Smoke vorm Wirtshaus und over TCP/IP

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Das Internet ist eine Droge. Zigaretten auch. Was schöner ist, muss jeder mit sich selbst ausmachen. Ein moralisch korrekter Rückblick.

Der Mensch ist empfindsamer geworden im Lauf der Geschichte. Mit seinem Nächsten springt er nicht mehr gar so grob um wie früher. Hexen werden heutzutage in zivilisierten Gegenden nicht mehr verbrannt und sogar Ketzer im gewissen Rahmen geduldet.

Etwas aber gibt es wieder, womit man sich aus der menschlichen Gesellschaft ausschließt, ohne auf Mitgefühl hoffen zu dürfen: das Rauchen. Den Rauchern im 21. Jahrhundert geht’s wie den Sündern im Mittelalter. Die Gerechten versichern ihnen, dass sie sie lieben oder zumindest nichts gegen sie haben, dass sie allerdings die Sünde hassen.

Und der gerechte Zorn über die Sünde gilt seit jeher als guter Grund, die Sünder zu quälen – zu ihrem eigenen Besten, versteht sich, früher wegen des Seelenheils, heute wegen der Gesundheit. Insofern hat sich denn doch nicht allzu viel geändert.

Aber der Raucher ist halt auch ein Sünder, wie ihn sich der Gerechte nur wünschen kann. Nichts vermag er zu seiner Verteidigung vorzubringen. Rauchen ist einfach bloß schlecht und, wer es tut, ebenfalls. Jeder sieht das ein. Auch der Sünder selbst.

Zerknirschte zu quälen, wiederum war den Gerechten zu allen Zeiten eine besondere Freude. Früher hat man sie, nachdem man sie eine Zeit lang an den Pranger gestellt und verhöhnt hatte, aus der menschlichen Gesellschaft verbannt. Heute stellt man sie vor die Tür, vorzugsweise vor die Tür der prächtigsten aller Gesellschaften, der Wirtshausgesellschaft. Und damit sie sich dort nicht doch noch wohlfühlen, gibt man ihnen Dokumente ihrer Schlechtigkeit mit auf den Weg in die Kälte in Form von Warnhinweisen auf Zigarettenschachteln.

Der Ludwig, ’s Wigerl, war letzten Freitag der erste, der gehen musste, weil das sündige Verlangen ihn trieb. Und als er dann fröstelnd wieder kam und sich an seinem Bier wärmen wollte, da haben ihn die Nichtraucher am Stammtisch verhöhnt, wie sich’s gehört.

“Schau, was auf deinen Kippen steht”, hat der Edi gemeint, “‘Rauchen fügt Ihnen und Ihrer Umwelt schweren Schaden zu’. Ein rechter Assi bist du halt.”

Aber wenn ’s Wigerl friert, dann wird er grantig und benimmt sich nicht, wie man’s von Seinesgleichen erwarten möchte. Deshalb hat er sich gewehrt: “Das kann man von allem sagen”, hat er geraunzt, “vor allem über die moderne Technik.”

Und dann hat ’s Wigerl aus dem Stehgreif heraus über die Schädlichkeit des Mobilfunks referiert und über das asoziale Verhalten von Handy-Besitzern. Dass vor sich hinbrabbelnde Leute mit einem Kopf im Ohr auf dem Radweg laufen, weil sie halt nicht gleichzeitig telefonieren und aufpassen können, hat er ausgeführt. Dass man ständig meint, es redet einen jemand an, der Depp aber nur in sein Handy brüllt und dass man sich dauernd Musik anhören muss, die man nicht mag, bloß weil die Leute bei der Auswahl ihrer Klingeltöne besonders geschmacklos sind.

“Die Welt ist heruntergekommen”, hat er gemeint, “zu einer riesigen Telefonzelle.” Und dann hat er seine Ausführungen geschlossen mit: “Rauchen ist wenigstens nicht laut.”

Ganz apodiktisch war er, grantig halt. Der Stammtisch war schwer beeindruckt.

Da hat sich dann auch der Xaver aus der Deckung getraut, der, der beim Web-Hoster arbeitet und der den Stammtisch immer nervt, weil er bloß über seine Arbeit sprechen mag. “Auf meiner Packung steht: ‘Rauchen lässt Ihre Haut altern’. Was interessiert mich denn das? Wieso sagen die sowas nicht Microsoft, dieser Word-und-Windows-Klitsche, die’s nicht ins Netz schafft: ‘Das Internet lässt ihre Software altern’?”

Und dann hat er wieder aus dem Rechenzentrum erzählt, wo sie jetzt die Itanium-Server rausgeworfen haben, “weil man mit denen bald eh nix mehr anfangen kann. – Prozessoren sterben früher!”

Der Xaver hat sich kaum noch einkriegen können über seinen Witz. Die meisten anderen fanden ihn nicht so komisch allein schon, weil sie ihn nicht verstanden hatten.

Der Hans hat ihn deswegen auch angefahren, dass er net wieder so blöd daherreden soll, ist dann aber doch versöhnlich geworden. “Hast schon recht, Xare. Das Computer-Zeug, das ist noch viel gefährlicher als das Rauchen. Bei mir steht jetzt beispielsweise, ‘Rauch enthält Benzol, Nitrosamine, Formaldehyd und Blausäure’ auf der Schachtel. Das kann doch so schlimm nicht sein. Das kennt man ja alles. Du musst dir aber anhören, was der Schreiber immer im Radio erzählt: von diesen Zero-Day-Exploits, von Trojan-Downloaders, von Bots… Da möcht’ man sich richtig fürchten. Das Internet, das ist viel schlimmer als das Rauchen.”

“Rauchen kann zu einem langsamen und schmerzhaften Tod führen”, hat’s der Edi dann noch einmal probiert und von der Zigarettenschachtel vom Poldi abgelesen. Aber das hat der Hans nicht gelten lassen: “Das kann dir im Internet auch passieren. Kaum, dass du dich umschaust, ist dein PC tot, schlimmer noch, ein Untoter, ein Zombie. Gell, Schreiber?”

“Ich find’ das Internet gut”, hat der Poldi sich da zu Wort gemeldet. “Ich surf’ immer durch diese Wikipedia. Da fängst du bei ‚Nürnberg’ an, klickst, bist bei ‘Ludwig Feuerbach’, klickst, kommst zu ‘Defätismus’, klickst, landest bei der ‘Agenda 2010’… Wenn mir da jemand ein Papperl an den PC kleben tät, ‘Wikipedia macht sehr schnell abhängig, fangen Sie gar nicht erst an’, dann würd’ ich sagen: ‘zu spät, ich hab’ schon. Und lassen möchte’ ich’s nimmer.’ Das regt nämlich den Geist an. Das ist wie Nikotin.”

Kurz: Die Raucher hatten letzten Freitag richtig Oberhand. – Und bei so einer Stimmung kommt man halt doch in Versuchung.

“Schwächelst? Soll ich dir vielleicht eine Packung mitbringen aus dem Automaten”, hat das Annamirl geneckt, die Bedienung, “die blauen, die du früher immer geraucht hast?”

Na ja, wer kann schon nein sagen, wenn die Annamirl einen anlächelt? Und als sie dann mit den Zigaretten gekommen ist, hat sie wieder gelächelt, aber anders als sonst, nicht lieb, sondern fast schon ein bisschen heimtückisch.

“Was steht denn drauf?” hat’s Wigerl wissen wollen. – “‘Rauchen macht impotent'”. – “Naa, das kann dir mit dem Computer nicht passieren.” – Und dann ist die Stimmung irgendwie gekippt am Stammtisch.

Aber man kann dem Annamirl halt einfach nicht böse sein. Und letztlich hat sie ja auch den Wochenrückblick gerettet. Weil: Alles darf man heutzutage schreiben, aber keine Geschichte, bei der Raucher gut wegkommen.

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