Juli-Rückblick: Leben mit 10 Peta-NOPS

Enterprise

Europas leistungsfähigster Number Cruncher steht jetzt in München. Das ist schön. Noch schöner ist allerdings der Münchner Sommer.

Die Jahresmitte, das ist die Zeit des Supercomputings. Im Juni veröffentlicht Professor Hans-Werner Meuer immer seine neue Top-500-Liste mit den mächtigsten Linpack-getesteten Zahlenfressern der Welt. Forscher erhoffen sich, mit ihrer Hilfe wissenschaftliches Neuland zu betreten, die Entstehung des Alls durchrechnen und Teile des menschlichen Gehirn simulieren zu können.

Europas stärkster steht jetzt ja in München, auf dem Campus der hiesigen Technischen Universität, und hat im Juli seine Rechenarbeit offiziell aufgenommen. Der rechnet wirklich was weg: 2,9 PetaFlOPS, 2,9 Billiarden Gleitkomma-Aufgaben pro Sekunde! SuperMUC heißt er. MUC ist das internationale Kürzel für München.

Und auch darüber hinaus ist MUC dieser Tage wieder ganz prächtig: Die Frauen sind sommerlich gekleidet. Die Leute fahren Rad und sind gut drauf, weil Bewegung gut für die Seele ist. Und mittendurch fließt die Isar, zu deren Ufer allabendlich Unmengen Bier und Grillgut transportiert werden.

Da merkt man dann: Es ist auch für einen selbst wieder einmal Zeit, Neuland zu betreten, quasi zum sommerlichen Supercomputing-Paradigma zu wechseln.

Ansonsten beherrscht ja eher das Mainframe-Modell den Alltag: Morgens stellt man sich seine Tasks zusammen. Tagsüber arbeitet man sie gewissenhaft ab. Und Abends ist man zufrieden darüber, dass es wieder einmal zero Downtime gab. Man bewährt sich als Legacy-System, ist bei weitem nicht so hochgetaktet wie jüngere Modelle, performt aber ganz ordentlich und funktioniert vor allem äußerst zuverlässig. Zero Downtime halt. Denn Zeit ist kostbar.

In einem schönen MUC-Sommer aber geraten die ganzen bewährten Funktionen und Routinen durcheinander. Der innere Scheduler versieht plötzlich eine sehr ungewöhnliche Task mit der höchsten Priorität: Leben!

Diese Task aber kann man nicht so einfach abarbeiten wie andere. Und Leistung bringt da schon gar nichts.

Eher das Gegenteil: Was das Leben so schön macht, sind Nicht-Tätigkeiten, NOPs, Nulloperationen, wie’s der Informatiker formulieren würde. Ruhen beispielsweise ist so eine NOP und ganz wunderbar. Wohnen auch nicht schlecht, vorausgesetzt man hat für den Sommer einen Balkon mit Liegestuhl, in dem sich’s dösen und träumen lässt.

Sich sonnen ist herrlich. Und sich paaren erst! Im schicklichen Sinne, versteht sich, also nicht so direkt gemeint, sondern mehr allgemein. Im gewöhnlichen Sinn ist es natürlich auch sehr schön. Aber es schickt sich eben nicht, das in Worte zu fassen.

Kurz: Leben ist Sein, wie’s der Philosoph ausdrücken würde. Aber wenn man dauernd damit befasst ist, zu tun und nicht zu sein, dann fällt einem so ein Task-Switch doch sehr schwer. Man muss also mal wieder – jahreszeitlich bedingt – Neuland betreten.

Die Kühlung ist wichtig, lehrt der SuperMUC, bei dem lauwarmes Wasser dafür sorgt, dass er nicht überhitzt. Das allerdings taugt nicht fürs humanoide Supercomputing.

Man radelt also zum Biergarten. Radeln übrigens ist eigentlich auch eine NOP. Man ist. Das bisschen Treten kann man vernachlässigen. Man denkelt vor sich hin. Die Welt bewegt sich an einem vorbei und zeigt sich in ständig neuen Facetten.

Die behelmten Kampfradler, die einen überholen, sehen das natürlich ganz anders. Die performen, weil’s offenbar bei ihnen in der Arbeit nicht genügend Gelegenheit dazu gibt. Wieviel ästhetischer wäre doch diese Welt, denkelt man beim Blick auf einen in Gummihosen gepackten, unförmigen Hintern, wenn solche Typen sich einen Heimtrainer zulegen würden.

Im Biergarten dann herrscht Frieden. Hier kann man sein. Grazile Frauen kommen von der Schänke mit Krügen, so groß, als wollten sie ein Bad darin nehmen. Eine Alt-Herren-Band spielt Jazz.

Dann wechselt sie zu Stones: „Wasting Time“ – Zeit verschwenden. Das ist herrlich, das Wertvollste, was es gibt, nicht dafür zu verwenden, was irgendwer von einem verlangt, sondern einfach für einen selbst. Warum man denn so frei sein müsse, fragen die Stones in Ruby Tuesday, um die Frage dann gleich zu beantworten: “It’s the only way to be.” So isses doch.

Und während man einen großen Schluck aus seiner Mass nimmt, fährt man den inneren Linpack-Benchmark und stellt zufrieden fest: mindestens 10 PetaNOPS, mindestens 10 Billiarden Non-Operations per Second. – Es ist Sommer in MUC.

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