Präsidiale Signalverarbeitung

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Joachim Gauck ist ein informationstechnisches Wunder. Noch nie hat ein einziger Mensch so viele Signale gleichzeitig übertragen.

Um es gleich vorwegzuschicken: In diesem Wochenrückblick geht es wie immer um IT – keinesfalls um Politik. Wenn es etwa heißt: “Beim Streit um die Vorratsdatenspeicherung und das Urheberrechtsabkommen ACTA werde man keine Rücksicht mehr nehmen.” Dann ist das ein IT-Thema.

Und damit wären wir denn auch bei der Wahl des Bundespräsidenten. Mit dem obigen Satz aus dem Aufmacher leitete die Süddeutsche Zeitung am Faschingsdienstag ihre Berichterstattung über die Nominierung von Joachim Gauck auf Seite 1 ein, um schließlich auf die nachfolgenden Artikel der Seiten 2, 3 und 4 zum Thema zu verweisen. Keine Rücksicht bei Internet-Themen will die Union auf die FDP nehmen, weil die auf Gauck als Präsidentschaftskandidaten bestanden hat.

Das Verhalten seiner Partei könne als Signal für die kommende Bundestagswahl verstanden werden, meinte FDP-Generalsekretär Patrick Döring im ZDF-Morgenmagazin. Klaus Töpfer jedenfalls konnte die FDP nicht unterstützen. Denn der wäre ein Signal für Schwarz-Grün gewesen, schreibt die SZ.

Das politische Berlin hat sich also wieder mal mit seiner Lieblingstätigkeit befasst, dem Signalisieren. Eigentlich gehört das ja eher zum Aufgabengebiet von ITlern. Aber weil’s Politiker mit dem originären zwischenmenschlichen Kommunikations-Protokoll, der verständlichen Sprache, nicht so haben, üben sie sich ersatzweise darin.

Ein wichtiges Signal an die Bevölkerung sei die Kandidatur von Joachim Gauck, erklärte der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel. Die SPD ist jene Partei, vor der noch im vergangenen Jahrhundert von allen Kanzeln herab gewarnt wurde.

Wahrscheinlich deshalb schlägt die SPD heute vorzugsweise Pastoren für wichtige Ämter vor. Auch als Präsidentschaftskandidat standen jetzt wieder zwei zur Wahl, ein eher linker, der ehemalige EKD-Ratspräsident Wolfgang Huber, und ein eher rechter, eben Joachim Gauck.

Mit Letzterem hat die SPD bewiesen, dass sie mächtig ist und einen Kandidaten durchsetzen kann, zumindest, wenn es sich dabei um den Kandidaten der anderen Seite handelt. So ist das wichtige Signal von Sigmar Gabriel wohl zu verstehen.

Die Grünen finden das auch gut, weil sie meist etwas abbekommen, wenn Sozialdemokraten nach Bundes- oder Landtagswahlen schöne Posten verteilen. Allerdings erwartet Cem Özdemir laut Financial Times Deutschland von Gauck noch ein Signal zur Integration von Migranten. Obwohl jener doch längst signalisiert hat, was er davon hält, als er Thilo Sarrazin als “mutig” bezeichnete.

Auch Norbert Geis, der fromme CSU-Abgeordnete aus Aschaffenburg, hat ein Signal abgesetzt. Gauck solle sich von seiner ersten Frau scheiden lassen und seine jetzige heiraten, weil er andernfalls eine Angriffsfläche böte – wohl vor allem für Leute vom Schlage eines Norbert Geis.

Das war eine Art Ping. Damit schaut man nach, ob ein Server, wörtlich: ein Diener, noch da ist. Der Aschaffenburger Staatsdiener hat sich selbst angepingt. Und jetzt weiß die Republik, dass er noch da ist. Eine Gewissheit, ohne die die meisten Leute auch zurechtkommen würden.

Nur Die Linke findet – so Sahra Wagenknecht – Gauck sei ein “falsches Signal”. Das verwundert nicht, war doch Die Linke die einzige Partei, die im Zuge der Kandidatenaufstellung keine verschlüsselten Mitteilungen codieren und broadcasten durfte.

Und der Kandidat selbst? Die FAZ nennt ihn den Präsidentschaftsanwärter mit der “schönsten Sprache”.

Er selbst allerdings sieht in seiner Nominierung ein “Signal der Öffnung”. Und damit hat er ja recht. So offen für Signale jedweden abseitigen Inhalts wie diesmal war eine Kandidatenkür noch nie.

Auf Seite 2 der Süddeutschen vom Faschingsdienstag ist übrigens der bisherige Bundespräsident Christian Wulff zu sehen, wie er gerade von Berlin nachhause, nach Großburgwedel, fährt. Am Steuer sitzt seine Frau Bettina und auf dem Rücksitz, versteckt hinter einem hübschen, großen Teddybären mit rotem Halstuch, der Sohn der beiden.

Der heißt Linus wie Linus Torvalds, der Erfinder des bekannten Unix-ähnlichen Betriebssystems. Womit denn auch noch einmal klargestellt ist, dass es in diesem Wochenrückblick um nichts anderes ging als um IT. Genauso, wie es heuer an den Faschingstagen in Berlin um nichts anderes ging als darum, einen würdevollen Kandidaten für das höchste Amt im Staat zu finden.

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