Interview: Cloud Computing ist Mittel zum Zweck

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Cloud Computing, eine Zukunftstechnologie, von der die Finanzwirtschaft besonders profitieren kann. Detlev Klage, Leiter Geschäftsbereich Client/Server bei der Finanz Informatik, beschreibt im Gespräch mit silicon.de das Potenzial und die Rahmenbedingungen, unter denen Cloud-Computing zum Erfolg werden kann.

Sein Credo lautet dabei, den mit der Cloud-Technologie verbundenen Paradigmenwechsel evolutionär anzugehen und nur das umzusetzen, was einen praktischen Nutzen bietet.

silicon.de: Herr Klage, als IT-Dienstleister der Sparkassen kommen die Kunden mit besonderen Anforderungen auf die Finanz Informatik zu. Die Anwender brauchen spezielle Lösungen und die natürlich besonders sicher. Ist hier die viel beschworene Cloud das Maß aller Dinge?

Klage: Die Cloud ist sicher nicht das Maß aller Dinge, sondern eher ein Mittel zum Zweck. Sie ist Technologie und steht damit im Dienst des Business. Unser Auftrag besteht darin, unsere Kunden wie zum Beispiel Sparkassen und Landesbanken bei ihrer täglichen Arbeit zu unterstützen. Dazu stellen wir bankfachliche Anwendungen rund um die Uhr zur Verfügung. Hierbei haben Sicherheit, Verfügbarkeit und Wirtschaftlichkeit höchste Priorität. Im Kontext von Sicherheit und Verfügbarkeit scheidet die Public Cloud damit aus, denn sicher ist eine Cloud-Umgebung, wenn diese als rundum geschützte Private Cloud organisiert ist. Für eine permanente Verfügbarkeit brauchen Sie neben der geeigneten Infrastruktur auch einen professionellen IT-Betrieb. Und zwar auf beiden Seiten der Cloud – das heißt, dass auch die Abnehmer der Dienste im Enterprise-Umfeld ihre IT-Organisation entsprechend organisieren und häufig damit auch weiter professionalisieren müssen. Um Cloud-Dienste wirtschaftlich zu betreiben, benötigt man ein gewisses Volumen. Das ist bei uns der Fall. Schließlich wickeln wir jährlich rund 89,7 Milliarden technische Transaktionen ab.

silicon.de: Was spricht in Ihren Augen gegen die ‘alternativlose’ Nutzung der Cloud?

Klage: Technologien sind nie alternativlos. Aber es gibt immer wieder technologische Konzepte, die das Zeug haben, einen Paradigmenwechsel in der IT herbeizuführen. Dazu gehört sicher die Cloud Technologie, die zunehmend die Art verändert, IT zu betreiben und zu nutzen. Es ist also daher heute die schlechtere Alternative, sich den Möglichkeiten des Cloud-Computings zu verschließen. Vielmehr gilt es, die Vorteile für den Kunden aus der Technologie zu erschließen. Wenn das klappt, setzt sich die Technologie auch durch. Das heißt aber nicht, dass fortan alles in der Wolke passieren muss. Wer in der IT Verantwortung trägt hat in der Regel gelernt, dass es riskant sein kann, sich einer bestimmten Technologie einseitig zu verschreiben. Paradigmenwechsel in der IT sollten in der Praxis evolutionär angegangen werden. In manchen Fällen ist es einfach so, dass neue Technologien keine befriedigenden Antworten auf Praxisanforderungen bieten.

silicon.de: Können Sie uns da ein Beispiel nennen?

Klage: In der Finanzbranche ist die IT regelmäßig gefordert, sehr schnell neue gesetzliche Anforderungen abzubilden. Wir haben daher unser Architekturkonzept darauf ausgelegt, einerseits marktgängige Lösungen über standardisierte Schnittstellen schnell integrieren zu können, andererseits aber auch selbst mit einer minimalen Time-to-Market-Spanne Lösungen entwickeln zu können, wenn der Markt nichts Angemessenes bietet. Damit wir uns nicht Umsetzungsgeschwindigkeit nehmen, setzen wir beispielsweise auf Terminal-Server. Damit bewegen wir uns in der Sicht einiger Protagonisten am Markt nicht mehr in klassischen Cloud-Strukturen. Mit gutem Grund, denn wenn wir jede neue Lösung erst auf unterschiedliche Browser und Browsergenerationen abstimmen müssten, würden wir uns ohne wirklichen Mehrwert der Effizienz unserer intelligenten Architektur berauben und teilweise vorhandene Marktlösungen nicht eingesetzt werden können.

silicon.de: Kann die Terminal-Server-Technologie mit der gleichen Flexibilität und ebenfalls dezentral betrieben werden?

Klage: Grundsätzlich ja, wenn man sich auf hohem Niveau in virtuellen Umgebungen befindet. Bei der Finanz Informatik haben wir unsere Infrastrukturen auf professionelle Weise virtualisiert. Dabei gehen die Anforderungen weit über die im klassischen Rechenzentrumsbetrieb hinaus. Testen, Monitoring und Backup-Szenarien sind in virtualisierten Umgebungen äußerst anspruchsvoll. Wenn man das aber einmal im Griff hat, können Terminal-Server bedarfsgerecht dezentral genutzt werden.

silicon.de: Was erreichen sie mit Terminal-Servern, was man mit der Cloud nicht erreichen könnte?

Klage: Ich persönlich sehe gar keinen großen Widerspruch zwischen Terminal-Server auf der einen und der Cloud-Computing auf der anderen Seite. Es ist allerdings eine Definitionsfrage. Wo steht geschrieben, dass Cloud-Anwendungen ausschließlich im Browser laufen dürfen? Es ist vielleicht ein Anspruch, den einzelne Technologieanbieter haben. Unser Anspruch ist es hingegen, unseren Kunden die optimale Lösung für ihre bankfachlichen Aufgaben anzubieten. Dabei hat der Terminal-Server einen festen Platz in unserer Cloud-Strategie. Ganz nebenbei: Mir ist kein Anbieter bekannt, der auf eine Infrastruktur referenziert, in der über 140.000 Thin Clients betrieben werden, die ausschließlich per Browser auf tausende von fachlichen Services zugreifen.

silicon.de: Wir haben uns ja auf der CeBIT 2009 bereits unterhalten, damals ha-ben wir über eine SOA und eine Portallösung für ihre Anwender gesprochen, die über die Finanz Informatik wiederverwendbare Services bereit gestellt bekommen. Was hat sich seit denn auf Seiten der Infrastruktur getan?

Klage: Die bankfachlichen Dienste innerhalb unserer SOA waren schon bei unserem letzten Gespräch vollständig ausgereift und im Einsatz. Das Portal haben wir seitdem weiterentwickelt. Dazu gehört unter anderem, dass wir das Pay-per-Use-Modell, welches wir mit dem Portal verfolgen, weiterentwickelt haben. Unsere Kunden bezahlen in weiten Teilen nur noch für die Funktionen, die sie tatsächlich nutzen. Das geht so weit, dass wir im Entwicklungsstadium bereits einen geplanten Geschäftsprozess im Vorfeld simulieren und die zu erwartenden IT-Kosten pro Aufruf abschätzen können.

silicon.de: Haben sich auch die Anforderungen der Anwender ebenfalls gewandelt? Was müssen Sie heute anders machen, um die gleiche Kundenzufriedenheit zu bekommen wie vor drei Jahren?

Klage: Dass unsere Anwendungen sicher und hoch verfügbar sind, wird ganz selbstverständlich von uns erwartet. Ein zentrales Thema sind aber die Kosten. Dadurch, dass wir schon immer Wert auf Kostentransparenz gelegt haben, bieten wir unseren Kunden viel Planungssicherheit. Unsere Cloud-Strategie hilft uns dabei, auf diesem Gebiet einen nächsten Reifegrad zu erreichen. Gestartet sind wir mit bankfachlichen Dienstleistungen. Inzwischen umfasst das Angebot ebenso standardisierte Infrastruktur-Dienste. Beides wird auf Grundlage eines verbrauchsorientierten Abrechnungsmodells bereitgestellt. Die Infrastrukturdienste ermöglichen es den Sparkassen, ihre dezentralen Infrastrukturen in unsere Rechenzentren zu verlagern und in einer geschützten Private Cloud darauf zuzugreifen.

Unser Ziel ist es, als zentraler Cloud Service Provider der Sparkassen-Finanzgruppe einen hoch effizienten IT-Betrieb für den Finanzverbund zu gewährleisten. Unsere direkten Kunden sind dabei die Sparkassen. Gemeinsam mit unserem Tochterunternehmen Finanz Informatik Technologie Service bedienen wir darüber hinaus auch Landesbanken und andere Finanzinstitute.

silicon.de: Was werden sie künftig tun müssen, um dieses Ziel zu erreichen?

Klage: Wir haben eine klare Roadmap: Derzeit arbeiten wir an einem IT Service 2.0, der immer mehr Infrastruktur-Dienste in einem strukturierten Cloud-Angebot bündelt. Später werden auch immer mehr Komponenten unserer Gesamtbanklösung OSPlus in die Cloud wandern. Langfristig planen wir, auch eigene dezentrale Anwendungen, die unsere Kunden bislang noch in Ergänzung zu unseren Lösungen betreiben, zu wirtschaft-lichen Konditionen in die Cloud zu verlagern.

silicon.de: Sprechen wir über Endgeräte. Ist denn das Galaxy-Tab oder das iPad bei ihren Anwendern ein Thema?

Klage: Natürlich ist das iPad auch in den Sparkassen ungeheuer gefragt. Wir haben frühzeitig darauf reagiert und bieten den Instituten aktuell eine erste iPad-App für Berater im Vertrieb, die bei den Sparkassen und den Endkunden sehr gut ankommt. Dieses Angebot werden wir zukünftig noch weiter ausbauen und uns dafür weiterhin den Markt der mobilen Endgeräte ganz genau ansehen, um hier marktgerecht und schnell die notwendige Unterstützung der relevanten Endgeräte und Plattformen zu bieten; und das sowohl für die Sparkassen als auch deren Kunden. Am High-End haben wir auch schon einiges auf dem MS Surface realisiert. Unsere Internet-Filiale mobile läuft im Übrigen als Plattform für das Online-Banking auf nahezu allen mobilen Endgeräten. Apps für Sparkassenkunden entwickelt außerdem unsere Tochter Star Finanz. Die von ihr entwickelten Mobile-Banking-Apps »S-Finanzstatus«, »S-Banking« und »S-Prepaid« gehören zu den beliebtesten Mobile-Banking-Apps in Deutschland und haben die Zweieinhalb-Millionen-Marke an Downloads längst überschritten.

silicon.de: Neben dem klassischen PC werden, und das auch gerne im Finanzsektor, Thin Clients oder virtualisierte PCs eingesetzt. Macht das für Sie das Leben einfacher, oder erschwert diese architektonische Vielfalt die Bereitstellung?

Klage: Unsere IT-Strategie ist zukunftsorientiert. Darum haben wir frühzeitig Strukturen geschaffen, in die wir diese Endgeräte problemlos einbinden können. Der Sparkassen-Arbeitsplatz der Zukunft läuft auf einem Thin Client mit virtualisierter persönlicher Oberfläche zu jeder Zeit und an jedem beliebigen Ort – vorausgesetzt, es sitzt ein autorisierter Nutzer da-vor.

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