ERP-Dämmerung – oder ist alles nur Getöse?

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Gartners Research-Direktor Peter Sondergaard, Netsuite-CEO Zach Nelson, Salesforce-CEO Marc Benioff und auch VMware-Chef Paul Maritz sind sehr drastisch bei ihren negativen Prognosen über die Zukunft von In-House-ERP. Andererseits melden SAP und Oracle hervorragende Ergebnisse. Doch diese basieren auf der Cash Cow Maintenance. Und da erhebt sich die Frage: Wie lange noch?

Die Verzahnungen von Betriebsabläufen mit dem jeweiligen ERP-System machen häufig einen Wechsel zu einem anderen Anbieter unmöglich. Gerade die vielen Akquisitionen von Oracle in den vergangenen Jahren haben deutlich gezeigt, dass die Marktgesetze hier außer Kraft gesetzt sind, da es für die betroffenen Anwender praktisch keine Wechselmöglichkeit gibt. Zu groß ist das Risiko einer Systemumstellung und zu hoch sind die internen Kosten. “Selbst wenn man uns ein neues ERP-System schenken würde, könnten wir nicht wechseln” ist eine häufig gehörte Klage von unzufriedenen CIOs.

Doch in der IT-Welt ist nur die Änderung konstant. Und die scheint sich bei ERP in Form von Cloud Computing anzukündigen. “Die Industrie befindet sich an einer Wendemarke”, sagt Zach Nelson, CEO des ERP-Cloud-Anbieters Netsuite, der soeben ein Umsatzplus von 23 Prozent melden konnte. Laut Nelson sind es vor allem Großunternehmen die sich zunehmend für eine ERP-Cloud entscheiden.

Marc Benioff. Quelle: silicon.de/Harald Weiß
Marc Benioff. Quelle: silicon.de/Harald Weiß

Auch der Cloud-Pionier Salesforce investiert in eine ERP-Anwendung. Zehn Millionen Dollar stecken er und der Venture-Kapitalgeber Kleiner Perkins in das Start-up Kenandy, das damit eine Online-ERP-Software entwickeln wird. Eine Vorschau auf diese ERP-SaaS-Lösung präsentierte Salesforce bereits auf der jüngsten Dreamforce-Veranstaltung in San Francisco. In einem ersten Schritt steht der Anwendungs-Bereich Manufacturing auf dem Plan – also das Herzstück der großen ERP-Pakete von SAP und Oracle. “Es ist höchste Zeit für einen Paradigmen-Wechsel im Bereich ERP; die Zukunft heißt auch hier flexible On-Demand-Angebote statt starre In-Haus-Lösungen”, sagt Salesforce-Chef Marc Benioff über seine Pläne.

Paul Maritz Quelle: VMware
Paul Maritz Quelle: VMware

Doch nicht nur er und Zach Nelson sehen im Cloud Computing das Ende der ERP-Dinosaurier. “Oracle- und SAP-Lösungen stammen aus der Zeit der Papier-Rechnungen und sind schon längst überholt”, schimpfte VMware-Chef Paul Maritz auf dem jüngsten Gartner-Symposium. Und Gartner Research-Chef Peter Sondergaard fordert die IT-Chefs offen auf, den riskanten Weg einer Runderneuerung zu gehen: “Die Zeit ist reif, um alte Legacy-Anwendungen abzuschalten, um damit Platz für Neues zu schaffen.”

Das Problem ist bei SAP und Oracle hinlänglich bekannt. Doch waren die bisherigen Maßnahmen zu schwach oder floppten total, wie SAPs Business ByDesign. Das überrascht wenig, schließlich machen beide Unternehmen erhebliche Umsätze mit ihrer installierten ERP-Basis. So erzielte SAP in den ersten neun Monaten dieses Jahres einen Support-Umsatz von 5,1 Milliarden Euro – mehr als das doppelte des Software-Umsatzes von 2,2 Milliarden Euro. Ähnlich sind die Vergleichszahlen bei Oracle. Dort wurde in den ersten neun Monaten des Geschäftsjahres ein Support-Umsatz von 9,7 Milliarden Dollar eingefahren. Auch das ist mehr als das doppelte des Umsatzes mit neuen Lizenzen, der nur 4,4 Milliarden Dollar ausmachte.

Doch die Zeit arbeitet für ein Umdenken. Gemäß einer Anfang des Jahres von der SAP-Usergroup durchgeführten Befragung unter den Mitgliedern, gehen 80 Prozent davon aus, dass sie schon bald eine gemischte ERP-Infrastruktur aus In-House und Cloud-Lösungen betreiben werden – mit dem Trend zum verstärkten Cloud-Einsatz und weniger On-Premises-Software.