Streit um Software für Studienzulassungen

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Zu jedem Semesteranfang sorgt die Studienplatzvergabe an deutschen Hochschulen für Chaos. Eine neue Software-Lösung sollte für Abhilfe sorgen, doch deren Einführung wird immer wieder verschoben. Jetzt soll die IT-Abteilung der zuständigen Hochschul-Informations-System GmbH (HIS) angeblich privatisiert werden.

Was tun Studieninteressenten derzeit, wenn sie ein bestimmtes Fach studieren wollen? Sie greifen zu Serienbewerbungen und melden sich an mehreren Hochschulen gleichzeitig an – sagen wir an vier Hochschulen. Manchmal bekommen sie an keiner Hochschule eine Zusage, manchmal von drei Hochschulen. Tritt der zweite Fall ein, vergessen es die Studenten oft, sich von den anderen beiden Hochschulen wieder abzumelden. Die Folge: dort existieren sie als Karteileichen weiter. Nach Medienberichten werden pro Jahr 17.000 bis 20.000 Studienplätze gar nicht oder verspätet besetzt, weil die Hochschulen keinen Überblick über die Anfängerzahlen haben.

Abhilfe soll das Gesamt-Projekt hochschulstart.de schaffen, das von der Stiftung für Hochschulzulassung als Nachfolgeorganisation der ehemaligen ZVS koordiniert wird. Im Auftrag von Bund und Ländern wird am ‘Dialogorientierten Serviceverfahren’ (DoSV) gearbeitet, über das Studienplätze für Fächern mit Numerus Clausus zentral vergeben werden sollen. Bewerber sollen damit online einsehen können, wie ihre Chancen auf einen bestimmten Studienplatz stehen. Sobald ein Bewerber angenommen wurde und dies bestätigt hat, soll das System ihn von den anderen Hochschulen abmelden und somit für Klarheit sorgen.

Am Gesamt-Projekt hochschulstart.de arbeiten das Fraunhofer Institut FIRST mit, dem die Erstellung des Lastenhefts für hochschulstart.de übertragen wurde, T-Systems, die für die Entwicklung der zentralen bundesweiten Software ‘hochschulstart’ verantwortlich zeichnet sowie Anbieter von Hochschul-Management-Software. Hier ist HIS ein maßgeblicher Player, der im Auftrag seiner Gesellschafter Bund und Länder die deutschen Hochschulen mit Software versorgt. HIS ist für die Entwicklung eines Konnektors zwischen der zentralen Komponente hochschulstart.de und den hochschulseitig betriebenen Zulassungsverfahren zuständig, soweit Hochschulen hier HIS-Software einsetzen.

Soweit die Theorie – doch in der praktischen Umsetzung hapert es. Die Einführung von DoSV musste bereits mehrmals verschoben werden. Im Dezember 2011 hieß es, viele Hochschulen könnten an dem Verfahren nicht teilnehmen, da die HIS-Software-Versionen auf den Rechnern vieler Hochschulverwaltungen veraltet sei. Das betreffe jede zweite Hochschule, die eigentlich an DoSV teilnehmen wollte.

Bund und Länder haben HIS als Schuldigen ausgemacht. HIS habe “Geld verschlungen, aber nicht geliefert”, sagte Christoph Matschie (SPD), der thüringische Minister für Bildung und Wissenschaft, gegenüber Welt Online. Es ist völlig inakzeptabel, dass das wiederholte Versagen von HIS die Einführung des Verfahrens erneut gefährde. Die Leitung von HIS sei den Aufgaben nicht gewachsen. Matschie drohte damit, den Geldhahn zuzudrehen: “Warum soll der Freistaat Thüringen das Unternehmen weiter finanzieren? Im Moment sehe ich mehr Gründe für einen Neuanfang ohne die HIS als ein Herumdoktern an zahllosen Missständen.”

HIS will jedoch nicht den Sündenbock geben und spielte den Ball zurück. HIS könne nichts dafür, dass die Politik eine Verbesserung versprochen habe, ohne zu prüfen, ob die neue Software mit den Systemen der einzelnen Hochschulen kompatibel sei, sagte HIS-Chef Dr. Bernhard Hartung gegenüber dem Hamburger Abendblatt. HIS sei an der Konzipierung des Projekts nur indirekt beteiligt gewesen. Das Lastenheft stamme vom Fraunhofer-Institut für Rechenarchitektur und Softwaretechnik, der Auftrag zur Entwicklung der Software sei an T-Systems gegangen. T-Systems habe auch die 15 Millionen Euro Anschubfinanzierung erhalten, die der Bund für DoSV zur Verfügung gestellt hat.

“HIS hat für die Anpassung der bestehenden Softwarelandschaft an den Hochschulen keine zusätzlichen institutionellen Mittel erhalten”, sagte Theo Hafner, bei HIS Leiter Information und Kommunikation, gegenüber silicon.de. “Im Übrigen zu den Aussagen von Herrn Matschie: Der HIS-Etat wird zwar zu knapp 40 Prozent aus öffentlichen Zuwendungen finanziert. Bei der Bemessung der institutionellen Förderung für 2011 oder 2012 wurden die sehr erheblichen Aufwände für die Entwicklung des Konnektors jedoch nicht berücksichtigt. Eine Aufstockung der institutionellen Förderung durch die Gesellschafter Bund und Länder ist nicht erfolgt.”

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Nach Angaben des Spiegel überlegt die Politik derweil, die HIS GmbH neu zu strukturieren. Demnach könnte die IT-Sparte des Unternehmens privatisiert werden. Der Bund werde sich auf der Gesellschafterversammlung Mitte Januar dafür einsetzen, das derzeitige “Geschäftsmodell des Unternehmensbereichs Hochschul-IT sowie alternative Gestaltungsansätze durch Externe prüfen und bewerten zu lassen”. HIS wollte sich zu dem Bericht nicht äußern.

Nach den neuesten Plänen soll DoSV im Wintersemester 2012/13 im Pilotbetrieb an den Start gehen. Im Sommersemester 2013 und Wintersemester 2013/14 solle das Verfahren dann ausgebaut werden. Eine flächendeckende Teilnahme der Hochschulen an DoSV wird “mittelfristig” angestrebt.