seinen Kindern kluge Eltern schenken. Gemeint ist, man solle das Blatt doch abonnieren. Aber weil deren Redaktion den Schmus mit den klugen Eltern offenkundig selbst nicht so recht glaubt, spricht sie sie an wie die Statisten im hauseigenen Werbeslogan, wie die kleinen Kinder eben.

Und Unsereinen spricht sie auch so an – trotz der seinerzeit im Kindergarten erlittenen Traumata. Morgens, wenn der Tag noch der Feind des empfindsamen Menschen ist, liest man da aktuelle Artikel über “Netzcomputer”.

“Ist Scott McNealy zurück?” schreckt man auf und verschüttet Kaffee, der Mann, der im vorigen Jahrhundert mächtige Server verkaufen wollte, indem er ohnmächtige Clients propagierte. Er ist nicht. Gemeint sind vielmehr Server, die da mit dem gegenteiligen Begriff benamst werden.

Man kann es sich bildlich vorstellen, wie der redigierende Redakteur einem gewissenhaften Schreiber das Wort “Server” aus dem Artikel streicht mit dem tantigen Hinweis: “Sowas versteht der Leser doch nicht”, welcher stets meint, dass der Redakteur es nicht versteht.

Manchmal steht auch was von einem “Großrechner” in der Zeitung, was einen besonders dann erschüttert, wenn damit ein Server von Hewlett-Packard gemeint ist, dem einzigen Unternehmen, das wirklich als ehemalige Garagenfirma gelten kann und das deswegen auch nie etwas mit der S/390 unter MVS zu tun hatte. Klugen Eltern sollte man so etwas doch verständlich machen können, ohne eine Intel-Kiste zum Mainframe verklären zu müssen.

Wenn das, was HP verkauft, Großrechner wären, dann müsste ja auch der gut 1,90 große Mitzwanziger im Erdgeschoss, der immer im Garten so lieb mit seiner Tochter spielt, ein Großvater sein. Denn er ist offenkundig – und sogar im doppelten Wortsinn – ein großer Vater.

Ebenfalls erhellend ist ein Artikel über Cisco, der das Wort “Router” vermeidet und einem erklärt, dass dieses Unternehmen “Schaltgeräte für das Internet” herstellt. Weil nun aber jedes Gerät im Internet irgendwie schaltet, der Zusatz “Schalt-” also nix bedeutet, wird einem so richtig klar, was einem – Jahrzehnte, nachdem man den Kindergarten verlassen hat – eigentlich zugetraut wird, eben: nix.

Einen allerdings gab’s bis vor Kurzem noch, der auf ordentliche Begriffe Wert legte: Lawrence Joseph Ellison. Ein Mann mit Stil, der nie mit Journalisten unziemlich fraternisiert hat. Leute wie Unsereinen redet er nicht mit Vornamen an – eine unter CEOs ansonsten grassierenden Unsitte – sondern stets mit “Sir”, möglicher Weise auch deshalb, weil er sich die Namen von subalternen Schreibern nicht merken möchte.

Auf Youtube äußert er sich zum nichtssagenden gegenwärtigen Paradigma der IT, dem Cloud Computing: “I have no idea, what it means.” Er habe gehört, “using a computer, that is out there”, bedeute es. “People, writing such a crap, are out there”, findet er.

“Great, Mr. Ellison, Sir!” ist man geneigt ausrufen. Aber dann stößt man auf ein anderes Video, diesmal auf oracle.com. Seit Kurzem steht das dort. Da differenziert der Oracle-CEO jetzt fein säuberlich zwischen der “false”, also der von Saleforce, und der “true”, der neuen eigenen Cloud.

Tja, was soll man dazu sagen? – “Och, Larry!”

Auch Staatsmänner und -frauen kommen einem in jüngster Zeit dauernd so tantig und wollen einem “besser erklären”, was sie entscheiden – vorzugsweise dann, wenn sie wieder einmal nicht gewählt worden sind. Auf die Idee, dass so was gerade deshalb geschieht, weil man’s verstanden hat, kommen die angesichts der vermeintlichen Dummerchen, die sie repräsentieren, einfach nicht.

Ach ja. Und wenn dann die müde November-Sonne noch einmal versucht, hinter der Zeitung aufzugehen, dann denkt man eben an den Opa und daran, wie’s halt so endet. Und dann schwört man sich im Hinblick dessen, was unweigerlich kommt: “Schwestern, mit Altersmilde braucht Ihr, bei Unsereinem gar nicht erst zu rechnen.”

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