Smartphones bedrohen Business-Knigge

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16 Prozent der Deutschen wollen nach aktuellen Bitkom-Zahlen in diesem Jahr ein Smartphone verschenken oder anschaffen. Für das kommende Jahr prophezeit der Branchenverband den Geräten ein Wachstumspotential von 23 Prozent. Die Allgegenwart der mobilen Begleiter hat auch Auswirkungen auf unsere Umgangsformen. Die Änderungen sind tiefgreifend, sagen Kommunikationsforscher.

Hightech unter dem Weihnachtsbaum 2011. Quelle: Bitkom.
Hightech unter dem Weihnachtsbaum 2011. Quelle: Bitkom.

Smartphones verbinden uns zu jeder Zeit auf fast jedem Ort der Welt über unterschiedlichste Kanäle mit nahezu allem und jedem. Welche Auswirkungen die Entwicklung zu “Always on” langfristig auf die Gesellschaft haben wird, lässt sich aus der heutigen Perspektive nur erahnen. Bereits jetzt lassen sich aber erste Veränderungen ausmachen, wie sich Umgangsformen und soziale Normen durch den Siegeszug des Smartphones verändert haben.

Dank der Konnektivität der Geräte verschwindet auch die Grenze zwischen Berufs- und Privatleben immer mehr. E-Mails und geschäftliche Telefonate lassen sich nach Büroschluss inzwischen so unkompliziert via Smartphone oder Tablet erledigen, dass inzwischen rund jeder vierte Deutsche auch im Urlaub geschäftliche E-Mails schreibt. Auf der anderen Seite müssen sich CIOs längst mit dem umstrittenen Thema “Bring Your Own Device” auseinandersetzen.

Doch die Auswirkungen gehen noch weiter und reichen bis in unsere Kommunikationsgewohnheiten hinein, sagt etwa die US-Expertin für Business- Etikette Jacqueline Whitmore. Digitale Technologien wie Smartphones erhöhen nach ihren Worten den Druck auf Unternehmen, die Umgangsformen zu lockern. Auch wenn gerade ältere Manager wenig erfreut über Anfragen per SMS oder E-Mails voller Emoticons seien.

“Die Art und Weise wie wir miteinander kommunizieren wird weniger förmlich, aber das bedeutet nicht, dass sich die Regeln dafür ändern”, so Whitmore gegenüber unserer britischen Schwesterpublikation silicon.com. “Die Regeln sind die gleichen geblieben; die Leute beachten sie nur nicht. Sie vergessen die Regeln oder sie haben sie überhaupt nie gelernt.”

Inzwischen sei es nach ihrer Erfahrung durchaus üblich, dass Kundengespräche via SMS geführt werden. Noch vor fünf Jahren sei das undenkbar gewesen, SMS-Nachrichten seien ausschließlich im privaten Umfeld zum Einsatz gekommen. Dank Smartphones, die diese Kommunikationsform noch einmal stark vereinfacht haben, würden SMS aber nun auch im Business-Umfeld mehr und mehr akzeptiert. “Das gibt einem aber nicht die Erlaubnis, die geschäftlichen Manieren zu vergessen, nur weil man über ein anderes Gerät kommuniziert”, so die Expertin.

Große Unternehmen würden deshalb oft auf sie zukommen. “Sie stellen intelligente, brillante junge Leute frisch vom College ein – bei der Kommunikation mit hochrangigen Managern, die über 40, 50 oder sogar 60 sind, machen die talentierten Absolventen aber viele Fehler, weil sie sich zu salopp ausdrücken.”

Die Soziologin Sherry Turkle ist überzeugt, dass Smartphones nicht nur die Art und Weise verändern, wie wir kommunizieren, sondern auch warum. Die umfassende Verfügbarkeit von Geräten, die stets mit Internet und Mobilfunk verbunden sind, gibt dem Nutzer nach ihrer Überzeugung weniger Zeit um innezuhalten und nachzudenken. Stattdessen würde man regelrecht gedrängt, sich zu verbinden und mitzuteilen.

“Wir haben eine Kommunikationskultur entwickelt, in der wir weniger Zeit haben, sich zurückzulehnen und ohne Unterbrechung nachzudenken”, so die Soziologin im Sommer während eines Vortrags in der British Library. “Indem wir die Menge und die Geschwindigkeit der Kommunikation steigern, fangen wir an, schnelle Antworten zu erwarten. Um diese zu bekommen, stellen wir einfachere Fragen, wir senken das Niveau unserer Unterhaltungen und beschränken uns auf die wichtigsten Inhalte.” Oft werde so nur noch im Telegrammstil miteinander kommuniziert.

Turkle warnt auch vor den Folgen der ständigen Verfügbarkeit auf die Psyche von Kindern und Jugendlichen. Daran gewöhnt, jederzeit Eltern und Freunde via Smartphone um Rat fragen oder erreichen zu können, falle ihnen der Weg in die echte Selbständigkeit zunehmend schwer.

“Die Fähigkeit alleine zu sein, sich zu sammeln, wird dabei nicht kultiviert. Es ist eine große psychologische Wahrheit: Wenn wir unsere Kindern nicht lehren, alleine sein zu können, werden sie nur wissen, wie man einsam ist.”

Eine Studie der Universität Cambridge, die im Sommer veröffentlicht wurde, sieht die Auswirkungen der Smartphone-Ära dagegen nicht so gravierend.

“Wir haben herausgefunden, dass es unter Kindern und Erwachsenen weiter eine überwältigende Vorliebe für die Interaktion von Mensch zu Mensch gibt – und dabei gab es keinen Unterschied zwischen den Generationen”, so Tanya Goldhaber, eine der drei Studienautoren. “Der Anteil der Kinder, die das persönliche Gespräch bevorzugen, war genauso hoch, wie bei Personen, die nicht mit den neuen Technologien aufgewachsen sind. Das sagt mir, dass diese die Kommunikationsgewohnheiten nicht so sehr verändern können.”

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