Viele IT-Fachleute zu “satt und sicher”

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Führungskräfte stehen gerade auch in der IT-Branche zunehmend unter enormen Druck. Stand halten kann nur, wer sich auf die Anforderungen des so genannten “Binnenunternehmertums” einstellt, sagt Personalberaterin Uta von Boyen im Interview mit silicon.de.

Personalberaterin von Boyen: "Enormer Effizienz- und Innovationsdruck."
Personalberaterin von Boyen: “Enormer Effizienz- und Innovationsdruck.”

silicon.de: Sie sagen die Anforderungen an Führungskräfte sind heute anders als noch vor ein paar Jahren – warum?

von Boyen: Die Unternehmensumwelt wird globaler, komplexer und schneller, in den meisten Branchen steigt der Effizienzdruck ins Unermessliche, und ein immer schnelleres und vor allem immer besseres Ergebnis wird von der Spitze erwartet.

Da muss ich als verantwortliche Führungskraft gänzlich andere Lösungen produzieren als noch vor ein paar Jahren und bin zudem enormem Effizienz- und Innovationsdruck ausgesetzt. Die strategische Führung und das Binnenunternehmertum nehmen an Bedeutung zu, die Führung muss grundsätzlich mit ständigen Veränderungsvorhaben und Reorganisationen positiv umgehen lernen.

silicon.de:Können Sie das anhand von ein, zwei konkreten Beispielen beschreiben?

von Boyen: Selbstverständlich, ich kann Ihnen sogar vier nennen:

Zunächst wären da die ausgeprägten Near- und Offshore-Ansätze zu nennen, sowie die Auslagerung weiter Teile der IT auf andere, deutlich günstigere Kontinente, nicht zu vergessen die erfolgreiche Steuerung und Integration eben dieser neuen Standorte. Die Führung muss nun über Länder und Kontinente hinweg stattfinden, die neuen Standorte müssen erfolgreich gesteuert und integriert werden. Dies wirkt sich nicht nur auf den Umgang mit anderen Kulturen und Prägungen aus, auch die unterschiedlichen zeitlichen und finanziellen Gegebenheiten sind eine Herausforderung, vor allem wenn es darum geht, ein Team zu formen, das dieselben Ziele verfolgt.

Des Weiteren werden die Veränderungen beim Thema Outsourcing sichtbar. Die Tendenz, strategisch weniger wichtige IT-Services auszulagern, führt zu neuen Steuerungsfragen. Ich denke hier zum Beispiel an große zentrale IT-Services, wie etwa die Druckstraßen, die ausgelagert und an externe Serviceprovider vergeben werden. Die Fragen, mit denen sich Führungskräfte hier konfrontiert sehen, reichen vom Thema Sicherheit (Gewährleistungsfragen) bis hin zur Frage, wie man externe Dienstleister erfolgreich steuern kann.

Eine weitere Veränderung betrifft die gestiegenen fachlichen Anforderungen an die IT und die damit verbundenen Konsequenzen. Wo die IT die zentralen Unternehmensprozesse ihrer Kunden berücksichtigen und abbilden muss, ist in zunehmendem Maße nicht nur sehr gutes fachliches, sondern auch prozessuales und Organisations-Verständnis gefordert. Das gilt ebenso bei der Implementierung von Standardsoftware in zunehmend komplexer werdende Unternehmen.

Ein letztes Beispiel bleibt bei der fachlichen Qualität: Dass IT-Fachexperten in anderen Ländern längst eine mindestens ebenso gute Ausbildung erfahren wie bei uns, ist bekannt. So haben die asiatischen Staaten jahrzehntelang an ihrer technischen Alleinstellung gearbeitet, um in der Weltwirtschaft erfolgreich mitmischen zu können – in vergleichbarer Qualität, aber zu sehr viel günstigeren Preisen. Da in Deutschland lange von diesen günstigeren Preisen profitiert wurde, blieb die Investition in die eigenen fachlichen Ressourcen auf der Strecke (Stichwort Ressourcenverknappung). Hier herrscht enormer Nachholbedarf – und hier sehen sich Führungskräfte unter hohen Druck gesetzt.

silicon.de: Heißt das, bei Bewerbungen haben heute andere Kandidaten Chancen auf eine Führungsposition als noch vor einigen Jahren?

von Boyen: Ja und nein. Gewisse Eigenschaften sind natürlich nach wie vor dieselben, nämlich:

Allgemeine Managementkompetenzen und ausgeprägtes Fachwissen, generelle Führungskompetenzen und natürliche Autorität, sowie Teamfähigkeit.
Hinzu kommen nun aber zentrale Fähigkeiten von oben benanntem “Binnenunternehmertum”: klar im Vorteil sind Personen mit Reorganisations- und Restrukturierungsbackground in Kombination mit positiven Turnaround-Erfahrungen, also Werbungs- und Krisenbewältigungs- sowie Sanierungswissen.

Damit geht verstärkt strategisches und unternehmerisches Denken, vernetztes Denken und Handeln (Networking-Kompetenz) sowie organisationale Intelligenz einher: Heute ist es wichtig, komplexe Strukturen im Unternehmen durchschauen, entstehende Freiräume nutzen und eine informelle Binnenordnung in der Komplexität schaffen zu können.
Ebenso steht der Dauerbrenner “Change” noch mehr im Fokus und damit die Fähigkeit, komplexe Veränderungsprozesse zu managen.

Eine der wichtigsten Anforderung an Führung ist heute aber die Fähigkeit, Talente zu identifizieren, zu fördern und zu binden und das alles am besten in Kombination mit einer ausgeprägten Ergebnisorientierung, d.h. Wissen um “Quick Wins” und schnellen Erfolg. Darüber hinaus müssen Kandidaten für Führungspositionen in der Lage sein, über organisatorische Grenzen hinweg zu agieren. Dies bedeutet, die systemische Verbindung zwischen Markt, Organisation, Funktion und Person zu verstehen und entsprechend zu handeln.

Und nicht zuletzt ist die Fähigkeit der Selbstreflexion zu nennen, die bei den vielen neuen Anforderungen nicht aus dem Fokus geraten darf. Also Wissen über sich selbst, wie wirkt man und wer ist man; damit verbunden die Kompetenz der “Selbststeuerung”, mithin die persönliche Realisierungs- und Umsetzungsfähigkeit.

silicon.de: Was genau hat die Veränderungen ausgelöst?

von Boyen: Der Haupttreiber ist sicherlich die Globalisierung, die sich immer schneller verändernde Unternehmensumwelt und die damit einhergehende kommunikative weltweite Transparenz. Ebenso die Schnelligkeit der sich verändernden Märkte und damit verbunden das Bewusstsein, dass mein Markt und Konkurrent nicht mehr nur vor meiner Haustüre ist.
Die technischen Innovationen sind sicherlich ein zweiter großer Einflussfaktor, Kommunikation kann von überall zu jeder Sekunde nach überall stattfinden, das beeinflusst sehr vieles.

silicon.de: Wie stelle ich mich als Führungskraft in der IT-Branche auf diese Situation ein?

von Boyen: Indem ich mir die aktuelle und zukünftige Bedeutung der Informatik vor Augen führe und mir klar überlege, welche Konsequenzen das für die verschiedenen Bereiche und Funktionen meines aktuellen Unternehmens hat.

Dann ist es natürlich wichtig, eine klare Karrierestrategie zu haben und diese auch zu verfolgen. Aufgrund der Verschiebung von Fach- in Richtung Prozesswissen stellt sich in fast jeder IT-Karriere irgendwann die Frage, in welchem Kontext will ich mich weiterentwickeln, und wann lege ich mich auf einen Kontext fest, um zusätzliches Wissen aufzubauen.
Weiterhin sind aktives Networking und das ständige Bestreben nach Weiterbildung längst zu Grundanforderungen geworden sein.

silicon.de: Stichwort ältere Fach- und Führungskräfte: Geraten diese durch die aktuelle Entwicklung noch mehr ins Abseits?

von Boyen: Sie sind in der Tat in der Gefahr, noch mehr ins Abseits zu geraten. Denn die eindeutige demografische Prognose und die bereits seit langem andauernde ständige Nachfrage nach sehr guten IT-Fachleuten haben viele Kandidaten “satt und sicher” werden lassen.

Hier hilft nur eines: Trends aktiv beobachten und suchen, diese auf die eigene Funktion beziehen und dann aktiv nachverfolgen und vorausschauend die persönlichen beruflichen Konsequenzen planen.
Keine Branche ist so wandlungsfreudig wie die IT; und oft kommen aus dem Ausland so schnell Einflüsse auf uns zu, dass wir uns bis ins hohe Alter vor allem Flexibilität, Wachsamkeit und Anpassungsfähigkeit erhalten müssen.